Abgestaubt #2 – 2 Bücher über den Krieg

Hinter dem Schlachtfeld

Ohne es vorher zu ahnen, habe ich kürzlich zwei Romane gelesen, die sich um dasselbe Thema drehen: den 1. Weltkrieg oder eher das, was er mit und aus Menschen gemacht hat.

Nein, ich musste mich nicht durch Beschreibungen blutiger Schlachten und politischer Verwicklungen quälen. Beide Bücher spielen ganz idyllisch auf dem englischen Land und handeln beide von einem Mann, der aus dem Krieg zurückkehrt. Beide körperlich unversehrt, aber psychisch beschädigt. Und trotzdem zwei Männer, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Buch 1: Die Rückkehr von Rebecca West

Rebecca West hieß eigentlich Cicely Isabel Fairfield und war die Ehefrau von H.G.Wells. Ihren jetzt bei dtv erschienenen Roman Die Rückkehr schrieb sie noch während des Ersten Weltkriegs  – er erschien 1918 – und ist damit der einzige Roman einer Frau über den Krieg, der bereits während des Kriegs veröffentlicht wurde.

Der junge, schöne, reiche, adlige Chris Baldry kehrt von der Front zurück: In sein Herrenhaus. Zu seiner atemberaubend schönen Ehefrau Kitty und seiner Cousine Jenny, die ihn dort erwarten. Im Gepäck: ein verlorenes Gedächtnis. All seine Erinnerungen nach dem 20. Lebensjahr scheinen ausgelöscht. Sein einziger Wunsch: Seine Jugendliebe Margaret wiedersehen.

In der Hoffnung, dass sein Gedächtnis so zurückkehrt, holen Kitty und Jenny Margaret auf das Gut. Fast 20 Jahre sind vergangen, seitdem Margaret und Chris sich das letzte Mal sahen. Die Zeit hat ihr mehrere Stöße verpasst: eine lieblose Ehe, ein totes Kind und ein Leben am Rande des Existenzminimums. Das junge, strahlende Mädchen gibt es nicht mehr.

Doch für die beiden scheint das keine Rolle zu spielen. Als wären sie in einer Zeitkapsel gefangen, blüht diese Jugendliebe wieder auf. Die beiden anderen Frauen können dabei nur fassungslos zusehen, aber eingreifen wollen sie auch nicht, immer in der Hoffnung, er könnte sein Gedächtnis wie von Zauberhand wiederfinden.

Denn dass Margaret nicht die Alte, aber gealtert ist, scheint er nicht zu bemerken.

Er hob sie hoch, trug sie durch die Säulen hindurch und stellte sie in eine Nische oberhalb des Altars. Ein heller Strahl von Mondlicht ergoss sich dort über sie; in seinem Licht konnte er nicht sagen, ob ihr Haar weiß wie Silber war oder gelb wie Gold, und wieder erfüllte ihn ein Jubel, weil er wusste, dass es nichts ausgemacht hätte, wenn es weiß gewesen wäre. Seine Liebe war unwandelbar.

Keine Angst: Was uns Rebecca West da erzählt, ist keine kitschige Liebesgeschichte. Im Grunde erzählt sie uns etwas über die Briten und ihre Klassengesellschaft. Die ihre Augen verschließt vor der Zeit und ihren Umbrüchen. Die festhalten will am feudalen Leben des Landadels, die ihre Vergangenheit – wie Chris es mit Margaret tut – auf einen Sockel, einen Altar hebt, und dort inständig betet, nichts möge sich ändern. Die ihr Gedächtnis nicht verloren hat, sondern es nicht finden will.

Aber der Krieg verändert alles. Das Leben wird nie wieder sein wie zuvor. Nicht für die, die gekämpft haben und nicht für die, die zuhause geblieben sind. Darum muss auch Chris seiner Zeitkapsel entsteigen und der Gegenwart ins Auge blicken.

