7 mal typisch Texas

Von Cowboys, Kennedy und Knarren

Howdy! Ein Wort und schon weiß jeder, wovon ich spreche. Klar, von Texas. Dass Texas mehr ist als Öl, Cowboys und Knarren und eine riesige klischeefreie Zone zu bieten hat, davon habe ich euch hier ja schon erzählt. Aber manchmal darf’s doch auch ein bisschen Schublade, ein bisschen Wunschvorstellung, Berechenbarkeit, ja ein bisschen Klischee sein, oder wie seht ihr das? Denn natürlich hat Texas auch davon eine Menge zu bieten. Wie das genau aussieht? Springt auf, ich nehme euch mit auf meine Typisch Texas-Tour.

Erster Stopp: Die Heimat der Cowgirls & Cowboys

In Fort Worth nahm alles seinen Anfang. All das, woraus die Mythen und Legenden, die Lieder, Filme und Bücher entstanden sind. Hier lebten die Cowboys und Cowgirls, hier beginnt der wilde Westen.

Kuhjunge ganz cool

Echt old school: der tägliche Cattle Drive

In den Fort Worth Stockyards lebten einst Tausende von Rindern, die hier aus dem Süden Texas’ Halt machten, um über den Chisholm Trail weiter nach Abilene, Kansas getrieben zu werden. Vom bloßen Halt entwickelte sich Fort Worth schnell zum Viehhandelszentrum. Die Hochzeit der Cowboys und des Viehtriebs war überraschenderweise sehr kurz: gerade einmal 20 Jahre lang, von 1865 bis 1885. Aber die Legende, der Lebensstil, der Traum von der großen Freiheit hat sich gehalten.

Auch heute kann man das hier noch spüren. Die Fort Worth Stockyards ist nämlich kein Museum, das von toter, längst vergangener Geschichte erzählt.

Jedes Pferd trägt das Brandzeichen der Fort Worth Stockyards

Auch heute leben hier noch die Longhorns. Beim täglichen Cattle Drive bekommt man eine Ahnung davon, wie es gewesen sein muss, als die Cowboys die Rinderherden auf den Chisholm Trail gen Kansas trieben. Und auch der Rinderhandel – oft als Wall Street of the West bezeichnet – ist so lebendig wie eh und je, er hat sich nur ein bisschen der Zeit angepasst: Er läuft heute digitalisiert über das Internet.

Welcome to the Cowgirl Hall of Fame

Übrigens war das Cowboy-Leben nicht reine Männersache. Zu den versiertesten Reitern und schnellsten Schützen gehörten Frauen wie die legendäre Annie Oakley. Sie war eine echte Berühmtheit in Buffalo Bill’s Wild West Show und ist in die Kulturgeschichte eingegangen. Ihre und die Geschichten anderer Cowgirls werden im sehr sehenswerten Cowgirl Museum erzählt. Der Name der Sehenswürdigkeit führt allerdings etwas in die Irre: Eine Frau, die diesen harten Job macht, empfindet die Bezeichnung Cowgirl als Herabsetzung. Sie möchte ebenfalls als Cowboy bezeichnet werden.

Zweiter Stopp: Rodeo & Honky-Tonk

Große Gefühle beim Rodeo

Was tut ein Cowboy (ja, und damit sind jetzt Frauen ebenso gemeint wie Männer), wenn sie oder er Freizeit hat? Klar: Rodeo reiten oder zu kerniger Country Music tanzen.

Ich gestehe: Dieser Abend gehört zum Denkwürdigsten, das ich je erlebt habe. Diese Form der Freizeitgestaltung ist sehr, sehr fern von allem Europäischen und nichts für Zartbesaitete. Der Besuch eines Rodeos will daher gut überlegt sein. Weder Tier noch Mensch geht es dabei gut. Nur das texanische Publikum scheint sich köstlich zu amüsieren, wenn nach der obligatorischen Nationalhymne (natürlich mit Hand auf dem Herzen) und God bless America die Reiter versuchen, sich für möglichst lange Zeit auf den wilden Pferden zu halten. Das gelingt mal schlecht, mal recht. Mit anzusehen, wie der Cowboy mit voller Wucht vom Pferd katapultiert wird, dies wenig später auf ihn kracht und der Reiter reglos liegen bleibt, gehört für mich nicht unbedingt zur Kategorie gutes Entertainment.

Nicht ohne meinen Cowboyhut

Dreh dich, dreh dich

Das gibt’s schon eher in Billy Bob’s Texas – dem weltgrößten Honky Tonk-Club. Wenn alle Besucher an der Rezeption ihre Schusswaffe abgegeben haben – die darf man nämlich nicht mit hinein nehmen – kann man sich entspannter unterhalten lassen. So ohne Cowboyhut und -stiefel fällt man hier allerdings auf. Dafür hat man so die Freiheit, sich ganz untexanisch an den Rand der Tanzfläche zu stellen und dieses fremde Spektakel auf sich wirken zu lassen. Die Country-Band haut einen Wild West-Hit nach dem anderen raus, während die Cowboys ihre knapp bekleideten Tanzpartnerinnen konzentriert über den Holzboden drehen und biegen.

