2 Frauen 1 Buch – Julian Barnes: Der Lärm der Zeit

Heike und Ulla und Julian Barnes

Uff Ulla, Julian Barnes’ aktuelles Buch Der Lärm der Zeit ist ein ganz schön harter Brocken. Ich habe verhältnismäßig lange gebraucht, bis ich es durchhatte, um nicht zu sagen ewig, obwohl es ein wirklich sehr gutes Buch ist. Aber Themen, Aufbau und Sprache haben mir ordentlich zugesetzt: Verfolgung, Instrumentalisierung, Entmündigung, Todesangst – das sind nur einige Schlagwörter, die mir zu dem Buch einfallen und alle sind negativ besetzt. Wie war deine Leseerfahrung mit Der Lärm der Zeit?

Da hast Du recht, Heike: Julian Barnes’ aktuelles Buch ist wirklich keine leichte Kost. Ich habe dreimal begonnen, es zu lesen und musste es nach ein paar Seiten weglegen. Nicht weil es schlecht war! Nein, weil man sich wirklich mit allem, was einem zur Verfügung steht, hineinstürzen muss. Das kann man nicht mal so kurz lesen, nicht so nebenher und mental empfehle ich zumindest eine stabile Verfassung. Denn die Themen sind wirklich weit entfernt von jeglicher Happy End-Tauglichkeit. Ganz im Gegenteil: Vom Schlimmer schlittern wir zum Allerschlimmsten.

„Dies war die schlimmste Zeit“, „Dies war die schlimmste Zeit“, „Dies war die allerschlimmste Zeit“,

so beginnen die drei Kapitel des Buches. Und so war für mich auch die Stimmung beim Lesen. Alles, wirklich alles entwickelt sich für den Protagonisten schlimm und immer schlimmer. Das wirkt ganz schön bedrückend. Wie kann man so leben, habe ich mich permanent gefragt. Das ist doch kein Leben.

Nein, richtig gut ist das Leben von Barnes’ Protagonisten Schostakowitsch nicht. Hinter jeder Ecke könnte einer von Stalins Schergen lauern und ihm den finalen Todesstoß versetzen. Dabei will er doch eigentlich nur in Ruhe komponieren. Aber immerhin ist es ein Leben. Immer wieder denkt er ja darüber nach, ob er sich umbringen soll und entscheidet sich doch für diese Existenz – voller Furcht und Lügen. Kaum vorstellbar aus unserer mitteleuropäischen, demokratischen Wohlstandsgesellschaft-Perspektive. Dabei hatte er ja eigentlich eine steile Karriere vor sich…

Das stimmt. Gleich im ersten Kapitel, als der noch junge Komponist Schostakowitsch seine Oper Lady Macbeth von Mzensk vor den Augen und Ohren Stalins aufführt, kommt es zu folgender Schlüsselszene:

„Als das Publikum am Anfang des vierten Aktes zur Regierungsloge hochschaute, fand es sie verlassen.“

Stalin, der sich für einen Musikkenner hält, verlässt die Oper frühzeitig, sie war ihm nicht sozialistisch genug. Mit dieser Geste der Macht – wie Stalin fortan genannt wird – besiegelt der Herrscher das Schicksal eines jungen, hoffnungsvollen Menschen. Wow! An dieser Stelle des Buches konnte ich noch nicht abschätzen, wie schlimm das noch wird.

Heike liest „Der Lärm der Zeit“.

Dass diese eine Aufführung Schostakowitschs gesamtes restliches Leben bestimmen wird, ahnt man wirklich nicht. Aber dass Stalins deutliche Geste nichts Gutes verheißt, ist ziemlich schnell klar. Und all das wegen einer Oper! Das muss man sich erst einmal so richtig bewusst machen. Einer Oper!

