Auf den Klippen der Causeway Coast

Unterwegs an der nordirischen Küste

Woran denkt ihr als erstes, wenn ihr Nordirland hört? The Troubles – die Unruhen? Den Giant’s Causeway? Game of Thrones? Oder einfach gar nichts?

Zugegeben: Selbst ich als Fan der zwei grünen Inseln im Westen Europas habe lange nicht viel mit Nordirland anzufangen gewusst. Irgendwie ist das Land im Norden der irischen Insel nichts Halbes und nichts Ganzes: es gehört nicht zu Irland, aber zu Großbritannien – allein aus geographischen Gründen – auch nicht richtig. Deshalb hatte ich es all die Jahre links liegen lassen, wenn es Richtung Inseln ging. Ein massiver Fehler, wie sich jetzt herausgestellt hat.

Berge und Meer

Wandern durch grüne Wiesen, sanfte Hügel und dann und wann ein Schaf.

Tatsächlich wurde mein Interesse für Nordirland auch erst so richtig durch Game of Thrones geweckt (meine Tour zu den nordirischen Drehorten findet ihr hier). Der gigantisch teuren, aber auch gigantisch guten Serie ist es zu verdanken, dass die ganze Welt plötzlich Nordirland als attraktives Urlaubsziel in Betracht zieht. Gut so. Denn wer (noch) nicht in Nordirland war, hat tatsächlich jede Menge verpasst: eine abwechselnd raue und liebliche Landschaft. Weiße Sandstrände, über denen sich schroffe Felsen auftürmen. Grüne Hügel, auf denen Millionen von Schafen grasen. Kleine, malerische Hafenstädte. Und eine Küstenstraße, die sich entlang des Atlantischen Ozeans schlängelt – die Causeway Coast.

Abendstimmung in Ballycastle Harbour

Der Damm des Riesen

Die älteste und größte Attraktion des kleinen Landes – es umfasst gerade einmal ein Fünftel des Freistaats Bayern und hat nur 1,8 Millionen Einwohner – ist der Giant’s Causeway. Der Sage nach haben wir die weltweit einmalige Formation von Basaltsäulen zwei Riesen zu verdanken: Finn McCool, dem Iren, und Benandonner, dem Schotten. Die zwei haben Zoff. Deshalb reißt Finn ein paar Stücke aus der Küste von Antrim und schmeißt sie ins Meer.

Die Felsen über dem Giant’s Causeway – den Aufstieg allemal wert.

Der schottische Riese findet das nicht so prickelnd, kommt angerannt und will es Finn heimzahlen. Finn erschrickt: Benandonner hat deutlich größere Ausmaße als er selbst. Deshalb greift er zu einer List: Er verkleidet sich als Baby. Der Schotte erschrickt: wenn das Baby von Finn McCool so riesig ist, wie groß muss dann sein Vater sein? Also verkrümelt er sich lieber. Tatsächlich hat die Entstehung des Giant’s Causeway wohl eher etwas mit einem Vulkanausbruch zu tun, aber die Legende um Finn McCool klingt doch irgendwie spannender in meinen Ohren (vor allem kann ich mir die Geschichte im Gegensatz zu irgendwelchen wissenschaftlichen Fakten viel besser merken).

Natürlich ist der Giant’s Causeway beeindruckend – sonst wäre er nicht so berühmt. Aber der riesigen Vorfreude und meinen ebenso hohen Erwartungen wurde er nicht ganz gerecht. Halt, wobei: so kann man das nicht sagen. Wenn man sich vom Trubel der Menschenmassen, die auf den sechseckigen Säulen herumhüpfen, entfernt, wird es ganz schnell ganz beeindruckend. Den Pfad Richtung Felsen einmal erklommen, kann man die Klippen entlang wandern, den Damm des Riesen von oben betrachten und sich von der frischen Brise durch Wind und Wellen in eine seltsam beschwingte Trance wiegen lassen. Herrlich!

Auf einsamen Wegen

Noch viel herrlicher fand ich es allerdings auf dem Fair Head, der ein paar Meilen östlich vom Giant’s Causeway liegt. Hier begegnen einem garantiert keine Menschenmassen – maximal der ein oder andere Kletterer.

Das weite Land unterhalb des Fair Head.

Moos und Flechten leben auf den Felsen des Fair Head.

Vom National Trust-Parkplatz aus kann man die höchste Klippe Nordirlands relativ mühelos besteigen, um dann Stunde um Stunde über die abwechselnd felsige und dann wieder sattgrüne Ebene zu wandern. Immer wieder laufen ein paar Schafe vorbei, passiert man kleine Seen oder Kuhherden.

