Abgestaubt #3 – Richard Llewellyn: So grün war mein Tal

Gestern war Grün

Damals in den alten Tagen, war unser Tal das lieblichste, das ihr euch vorstellen könnt. So grün und frisch war es; immer wehte der Wind von den Bergen her, und Tau lag auf den Wiesen.

1939 erschien Richard Llewellyns Roman How Green was my Valley in Großbritannien und wurde flugs zum Bestseller.

Warum?

Das ist schnell erklärt: Weil es voller Sehnsucht von einer „guten alten Zeit“ erzählt, einer verlorenen Zeit. Der Ich-Erzähler Huw Morgan schildert seine Kindheit und Jugend um 1900, das Leben in einem walisischen Bergdorf, in dem fast alle Männer Arbeiter in den Kohlebergwerken waren.

Auch wenn man in jedem Satz des Erzählers die Melancholie und Trauer über das, was verloren ist – die Menschen und die Landschaft – spürt, so idealisiert er es dennoch nicht. Die harte Arbeit in den Bergwerken, die Doppelmoral der Kirche und der Gesellschaft, die Prüderie, die große Armut und die teilweise bösartige Arroganz der Engländer gegenüber den Walisern: all das wird nicht verschwiegen, sogar sehr schonungslos beschrieben. Aber am Ende bleibt da eben doch die innige Liebe zur Heimat und vor allem zu den Menschen, die sie erst zur Heimat machten.

Coming of Age mit Heimatkleister

Aus manchmal witzigen, manchmal traurigen Anekdoten bestehen Huws Erinnerungen an seine Jugend. Im Grunde ist es ein Coming of Age-Roman mit einer Prise Heimatidyll und etwas Politik im Schlepptau.

Viele Kinder haben die Morgans, Huw gehört zu den Jüngsten. Aus kindlicher Perspektive beschreibt er die Querelen, die seine älteren Brüder mit dem Vater haben, als sie sich in einer Gewerkschaft organisieren, um gemeinsam für bessere Bedingungen in den Bergwerken zu kämpfen. Streiks stehen alle paar Monate auf der Tagesordnung. Begleiterscheinungen: Hunger, schreckliche Armut, Schlägereien und familieninterne Zwiste.

Auch dramatisch wird es immer wieder: Huw rettet seiner hochschwangeren Mutter das Leben und muss selbst einen hohen Preis dafür zahlen.

Schon dem kleinen Huw begegnet auch immer wieder die Liebe. Für ihn ist es Liebe auf den ersten Blick, als er das erste Mal Bronwen, der Frau seines ältesten Bruders Ivor, begegnet. Da ist er noch nicht einmal 10 Jahre alt. Aber sie wird dauern.

Dass die Liebe nicht immer lieblich und zart daher kommt, beobachtet er am Liebesleben seiner anderen Geschwister. Bis in den Wahnsinn und die totale Selbstaufgabe kann sie führen.

Dem Alter des Buches ist es geschuldet, dass Huws Schilderungen und Gefühle oft sehr pathetisch wirken. Hin und wieder musste ich da ordentlich die Augen verdrehen. Und trotzdem ist der kleine Junge, den Huw als alter Mann heraufbeschwört, ein Liebling des Lesers. Er meint es immer gut und schreckt doch nicht vor Ungehorsam und unangenehmen Wahrheiten zurück. Leicht macht er es sich nie.

Traurig, aber wahr

Die enge Freundschaft, die Huw mit dem Pfarrer seines Heimatdorfes schließt, ist der rote Faden des Romans. Herr Gruffydd ist der erste, der Huws Intelligenz und Wissbegierigkeit erkennt. Er fördert seine Bildung. Arzt oder Anwalt soll er werden und es als erstes Familienmitglied aus dem Elend des Bergdorfes herausschaffen. Ziemlich schnell erfährt man als Leser vom Erzähler, dem alten Huw, dass es anders gekommen ist: Seine Geschichte erzählt er, während er alleine in seinem Elternhaus sitzt. Draußen vor dem Fenster sieht er nicht mehr das grüne Tal seiner Kindheit, sondern den schwarzen Schlick aus den Bergwerken, der die sanfte Landschaft unter sich begräbt und bald auch sein Zuhause vernichten wird.

So grün war mein Tal ist ein trauriges Buch. Ein Erzählen gegen den Tod und ein letztes Aufbäumen gegen das längst vergangene Wales. Eine Hommage an die grünen Hügel, an eine pastorale Idylle und an all die Menschen, die sie geprägt haben. Huw ist der letzte Überlebende. Seine Erinnerungen sollen die alten Tage und die Menschen seines Dorfes noch einmal zum Leben erwecken und ihnen ein Denkmal setzen.

Liebes kleines Haus, in dem ich gelebt habe, du hast schon Glück gesehen, ehe ich auf die Welt kam. In dir ist mein Leben; alle Menschen, die ich geliebt habe, sind ein Teil von dir. Dich verlassen, aus dir herausziehen, das ist so, als ob ich mich selbst verlassen würde. Der große schwarze Unhold, der dich niederdrückt, der dir so weh tut, wird dich bald ganz begraben. Deine Fenster werden brechen und deine Türen, und Kohlenschlacke wird deine Räume füllen.

Das ist Pathos pur, Nostalgie mit Weichzeichner, Tränendrüse total. Das ist manchmal etwas arg viel, ein bisschen zu old school. Aber das war eben 1939.

Trotzdem habe ich es gern gelesen. Das Buch erzählt oft ganz schnörkellos von Leben, die es so heute nicht mehr gibt. Und davon, was der Mensch mit seinem Traum vom Fortschritt und einem besseren Leben der Natur antut. Das ist dann nicht mehr old school, sondern sehr Heute.

Wenn man keine Angst vor einer Portion Sentimentalität hat, findet man in dem Buch einen lieben kleinen Seelentröster, ein bisschen Realitätsflucht und trotzdem so viel Realismus, dass es für ein Happy End nicht reicht.

Leider wird das Buch auf Deutsch nicht mehr aufgelegt und ist derzeit nur antiquarisch zu haben, während es in Großbritannien zu den beliebtesten Klassikern gehört. Bitte, liebe deutsche Verlage, nehmt euch dieses Buches an! Es hat viele neue Leser verdient und soll so wenig vergessen werden wie das grüne Tal aus Huw Morgans Kindheit.

Richard Llewellyn. How Green was my Valley. Penguin, 13,49 Euro.

One thought on “Abgestaubt #3 – Richard Llewellyn: So grün war mein Tal

  1. Motte

    Ganz wunderbare Rezession. Macht direkt Lust,sich sofort ins nächste Antiquariat zu begeben,um dieses Kleinod zu erwerben.

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