Von dem Tag mit dem Vorfall in der Oper an wird dieser Mensch seines Lebens beraubt. Die Oper darf nicht mehr aufgeführt werden, der Komponist wird überwacht, soll sich in Aussagen, die wie ganz normale Gespräche daherkommen, über Komponistenkollegen äußern, er wird fremdbestimmt und fürchtet jahrzehntelang um sein Leben und das Leben seiner Frau und seiner Tochter. Was die Handlung angeht, passiert gar nicht so viel in Der Lärm der Zeit. Es ist eher wie ein riesiger Monolog darüber, wie die Regierung Russlands in der Zeit Stalins und später in der Zeit Chruschtschows mit „Abtrünnigen“ verfährt. Todesangst schüren, den Geist brechen und Marionetten dirigieren. Das war mein Eindruck dessen, was in dieser Zeit passiert ist.

Dass sich Diktatoren ihrem Volk gerne allumfassend widmen und ihnen quasi das Komplettpaket der korrekten Lebensführung mit dem Zusatz „Friß oder stirb“ vorlegen, ist ja – hoffentlich – hinlänglich bekannt. Aber weil Barnes das so detailliert beschreibt, wird es so lebensnah, so alltäglich und damit umso schrecklicher. Schostakowitsch kann ja eigentlich nichts tun, um sein Los zu verbessern. Er muss Tag für Tag, Monat um Monat, Jahr für Jahr damit rechnen, dass ihm und seiner Familie doch noch etwas angetan wird. Kommen sie heute, morgen oder vielleicht erst übermorgen? Oder kommen sie doch gar nicht? Das ist ja das perfide Spiel, dass Stalin und seine Marionetten mit ihm spielen. So wird man seines Lebens nicht mehr froh. Eigentlich muss man so irre werden. Kurz nach dem Vorfall in der Oper steht der Komponist jede Nacht mit gepacktem Koffer am Aufzug vor seiner Wohnung und wartet darauf, abgeholt zu werden. Er wartet, um seiner Frau und seiner Tochter das nächtliche Eindringen der Regierungstruppe zu ersparen. Das Bild hat sich in meinem Kopf eingebrannt. Aufstehen, Anziehen, Packen. Jede Nacht. Und nie wissen, ob jemand kommt. Das ist die schlimmste Folter, die man sich vorstellen kann – sie hört nicht auf.

Barnes lässt den Leser in den Kopf der Hauptfigur schlüpfen. Überallhin pflanzt der Autor kleine Gedankenausflüge des Protagonisten und Einschübe, die schnell zu Schlingpflanzen heranwachsen, sich um den Leser legen und ihm die Luft zum Atmen nehmen. Nur ein Beispiel:

„Sarkasmus war gefährlich für den, der ihn gebrauchte, weil als die Sprache der Schädlinge und Saboteure erkennbar.“

Es bleibt also nicht einmal mehr die Flucht in Sarkasmus und Ironie. Oder:

„Wo gehobelt wird, da fallen Späne: Dieser Spruch war bei den Erbauern des Sozialismus sehr beliebt. Doch was, wenn man am Ende den Hobel weglegt und sah, dass auf dem ganzen Holzplatz nichts als Späne lagen?“

Auf jeden Fall türmt sich um Schostakowitsch ein ganzer Berg an Holzspänen. Alle von Stalin und Chruschtschow gehobelt. Irgendwann wird der Berg so eng, dass er nicht mehr entkommen kann. Und wir als Leser stecken mit ihm drin. Da wird’s dann wirklich unerträglich. Bei jeder Antwort überlegen zu müssen, ob man die Wahrheit spricht oder zur lebensrettenden Lüge greift, ist ja schon furchtbar. Aber irgendwann zum Automaten zu verkommen, der wie von selbst die staatskonformen Floskeln raushaut, ist noch furchtbarer. Weil die Seele dabei stirbt. Wenn Schostakowitsch sich damit tröstet, er hätte es eben ironisch gemeint, wird es nicht besser. Wenn keiner die Ironie versteht oder erkennt, ist sie einfach nicht da. Dann wird das Dasein zum Gefängnis, dann zerbricht das Künstlerherz.