Supermodel Schaf. Kriegt heute ein Foto von mir.

Ewig hätte ich hier bleiben können und den Blick schweifen lassen über den Hafen von Ballycastle, die störrischen Felsen und den so nah scheinenden Mull of Kintyre an der gegenüber liegenden schottischen Küste. Wer sehr gut zu Fuß ist, kann bis zur Murlough Bay weiterlaufen, die dem Fair Head in nichts nachsteht und vielleicht noch eine Nuance grüner wäre, wenn sich grün denn steigern ließe.

Grün, grün, grün ist die Murlough Bay.

Wenn man die Küste in Richtung Westen entlang fährt, wartet kurz hinter Ballycastle die Carrick-A-Rede Rope Bridge. Chapeau, wer sich auf die wackelnde Seilbrücke traut.

Neben der Carrick-a-rede Bridge wartet das wahre Spektakel.

Alle anderen können sich für den Klippenpfad entscheiden. Das türkisblaue Wasser und die steilen, von Gräsern bewachsenen Hänge machen mindestens genauso glücklich wie die kleine Brücke.

Wasser des Lebens

Es wird Sommer an der White Park Bay.

Weiter geht die Fahrt nach Westen. Nicht lange, und ich erreiche die White Park Bay. Vom Parkplatz führt ein steiler Weg zum Strand hinab, den ihr unbedingt wagen solltet. Der endlose, fast menschenleere Strand mit seinen weißen Steinen zwingt zum Spaziergang, so wild-romantisch präsentiert er sich. Wenn die Sonne scheint, stürzen sich ein paar Mutige in die Wellen. Ich bin ja nicht kälteempfindlich, aber mir war das Wasser allein schon an den Fingerspitzen zu eisig für ein Bad.

Ganz allein – kein seltener Zustand in Nordirland.

Warm wird es dafür in Bushmills – und zwar in der Whiskey Distillery. Wer das bernsteinfarbene Getränk mag, bucht die Tour mit anschließender Verkostung. Manch einen – mich inklusive – machen allein die Dämpfe der Destillerie schon so dicht, dass kein Trinken mehr nötig ist.

Whiskey fässerweise.

Die Häuser der Herren

Betrunken macht übrigens auch Mount Stewart. Auf eine viel bessere Art als mit Alkohol. Mit Pracht nämlich. Im Inneren des Herrenhauses darf man durch die Gänge schweben und sich vorgaukeln, man wäre direkt in Downton Abbey gestolpert und wahlweise die neue Lady oder der neue Lord Crawley.

Wisteria-Hysteria in Mount Stewart.

Draußen kann man stundenlang über die weitläufigen Ländereien wandeln: die zum schönsten Garten Irlands gewählte Anlage durch schlendern, durch Wald und Wiesen stapfen und den steinigen Weg zum Temple of the Winds emporsteigen – was für ein Blick über den Strangford Lough!

Am Temple of the Winds über das endlose Blau des Strangford Lough blicken.

Auf der anderen Seite des Sees wartet ein weiteres Prachtstück: Castle Ward.

Das Herrenhaus kommt deutlich rustikaler daher, seine Umgebung steht aber dem eleganten Mount Stewart in kaum etwas nach. Es ist deutlich abwechslungsreicher und erzählt mehr von dem harten Leben im windumtosten Nordirland der letzten Jahrhunderte.

Eingang zum Sunken Garden von Castle Ward.

Zeitloses Glück

Eigentlich ist es aber vollkommen egal, welchen Ort, welche Sehenswürdigkeit oder welche Klippe man in Nordirland ansteuert: Der Weg ist das Ziel. Die Schönheit des Landes erkennt man vor allem beim Unterwegssein. Beim Laufen, Fahren, Radeln oder Wandern durch die sich hebenden und senkenden Hügel mit ihren Wiesen und Feldern voller kleiner Steinmauern, zwischen denen der Holunder, der Ginster und wilde Rosen sprießen und blühen.

Das ist das kleine große Glück dieser (immer noch) so untouristisch und ursprünglich wirkenden Landschaft. Da kann es passieren, dass einem über Kilometer hinweg keine Menschenseele begegnet. Man atmet ganz tief durch, man blickt ganz weit und dann, ganz plötzlich, vergisst man, welcher Tag, welcher Monat, welches Jahr gerade ist. So einfach ist das manchmal mit der ewigen Liebe.

Sonnenuntergang an der Causeway Coast.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.