2 Frauen 1 Buch – Takis Würger: Der Club

Heike und Ulla und Takis Würger

Liebe Ulla, hier wird gleich wild um sich gespoilert, man muss ja auf den Punkt kommen. Wobei das bei Takis Würgers Roman Der Club gar nicht mal so leicht ist. Denn es werden auf knapp 240 Seiten die ganz großen Fässer aufgemacht: Die Widerwärtigkeit der Eliten, sexuelle Gewalt, die unterschiedliche Wahrnehmung von Tätern und Opfern vor, während und nach den Taten. Es geht um Macht und Ohnmacht. Kurz, es geht um das, was die Welt im innersten zusammenhält. Alle sehen was. Jeder ahnt was. Keiner macht was. Oder wie siehst du das?

Ja, der ein oder andere Spoiler lässt sich wohl in dieser Buchbesprechung nicht vermeiden. Ich will auch gleich mal einen großen raushauen: Dieses Buch hat mich umgehauen! Es kommt so klein und zart daher – nicht nur in der Länge, sondern auch sprachlich – und bringt so eine Kraft mit, und ja, so bombastische Themen. Da stimme ich Dir vollkommen zu, liebe Heike. Das ist gar nicht so leicht zu verdauen. Nicht nur das, was die Menschen einander antun – vor allem die Starken den Schwachen – sondern auch, wie sie diese Taten dann verschleiern, vertuschen und kleinreden.

Bevor wir richtig loslegen, noch kurz die Geschichte: Hans verliert seine Eltern und kommt ins Internat. Nach seinem Abitur lädt ihn seine Tante, die in Cambridge als Professorin arbeitet, nach England ein. Schriftlich: „Ich möchte Dich nach Cambridge einladen. Es gibt eine Angelegenheit, bei der Du mir vielleicht helfen kannst.“ Hans kommt und erfährt, dass er ein Verbrechen aufklären soll. Welches, weiß er zunächst nicht. Der Leser ahnt es schnell. Hans bekommt einen falschen Nachnamen, wird Mitglied im legendären Pitt Club, verliebt sich und „ermittelt“ verdeckt innerhalb der Elite der Elite.

Wenn man mich direkt nach dem Abitur nach Cambridge eingeladen hätte, wäre ich ja hingeeilt. „Wann soll ich da sein? Jetzt oder gleich?“, das wäre ungefähr meine Antwort gewesen. Allerdings hätte ich meine sieben Sachen wohl genauso schnell wieder gepackt, nachdem man mir wie Hans eröffnet hätte, dass ich im Elite-Club unter falschem Namen und ohne zu wissen, worum es eigentlich geht, ermitteln solle. Aber Hans weiß nicht, wohin mit sich; eigentlich ist er ja ganz allein auf dieser Welt. Und trotzdem hat er diese unfassbare Ruhe und diese Stärke. In Charlotte, Tochter aus gutem Hause und Pitt Club-Expertin, findet er eine verwandte verletzte Seele. Ohne diese leise Liebesgeschichte wäre das Buch nur halb so interessant.

Außer dem Protagonisten Hans sind beinahe alle Figuren Repräsentanten von Klischees. Es gibt ein Outing innerhalb des Elite-Boxteams. Es gibt einen streng Gläubigen im Boxteam, der sich vor allem Fremden bedroht fühlt. Es gibt den Ausländer, der sich abmüht, Teil der Elite zu werden. Er ist Asiate und bekommt keinen Fuß in die Tür. Das hübsche Mädchen ist das Opfer. Und dann ist da noch Josh. Meine liebste Hassfigur. Josh ist der junge Donald Trump. Er ist eitel, selbstverliebt und null selbstreflexiv. Er ist brutal, gefährlich und – was in dieser Kombination am schlimmsten ist – er ist dumm.

„Es ist egal, was du machst, wenn die Storys, die die Leute über dich erzählen, gut genug sind.“ Das ist Josh’ simple Lebenseinstellung. Und eine mittelgute Story ist für ihn z.B. das:

Eine mittelgute Geschichte: Ich ließ mir immer Infusionen gegen meinen Kater legen und natürlich trank ich am Morgen nach dem Feiern einen halben Liter Kokosnusswasser wegen der Mineralien […].

