Ann Patchett: Die Taufe

Wenn aus Leben Literatur wird

Viele Geschichten bekommen ihre Faszination dadurch, dass sie „echt“ wirken. Dass man beim Lesen das Gefühl hat, das Leben echter Menschen zu verfolgen. Mit diesem Gefühl spielt Ann Patchett in Die Taufe. Sie erzählt uns die Lebensgeschichten zweier Familien, deren Leben durch einen Seitensprung und eine daraus folgende Ehe miteinander verwoben werden und sich trotz Scheitern dieser Beziehung nicht wieder voneinander trennen lassen. Sie zeigt uns, was passiert, wenn aus einer realen Geschichte eine fiktionale Geschichte wird. Wie ist das, wenn dein Leben zum Roman wird?

Aus Zwei werden Zehn

Durch Zufall kommt Staatsanwalt Bert Cousins zur Taufe der jüngsten Tochter seines Polizisten-Kollegen Fix Keating. Er hat eine Flasche Gin im Gepäck und verliebt sich im Kinderzimmer Knall auf Fall in Fix’ wunderschöne Frau Beverley. Die beiden verlassen füreinander ihre Ehepartner und heiraten. Von nun an müssen Fix’ und Beverleys Töchter Caroline und Franny ihre Sommer mit den vier Kindern von Bert und dessen Ex-Frau Teresa verbringen. Die sechs Kinder werden zur Zweckgemeinschaft und entwickeln langsam geschwisterliche Gefühle füreinander. Trotzdem wird Beverleys und Berts Ehe nicht glücklich und nach einigen Jahren wieder geschieden. Beide werden erneut heiraten.

Etwa zwanzig Jahre und einen tragischen Todesfall später trifft das damalige Taufkind Franny in einer Bar ihren Lieblingsschriftsteller. Die beiden verlieben sich und werden ein Paar. Franny erzählt ihm ihre Lebensgeschichte und ihr an einer Schreibblockade leidender Geliebter macht daraus den Roman seines Lebens. Natürlich bleibt in der Familie nicht lange unbemerkt, dass das, was da zwischen zwei Buchdeckeln steht, alles andere als erstunken und erlogen ist. Schnell wird klar, dass es Franny war, die ihm den Stoff für den Roman geliefert hat.

Die Literatur und das Leben

Man könnte nun meinen, dass es zum Eklat innerhalb der Familie kommt. Wird es aber nicht. Stattdessen behalten die Familienmitglieder, die davon wissen, darüber Stillschweigen. Aber es nagt an ihnen. Vor allem an Franny, der großen Literaturliebhaberin. Aber der Roman hat auch sein Gutes: Berts jüngster Sohn Albie lernt sich und seine Kindheit neu kennen. Trotzdem fühlt er sich ausgeliefert und beklaut. Als sei ihm so etwas gestohlen worden, das er nie wieder zurück bekommen könne.

Sehr echt und ein bisschen anstrengend

Ann Patchett hat eine Geschichte konstruiert, die tatsächlich sehr echt wirkt und genau so hätte passieren können. Sie erzählt von allzu Menschlichem: der Unbeständigkeit der Liebe, von Eitelkeiten, verletzten Kinderseelen, dem Älterwerden und der Heilkraft der Zeit. Das liest sich ungeheuer interessant und lebendig, hin und wieder aber auch langatmig bis hin zu punktueller Langeweile. Erst im letzten Drittel des Buches erfahren wir Leser, dass aus all dem, was wir zuvor gelesen haben, ein Roman entstand. Warum so spät?

Dieser späte Bruch nimmt viel Geschwindigkeit aus der Geschichte und lässt einen irgendwie verloren zurück. Diese Leben und Erzählstränge schweben teilweise sinnlos nebeneinander her, ohne so recht zu wissen, wo sie eigentlich hin wollen. Warum erzählt uns das Buch mehrere Belanglosigkeiten und lässt Wichtiges unter den Tisch fallen, das dann in einem Nebensatz Erwähnung findet? Ja, vielleicht, weil das Leben manchmal genau so ist. Wir kümmern uns um Nebenschauplätze und Nichtigkeiten und verlieren dabei das Eigentliche aus dem Sinn. Für uns Leser ist es trotzdem schade.

Zufrieden statt glücklich

Denn Ann Patchett schreibt ganz wunderbar: mit klaren Sätzen, einem scharfen Blick für die feinen Nuancen ihrer Charaktere und Mitgefühl. Trotzdem verschenkt sie das Mehr an Potenzial, das dieses gute Buch zu einem grandiosen gemacht hätte. Womöglich hätte ich es dann schneller und mit mehr Leidenschaft gelesen. So bleibt es nur das: gut. Das ist schon was. Und wer sich gerne tief in Charaktere und Familiengeschichten gräbt, wird es womöglich zufrieden zuklappen. Aber richtig glücklich macht es nicht.

Ann Patchett. Die Taufe. Berlin Verlag, 2017. 22,00 Euro.

Auf Englisch:
Ann Patchett. Commonwealth. Bloomsbury, 2017. 6,99 Euro.

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