Amélie Nothomb: Töte mich

Ein Mordsspaß

Was macht eigentlich ein gutes Buch aus? Ich kann diese Frage für mich so konkret gar nicht beantworten. Aber oft sind es Überraschungen, die eine Geschichte über den Durchschnitt heben. Wenn ein Roman mit meinen Erwartungen spielt – und sei es nur, weil der Umschlag etwas ganz anderes vermuten lässt als sein Inhalt – und diese dann mit etwas Unerwartetem, bestenfalls mit etwas unerwartet Gutem bricht, macht mich das als Leserin oft glücklich.

So ging es mir jedenfalls mit Amélie Nothombs Töte mich. Bekannterweise ist die exzentrische Belgierin keine Autorin der dicken Schinken. Das macht sie mir schon seit langem sehr sympathisch. Nur wenige Bücher epischer Länge haben ihre Dicke wirklich nötig. Dennoch war Töte mich meine erste literarische Begegnung mit Frau Nothomb.

Ein Märchen für mich

Ja, und fast hätte ich direkt nach zwei Seiten hingeschmissen. Warum? Weil, wie ihr seit unserem dritten Streitgespräch wisst, Märchen so gar nicht meine Sache sind. Doch genau darum handelt es sich bei dem kleinen Buch: um ein Märchen. Allerdings um ein höchst modernes und noch dazu höchst beglückendes, wie ich erleichtert feststellen durfte.

Das Nothombsche Märchen begnügt sich mit zwei Protagonisten: dem monetär verarmten Grafen Neville und seiner emotional verarmten Tochter Sérieuse. Die wird eines Nachts halb erfroren im Wald von einer Wahrsagerin aufgelesen. Schnell stellt sich der Grund dafür heraus: Die 17-jährige wollte sich das Leben nehmen, und zwar, weil sie ein Leben ohne Gefühle nicht mehr ertragen kann. Diese waren ihr ein paar Jahre zuvor einfach so abhanden gekommen. Die Wahrsagerin redet ein ernstes Wörtchen mit dem schockierten Grafen und prophezeit ihm, dass er bald einen Menschen töten werde. Eine Wahrsagung, die sein ernstes Töchterlein nur allzu gerne hört und daraufhin mit einer passenden Bitte im Gepäck schnurstracks zu Herrn Papa läuft: Töte mich.

„Töte mich, Papa. Das wäre eine gute Tat.“
„Schlag dir das aus dem Kopf, Liebes, das werde ich niemals tun.“
„Ich muss sterben, ich muss, ich muss.“
„Warum bringst du dich dann nicht selbst um?“
„Möchtest du das?“
„Nein! Das habe ich nicht gesagt. Ich meine nur, wenn du nicht an Selbstmord denkst, beweist das doch, dass du weiterleben willst.“
„Es wäre tausendmal richtiger, wenn du es wärst, der mich umbringt.“
„Unsinn!“
„Du hast viel dazu beigetragen, dass ich auf der Welt bin. Es wäre nur gerecht, wenn du sie auch von mir befreist.“
„Nach dieser Logik müsstest du dein Ansinnen eher an deine Mutter richten.“
„Nein. Mama hat mich unter Schmerzen geboren, deshalb sollst du mich unter Schmerzen töten.“

Selten haben Logik und Absurdität in einem Dialog so nahe beieinander gelegen. Irrwitzig, was Amélie Nothomb da macht. Und wie fabelhaft sich das liest!

Sérieuse-ly

Was für Sérieuse die logischste Sache der Welt ist – schließlich wäre so ihr und dem Vater, der dann keinen „Unschuldigen“ töten müsse, gedient – wird für Neville zur emotionalen Achterbahnfahrt und Hölle auf Erden. Soll er dem Flehen der leidenden Tochter nachgeben oder seinen egoistischen väterlichen Gefühlen? Das Ergebnis ist, wie das bei guten Büchern nun mal so ist: überraschend.

Eigentlich ist der Ausgang der Geschichte aber gar nicht so entscheidend für dieses Büchlein. Viel wichtiger ist der ungeheure Spaß, den man beim Lesen hat. Wie die Autorin mit Märchen-Motiven bricht und sie ad absurdum führt, ist meisterhaft. Ihre ironische Erzählweise und Figurenzeichnung krönen die Handlung und sind die wahren Leckerbissen des Buches.

Der Begriff „Emotionen“ traf Neville wie eine Ohrfeige. Es war nicht das erste Mal, dass er ihn hörte. Seit ein paar Jahren begnügten sich die Leute aus unerfindlichen Gründen nicht mehr mit Gefühlen, Wahrnehmungen oder Eindrücken, die doch ihre Aufgabe perfekt erfüllten. Jetzt mussten es Emotionen sein. Neville reagierte allergisch auf dieses lächerliche und prätentiöse Wort.

Die große Welt der Gefühle, der Märchen und Parabeln eröffnen sich durch Amélie Nothomb hier auf eine ganz ungewöhnliche Art. Chapeau, Madame Nothomb! Was für ein Mordsspaß.

Amélie Nothomb. Töte mich. Diogenes, 2017. 20,00 Euro.

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