Auch gut findet Josh diese Story:

Seit kurzem mache ich solche Spaziergänge, sie langweilen mich, aber ich fand es auch sehr stylish alleine spazieren zu gehen.

Oh man, Ulla. Die selbstverliebten, gefährlichen, dummen Jungs. Die gibt`s!

Ja, Heike, die gibt’s. Und leider nicht nur in Büchern. Das sind die Typen – Vorsicht, Klischee! – denen Mami und Papi jede Menge Kohle hinschieben, aber weder Zeit noch Liebe. Diese Währungen haben bei den Herrschaften leider keinerlei Wert. Und weil sie den Eltern nichts wert waren, sind sie den Kindern erst recht nichts wert. Die glauben dann, Geld kann alles richten. Ob den Kater, das Studium oder auch das ein oder andere Verbrechen. „Mir passiert schon nichts, ich zahl ja dafür“ – das ist Joshs Motto. Für die Befindlichkeiten von anderen hat man da kein Gespür und auch keine Geduld. Für die eigenen aber eigentlich auch nicht, ist eben nicht so stylish, wenn man sich mies fühlt. Und gegen als Selbstverliebtheit getarnten Selbsthass hilft Kokosnusswasser leider nicht.

Eliten unter sich scheinen eine ziemliche Katastrophe zu sein. Und der Autor Takis Würger muss es wissen, er hat selbst in Cambridge studiert, war Mitglied im Pitt Club. Mit diesem Buch entzaubert er vieles. Du bist ja hier der große England-Fan. Ist dein Bild von der idyllischen Campus-Welt durch dieses Buch sehr erschüttert worden? Geschichtsträchtige, schwere Gemäuer, jaja, aber können wir ertragen, was hinter den Mauern geschieht?

Puh. Ganz ehrlich: Ich habe nichts anderes erwartet. Ob man da jetzt England-, Frankreich-, Deutschland- oder USA-Fan ist, scheint mir ziemlich egal zu sein. Die Eliten – oder zumindest ein paar ihrer Vertreter – fühlen sich so elitär, so weit über all den Durchschnittstypen und Normalos, dass sie glauben, sie dürften alles. Insofern ist mein Bild nicht erschüttert worden, weil ich gar nicht an eine idyllische Campus-Welt geglaubt habe. Umso schlimmer! Unerträglich finde ich eigentlich, dass diese Club-Machenschaften von Generation zu Generation weitergetragen werden und sich scheinbar nichts ändert. Eine klassenlose Gesellschaft sieht anders aus. Wenn es immer noch die unantastbaren „da oben“ gibt und uns Bürger „da unten“ läuft gehörig was schief. Das – so mein Eindruck – ist in Großbritannien, vor allem in England, immer noch ausgeprägter als in anderen Ländern.

Das Mädchen, in das sich Hans verliebt, googelte – aus Gründen – Cambridge Vergewaltigung und fand die Seite www.cambridgerapecrisis.org.uk. Ulla, diese Seite gibt es. Dort wird u.a. erklärt, wie man sich verhalten soll, wenn man gerade vergewaltigt wurde. Vieles in diesem Buch scheint wahr. Man ist geneigt zu glauben, dass alles wahr ist.


Ja, ich habe da auch so eine Ahnung, einen ganz unangenehmen Verdacht. Einerseits gibt es ja einige Parallelen zwischen Hans und seinem Schöpfer Takis Würger. Dann diese Website. Und dann gibt’s noch diese Sache mit Josh. Im Roman erfahren wir, dass Joshs stinkreiche Familie ein Burg in Cornwall besitzt, die auf einer Insel liegt. Nun ja, das kann eigentlich nur eine sein: St Michael’s Mount. Gehört der Familie St Aubyn. Also, im echten Leben. Ich war da schon ein paar Mal, das ist einer der schönsten Orte, die ich je gesehen habe. Seitdem ich das Buch gelesen habe, denke ich mit flauem Magen öfter darüber nach, ob hinter all dieser Schönheit nicht eine ordentliche Portion Schrecken lauert. Selbst wenn nur ein Teil der Wahrheit entspricht, ist das ganz schön harter Tobak.