Über beinahe jeden Satz in diesem Buch könnte man ewig nachgrübeln. Das geht natürlich nicht, aber etwas, worüber ich tatsächlich lange nachgedacht habe, war das Motiv des Märtyrers. Das ist eines der vielen Themen in Der Lärm der Zeit. Auf Auslandsreisen oder beim Besuch ausländischer Komponisten und Intellektueller in Russland wird Schostakowitsch immer wieder damit konfrontiert, wie er sich anders verhalten könnte. Denn Schostakowitsch ist kein Rebell und keiner, der versucht, das Land zu verlassen. Kurz: Er ist kein Idiot. Er hängt an seinem Leben und tut, was von ihm verlangt wird. Nur weil ein System dein Leben so beeinflusst, dass es nicht mehr lebenswert scheint, solltest immer noch du derjenige sein, der entscheidet, ob er es hergibt oder ob er es aufgibt. Und Schostakowitsch war ja auch alles andere als ein Anhänger des Systems, er war nichtmal ein Mitläufer, er war ein Sich-und-seine-Lieben-Selbstschützer. Und wer sollte ihm das vorwerfen?

Ulla liest „The Noise of Time“.

Er wirft es sich ja vor, immer und immer wieder. Bezeichnet sich als Feigling. Aber ist er das? Weil er weder fliehen noch sterben will? Ich finde nicht. Und er hat ja auch einen guten Grund, der gegen Selbstmord spricht: Er will es dem Staat nicht überlassen, seine Geschichte zu erzählen und zu verfälschen. Ihn in aller Augen zum Verräter zu machen. Das ist ja schon mal alles andere als feige. Und trotzdem tut es beim Lesen fast weh, wenn er da in den USA steht und vor all diesen Leuten sagen muss, dass er Stalin in allen Punkten zustimmt. Dass es schon richtig war, seine Oper zu verbieten. Dass Stravinsky – den er mehr als jeden anderen Musiker bewundert – ein Volksverräter, ein miserabler Komponist ist. Wenn man alles, wofür man steht, verleugnet, nur um sich und seine Familie zu schützen, dann ist das ein hoher und schrecklicher Preis. Ein Feigling ist man nicht. Vielleicht ein Verräter am eigenen Ich, aber das nicht freiwillig.

Schostakowitsch leidet nicht zuletzt auch unter diesen Menschen, die weit weg, in Sicherheit sitzend so viel von ihm erwarten, nein verlangen:

„Dass es hier unmöglich war, die Wahrheit zu sagen und am Leben zu bleiben. Die sich einbildeten, sie wüssten, wie die Macht funktioniert, und wollten, dass du dich dagegen zur Wehr setzt, wie sie es, so glaubten sie, an deiner Stelle tun würden. Mit anderen Worten, sie wollten dein Blut. Sie wollten Märtyrer zum Beweis der Bösartigkeit des Regimes. Aber der Märtyrer solltest du sein, nicht sie. Und wie viele Märtyrer würden nötig sein, um zu beweisen, dass das Regime wirklich, ungeheuerlich, fleischfressend böse war? Mehr, immer mehr.“

Das ist die für mich stärkste Stelle im Buch. Sie nimmt der Beantwortung der in diesem Buch immer mitschwingenden Frage des „Was hättest du getan?“ zwar jeden Wind aus den Segeln, ist aber umso realistischer. „Willst du leben oder willst du sterben?“ sollte die Frage eigentlich lauten und jede Antwort ist klar.

Was weiß der Wolf von der Angst der Lämmer? Das fragt Schostakowitsch sich im Buch immer wieder. Nichts, absolut nichts lautet die Antwort. Darum kann man auf die Frage „Was hättest Du getan?“ auch gar nicht antworten, weil sie niemals ehrlich sein könnte. Man kann nur mit ihm gemeinsam hoffen, dass sich seine Musik irgendwann über den Lärm der Zeit erhebt, über Politik und Personen, und als das wirkt, was sie war: gute Musik. Noch besser ist, dass wir dank Barnes seiner Geschichte lauschen können, der Innensicht seiner Geschichte. Vielleicht schenkt ihm das über 40 Jahre nach seinem Tod zumindest ein Stückchen Frieden und Freiheit. Ist doch toll, wenn ein Roman so etwas leisten kann!