Spätestens nach dem dritten Song spür‘ ich die Wirkung der eingängigen Melodien und der Rhythmus des wilden Westens breitet sich in mir aus. Der Fuß beginnt zu wippen und für einen kleinen Moment hätte ich nichts dagegen, wenn ein Cowboy käme, um den ich mich drehen dürfte. Doch so schnell wie ein Pistolenschuss ist der Wunsch verraucht und die Wirklichkeit hat mich wieder.

Dritter Stopp: Wild, Wilder, Wildcatter Ranch

Willkommen im wilden Westen

Ihr denkt, das war’s jetzt mit mir und den Cowboys? Weit gefehlt! Jetzt kommt erst die volle Ladung. Und dazu geht’s raus aus der Stadt, hinein in die Weite der Prärie.

Hinter dem Rio Brazos beginnt die Prärie

In der Nähe der Kleinstadt Graham, etwa 1,5 Autostunden westlich von Fort Worth, liegt die Wildcatter Ranch. Where have all the Cowboys gone? braucht man hier nicht zu singen, denn genau dort sind sie geblieben. Live und in Farbe – und in Lebensgröße. Nicht verkleidet und nicht als Relikte einer vergangenen Zeit, sondern ziemlich modern und ziemlich lebendig.

Cowboy Nick schwingt das Lasso

Schießstunde beim Cowboy

Auch wenn Cowboy Nick ohne sein Smartphone nirgendwohin geht, hat er allein durch seine Optik schon einiges an Klischee zu bieten. Jeans, Karohemd, Cowboyhut, Cowboystiefel und am liebsten eine Waffe in der Hand. Damit gehen die Ranch-Cowboys auf die Jagd. Mal um eine Klapperschlange, mal um einen Hasen zu erlegen. Auch den Gästen drücken sie gerne ein Gewehr in die Hand. Glücklicherweise nicht, um auf Tiere zu schießen. In meinem Fall müssen nur zwei Tontauben daran glauben.

Wo die Cherokee wohnten

Fährtenlesen ist auf der Jeep-Tour durch die Hügel der Wildcatter Ranch angesagt. Und zwar ganz besondere und alte Fährten: die der Cherokee-Indianer, die einst auf diesem Boden lebten. Noch heute findet man dort ihre Spuren: Sie veränderten den Wuchs der Bäume, um sich so Zeichen zu geben, z.B. über die Lage der nächsten Wasserstelle. Auch die scharfkantigen Flintsteine, mit denen die Ureinwohner der USA einst Feuer und die Spitzen ihrer Pfeile machten, findet man auf dem mehrere Hektar großen Land überall. Auf dem höchsten Punkt der Ranch angekommen, braucht man jedoch keine Informationen mehr, weil Worte nur die Magie dieses Anblicks kaputt machen würden. Unter mir breitet sich der breite Strom des Rio Brazos aus, dem starke Regenfälle eine Schlammfarbe verpasst haben, und dahinter öffnet sich das weite, flache Land der Prärie. Das ist der Mythos, die lebende Legende – direkt vor mir. Eine Welt, von der ich dachte, sie wäre längst vergangen oder es hätte sie immer nur in Büchern und Filmen gegeben. Wenn Klischees zutreffen, kann das manchmal auch ganz wunderbar sein.

Pool mit Ausblick

Auf der Ranch gibt’s Steak. Was sonst?

Wohnen kann man auf der Wildcatter Ranch übrigens auch ganz klischeehaft: In einer Holzhütte mit standesgemäßem Schaukelstuhl auf der Terrasse, der die Aussicht über die riesige Ebene des wilden Westens noch etwas filmreifer macht. Von dort kann man zu sämtlichen angenehmen Abenteuern des Ranchlebens aufbrechen: Bogenschießen, Pferdereiten, Longhorns füttern, im Infinity Pool planschen oder ein stilvolles Steak im Ranch-Restaurant genießen.

Longhorns füttern

Wenn es dunkel wird über der Prärie, lohnt sich ein Schritt ins Freie. Und dann die Augen ganz weit nach oben, bitte. Der Sternenhimmel über Texas wird der schönste eures Lebens sein. Dazu gibt es eine Fülle an Liedern. Das bekannteste ist wohl Texas inoffizielle Hymne Deep in the heart of Texas, das dazu folgendes zu sagen hat:

The stars at night
are big and bright
deep in the heart of Texas

Keine große Poesie, aber wahr. Und ein Rhythmus, bei dem man mit muss. Aber dazu kommen wir noch.

Vierter Stopp: Tatort Dallas

Das Sixth Floor Museum

Und nun: Kontrastprogramm. Von der Idylle der Prärie geht’s zu einem der wundesten Punkte der amerikanischen Geschichte, nämlich der Ermordung John F. Kennedys am 22.11.1963. Das Sixth Floor Museum widmet sich Opfer und Täter gleichermaßen und macht mir schrecklich bewusst, dass das Attentat bis heute nicht restlos aufgeklärt werden konnte.