Der Club ist auf keiner Seite langweilig. Die Erzählweise ist knapp, beinahe steril, und das, obwohl die Erzählperspektive mit jedem Kapitel wechselt. Immer ist es ein anderes Ich, das zum Erzähler wird. Mal Hans, mal Josh und so weiter. Hans umgibt etwas Seltsames. Er ist immer ruhig, auch wenn er sich aufregt. Er wirkt immer distanziert, auch wenn er der Fühlende ist. Er macht es dem Leser leicht, sich auf die Dinge zu konzentrieren, die hier aufgedeckt werden, die um ihn herum geschehen. Und da kommt am Ende einiges zusammen.

Da stimme ich Dir wieder voll und ganz zu. Die Atmosphäre im gesamten Buch ist irgendwie distanziert und mysteriös, obwohl es ja um sehr intime, emotionale Themen geht. Und Hans ist nicht zu fassen für uns Leser, aber irgendwie ja auch für seine Mitmenschen nicht. Er scheint durch die Geschichte und sein Leben zu schweben. Obwohl er, der Boxer, eigentlich das Gegenteil von schwebend ist. Für mich macht er eher einen schwermütigen Eindruck. Das fällt ja auch seinen Box-Kollegen auf: dass hinter diesem schmächtigen Kerl eine gewaltige Menge an Kraft steckt. Aber dieses distanzierte, nicht zu fassende ist vermutlich seine Stärke. Er gehört nirgends richtig dazu und genau deshalb kann er letztendlich Licht in all das Dunkel des Pitt Clubs bringen.

Vieles ist vorhersehbar, vieles wird nüchtern beschrieben und doch kann man nicht wieder aussteigen, hat man einmal angefangen zu lesen. Am Ende kommen dann noch ein paar Geschehnisse zusammen, die man so nicht erwartet hätte. Und ganz am Ende, möchte man für einen kurzen Moment keine Frau sein. Ein Mann zu sein sollte sich nach dem Zuklappen des Buches aber auch nicht besser anfühlen. Der Club von Takis Würger ist ein sehr gutes Buch, in dem etwas Ungeheuerliches geschildert wird. Dadurch, dass es so klar, so emotionslos erzählt wird, wird es umso deutlicher, echter und realer. Es gibt hier keinen Kitsch, keine Schnörkel, keine Tränen und kein Plüsch. Es gibt nur Fakten.

Ja, das Ende ist die perfekte Mischung aus Erwartet und Unerwartet. Obwohl perfekt bei all den Grausamkeiten wahrscheinlich nicht das richtige Wort ist. Allerdings würde ich nicht sagen, dass es emotionslos erzählt ist. Klar und schnörkellos: ja. Auch die Sprache von Takis Würger wirkt zunächst sehr sachlich. Er beschreibt uns immer ganz genau, was gerade passiert. Aber hinter diesen Beobachtungen verbirgt sich oft eine zarte Poesie.

Ich spielte nie. Ich verbrachte meine Zeit damit, die Welt zu beobachten. An den Nachmittagen ging ich in den Wald und schaute zu, wie die Blätter sich bewegten, wenn der Wind sie berührte. Manchmal saß ich neben meinem Vater an der Werkbank und beobachtete, wie er Eichenholz drechselte, und roch den Duft frischer Späne. Ich umarmte meine Mutter, wenn sie Marmelade aus weißen Johannisbeeren kochte, und horchte an ihrem Rücken, wenn sie hustete.

Ist das nicht schön? Rein und klar und so poetisch, weil er die kleinen Dinge bemerkt. Leider bleibt die Welt nicht so unschuldig wie in seiner Kindheit. Mich hat diese Sprache gefesselt, fast mehr noch als die Handlung. Das Zusammenspiel aus beidem macht diesen kleinen Roman für mich zu einem ganz großen.

Takis Würger. Der Club. Kein & Aber, 2017. 22,00 Euro.

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