Die Rückkehr ist kein langes Buch, und das muss es auch gar nicht sein. West schreibt ihre kleine Geschichte so eindringlich, das bereits nach knapp 160 Seiten alles gesagt ist. Ein fesselndes und einmaliges Stück Zeitgeschichte.

Buch 2: A Month in the Country von J.L. Carr

A Month in the Country ist ein komplett anderes Buch als Die Rückkehr. Es erschien 1980, 62 Jahre nach Rebecca Wests Roman und dem Ende des 1. Weltkriegs. Trotzdem erzählt J.L. Carr mindestens genauso intensiv von den Schrecken des Krieges.

Tom Birkin – der Ich-Erzähler des Romans, psychisch geschädigt und geplagt von den Folgen seines Kriegseinsatzes – und Chris Baldry haben im Grunde nichts gemeinsam. Der eine reich und adlig, der andere verarmt und aus einfachen Verhältnissen. Der andere Besitzer eines imposanten Anwesens und der andere umherziehender Restaurator mit Gelegenheitsjobs. Der eine umsorgt und geliebt von drei Frauen, der andere gerade von seiner Ehefrau verlassen.

Als alter Mann blickt Tom Birkin in den Sommer des Jahres 1920 zurück. Zwei Jahre nach dem Ende des 1. Weltkriegs kam er in das kleine Dorf Oxgodby im englischen Yorkshire. In der Dorfkirche sollte er ein riesiges Wandgemälde freilegen.

So, ich sage es jetzt geradeheraus: Ich LIEBE dieses Buch. Es passiert nicht viel und trotzdem wird innerhalb eines Sommers aus Tom ein neuer Mann. Die Schatten des Krieges bleiben, aber er traut sich wieder raus in die Sonne.

Warum? Weil er für kurze Zeit ein Teil einer Gemeinschaft wird. Dieses Dorfes, das irgendwie idyllisch ist, aber irgendwie auch nicht. Verschrobene Bewohner, die kleinen und großen Probleme des Alltags und die schöne Frau des Pfarrers – das ganz normale Leben macht ihn wieder heil. Der immer gleiche Rhythmus des Tages – Aufstehen, Arbeiten, Reden, Lachen, Streiten und Schlafen.

Wie gesagt, es passiert nicht viel. Aber wie diese Ruhe und die innere Wandlung beschrieben wird, ist so so schön. Das hat Poesie und das beruhigt nicht nur den Erzähler sondern auch mich als Leser.

Ah, those days… for many years afterwards their happiness haunted me. Sometimes, listening to music, I drift back and nothing has changed. The long end of summer. Day after day of warm weather, voices calling as night came on and lighted windows pricked the darkness and, at day-break, the murmur of corn and the warm smell of fields ripe for harvest. And being young.
If I’d stayed there, would I always have been happy? No, I suppose not. People move away, grow older, die, and the bright belief that there will be another marvelous thing around each corner fades. It is now or never; we must snatch at happiness as it flies.

Carr schreibt reine, wunderbare Sätze über die Flüchtigkeit des Glücks. Darüber, dass es so wunderbar ist, gerade weil es nicht hält, weil man es nicht konservieren kann.

Aber macht es nicht auch glücklich, wenn man weiß, dass man einmal glücklich war?

Ich zumindest war beim Lesen eines Buches selten so glücklich und bin froh, dass ich es entdeckt habe. Wer klassische englische Literatur liebt, sollte es im Regal stehen haben – und zwar gelesen!

Für alle, die lieber auf Deutsch lesen: Letztes Jahr erschien der Roman ENDLICH erstmals unter dem Namen Ein Monat auf dem Land in deutscher Sprache. Ein Glück!

Rebecca West, Die Rückkehr. dtv, 2016. 16,90 Euro.
Rebecca West, The Return of the Soldier. Circle Square, 2011. 7 Euro.

J.L. Carr, A Month in the Country. Penguin, 1980. 9,49 Euro.
J.L. Carr, Ein Monat auf dem Land. Dumont, 2016. 18 Euro.

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