Das Museum hat seinen Namen übrigens von seiner Lage: Es befindet sich genau an der Stelle, von der Lee Harvey Oswald auf den Präsidenten geschossen hat. Das hat höchstes Gänsehaut-Potenzial: Hinter Glas stehen die Kartons, auf denen Oswald sein Gewehr platziert hatte, auch der Fußboden ist noch derselbe und vielleicht kann man im Staub noch seine Fußspuren erahnen.

Wo sich das weiße Kreuz auf der Straße befindet, wurde JFK tödlich verwundet.

Wie kein Museum zuvor schafft dieses es, Geschichte real und lebendig werden zu lassen. Es präsentiert eine gewaltige Fülle an Informationen, Bildern, Filmen und Tonmitschnitten und lässt so ein Panorama eines höchst politischen Todes entstehen. Keine leichte Kost, aber unglaublich sehenswert. Allein schon wegen des Sixth Floor Museums lohnt sich eine Reise nach Dallas.

Fünfter Stopp: Big Oil

Der rote Pegasus – das Wahrzeichen von Dallas

Aber Dallas ist eben nicht nur JFK, sondern auch JR. JR Ewing, der Fiesling aus der Serie Dallas, um genau zu sein. Auch wenn die große Zeit der Öl-Mogule vorbei scheint, den Reichtum, den das schwarze Gold der Metropole beschert hat, sieht man heute noch. Darum ist das Wahrzeichen der Stadt auch der rote Pegasus – das Logo der Magnolia Oil Company.

Sechster Stopp: Hello, Mister President

Ein Center für George

Und weiter geht die Fahrt zu einem weiteren berühmt-berüchtigten Texaner: zu George W. Bush. Im Bush Presidential Center gibt’s viel (aber nicht alles) über den 43. Präsidenten der USA zu erfahren.

Was Donald und George können, kann ich schon lange!

Ein originalgetreuer Nachbau des Oval Office gehört zu den Highlights, am beeindruckendsten fand ich allerdings einen fast zur Unkenntlichkeit verbogenen Metallträger des World Trade Centers. Er führt die rohe Gewalt des Anschlags vor Augen und symbolisiert die Zäsur, die der 11. September 2001 für die USA darstellte.

Einer der Träger des World Trade Centers

Auf dem Weg durch das Center begegnet man so manchem Bush-Fangirl (wenn man nicht ganz genau hinsieht, könnte man sie wahlweise für seine Frau oder seine Mutter halten) und kann sich Videos von Bush Juniors „schönsten Momenten“ als Präsident ansehen. Dazu gehört etwa eine Gesangseinlage, in der er mit Cowboyhut auf dem Kopf The Brown, Brown Grass of Home zum Besten gibt. Die Fangirls juchzen. Ich bin kurz versucht, es ihnen gleichzutun, aber vielleicht aus einem anderen Grund.

Siebter Stopp: Small town life

Noch Fragen?

Zurück in die Zukunft

Was kommt euch bei Texas als erstes in den Sinn? Großstadtlichter und Wolkenkratzer? Mir nicht. Ich denke zuallererst an Western. Und wo spielen die? Natürlich in einer Kleinstadt. Entlang der Straße säumen sich die Häuser – Arzt, Anwalt und Saloon.

Ein Einhorn auf dem Dach. Why? Aber auch: why not?

So sieht das jetzt selbstverständlich nicht mehr aus. Aber irgendwie doch.

So eine typische texanische Kleinstadt findet man unweit des Flughafens Dallas/Fort Worth: Grapevine.

Einmal den historischen (und teilweise pseudo-historischen) Stadtkern auf- und anspaziert und man ist sich nicht mehr so sicher, wo man sich gerade befindet: im wilden Westen, zurück in der Zukunft oder in einer unfassbar gut gemachten Filmkulisse. That’s Texas too.

Na, wie war die Fahrt mit dem Wild West-Waggon? Lust auf mehr? Ein Schmankerl hab’ ich noch für euch. Das große Klischee-Kino wird’s nämlich erst mit dem richtigen Soundtrack. Und der hat’s in sich. Bitte nach jeder Strophe viermal klatschen (sonst macht’s nur halb so viel Spaß) und jetzt alle:

The stars at night are big and bright
(clap, clap, clap, clap),
Deep in the heart of Texas.

The prairie sky is wide and high
(clap, clap, clap, clap),
Deep in the heart of Texas.

The sage in bloom is like perfume
(clap, clap, clap, clap),
Deep in the heart of Texas.

Reminds me of the one I love
(clap, clap, clap, clap),
Deep in the heart of Texas.

The coyotes wail along the trail
(clap, clap, clap, clap),
Deep in the heart of Texas.

The rabbits rush around the brush
(clap, clap, clap, clap),
Deep in the heart of Texas.

Mehr Infos zu Texas im Allgemeinen, Fort Worth, Dallas, Grapevine und der Wildcatter Ranch gibt’s hier:
www.traveltexas.com
www.fortworth.com
www.visitdallas.com
www.grapevinetexasusa.com
www.wildcatterranch.com

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