Eine weitere Stärke des Buches ist für mich die Übersetzung von Gertrude Krueger. Das Original ist natürlich Englisch, ich lese aber meistens, ok eigentlich fast immer, ok IMMER auf Deutsch und trotzdem ist es bei Barnes vor allem die Sprache, die mich fesselt. Gertrude Krueger hatte auch schon Vom Ende einer Geschichte übersetzt. Das einzige weitere Barnes-Buch, das ich kenne und liebe! Doch gegen Der Lärm der Zeit ist Vom Ende einer Geschichte der reinste Spaziergang.

Ich bin riesengroßer Barnes-Fan und habe fast alles von ihm gelesen. Fast alles davon auf Englisch, auch dieses. Ich hielt also nicht Der Lärm der Zeit, sondern The Noise of Time in der Hand. Ich stimme Dir aber voll und ganz zu: Diese Sprache ist etwas ganz Besonderes. Diesen Genuss will ich natürlich hautnah, live und in Farbe haben. Darum lese ich das Original. Das ist in diesem Fall wirklich kein Sonntagsspaziergang, aber manchmal fühlt es sich trotzdem wie Fliegen an. Jeder Satz ist kristallklar, klug und katastrophal schön. Man lernt beim Lesen nicht nur viel über den Charakter und die Zeit, sondern über das Leben überhaupt, ohne dass Barnes jemals von seinem Thema abkommt. Hier ist ein Meister am Werk.

An wen würdest du das Buch empfehlen? Würdest du es überhaupt empfehlen? Ich finde, es ist gut aufgehoben bei Freunden der gehobenen Literatur, bei Interessenten der russischen Geschichte des 20. Jahrhunderts, bei Barnes-Fans wahrscheinlich sowieso. Barnes-Einsteiger sollten vielleicht doch erst einmal etwas anderes von ihm lesen. Der Lärm der Zeit kommt zwar leise daher, zerschmettert dir aber die Ohren und das Echo hallte ewig nach… Was hättest du getan? Was hättest du… Was hättest… Was…

Schwierige Frage, Heike. Empfehlen würde ich es auf jeden Fall, eigentlich jedem. Allerdings wäre ich mir nicht sicher, ob es wirklich jeder lesen will. Es ist schon harter Tobak, aber es gibt einem auch viel, finde ich. Es macht zum Beispiel sehr dankbar, dass wir in einer Demokratie leben dürfen. Dass wir schreiben, komponieren, sagen dürfen, was wir fühlen und denken. Dass ein Buch ein Echo hinterlässt, ist ja auch nicht selbstverständlich. Und so ein Echo, ein nachdenkliches Nachhallen tut uns allen hin und wieder ganz gut. Wer jetzt allerdings damit seinen Barnes-Einstieg wagen will, sollte tatsächlich erst einmal zu leichterer Kost greifen. Vom Ende einer Geschichte – das ich auf Englisch als The Sense of an Ending gelesen habe – eignet sich wirklich hervorragend. Oder auch Darüber Reden alias Talking It Over. Eigentlich ist es egal, was. Hauptsache man macht’s. Barnes zu lesen ist immer eine gute Entscheidung.

Julian Barnes. Der Lärm der Zeit. Kiepenheuer und Witsch, 2017. 20,00 Euro.
Julian Barnes. The Noise of Time. Vintage, 2016. 8,99 Euro.

Unsere Empfehlungen von Julian Barnes
Julian Barnes. Vom Ende einer Geschichte. btb, 2013. 8,99 Euro.
Julian Barnes. The Sense of an Ending. Vintage, 2012. 7,09 Euro.

Julian Barnes. Darüber reden. Kiepenheuer und Witsch, 2013. 22,99 Euro.
Julian Barnes. Talking it over. Vintage, 2009. 9,89 Euro.

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