Belinda McKeon: Zärtlich

Zu zweit zerrissen

Sie versuchte, einen Soundtrack zu finden, für sich und ihn. Two drifters, off to see the world? Nein, das waren nicht sie, das war nicht ihr Lied. Kein Lied war für sie gemacht. Aber gut, musste denn jeder ein Lied haben? Nicht jeder musste ein Lied haben.

Catherine und James. James und Catherine. Die große Freundschaft. Die große Liebe?

Wenn’s so einfach wäre. Doch einfach ist in Belinda McKeons Debütroman gar nichts. Und darum ist er so gut.

Irland in der Mitte der 90er. Die 18-jährige Catherine ist ein echtes Landkind, behütet mit Schwestern, Eltern und Großeltern wächst sie in Longford auf. Gerade hat sie die Schule abgeschlossen und will einfach nur weg, raus, in die Großstadt. Sie beginnt ein Studium in Dublin.

Dort trifft sie den gleichaltrigen James. Was sie vom Leben wollen, das wissen sie beide eigentlich nicht. Überfordert fühlen sie sich. Und irgendwie suchen sie jemanden, an dem sie sich wenigstens ein bißchen festhalten können in diesem neuen Leben, das sie noch nicht zu greifen wissen.

Freunde?

Sie werden Freunde. Beste Freunde. Allerbeste Freunde. Freunde, die nichts mehr ohne einander tun, Freunde, die Hand in Hand durchs Leben gehen. Wortwörtlich. Freunde, die andere für ein Liebespaar halten.

Eigentlich, klammheimlich, wünscht sich Catherine das. Erst ganz unbewusst, manchmal und irgendwann ganz deutlich, unverdrängbar: James soll mehr sein als ihr bester Freund, er soll ihr fester Freund sein.

‚Da ist das in mir – ich weiß nicht, was es ist – aber ich weiß, es ist in mir.‘

Aber James ist schwul. Und Catherine weiß das. Aber was tun gegen diese Gefühle, wenn er sie umarmt? Gegen diese Eifersucht, wenn er mit anderen spricht – egal, ob Frau oder Mann? Aber sagen kann sie ihm das nicht. Vielleicht wäre er ja dann ganz raus aus ihrem Leben?

Besser nicht allein

Auch James fällt das Leben schwer. Nichts darin scheint leicht. Im katholischen Irland – noch dazu auf dem Land – schwul zu sein, selbst in den 90ern, ist mehr als eine Herausforderung. Seine Mutter bricht zusammen, als er ihr davon erzählt, und bittet ihn, es dem Vater zu verschweigen. Die Sicherheit der Familienbande zerbröselt vor James’ Augen. Gerade ist er aus Berlin, dieser freien Stadt, zurückgekehrt und musste feststellen, dass er sich selbst dort vor der Intimität mit einem Mann fürchtet. Er hat Angst, den entscheidenden Schritt zu gehen. Die Nähe mit Catherine hingegen ist leicht, von ihr hat er nichts zu befürchten, da wartet unschuldige Geborgenheit. Er beginnt, mit ihr zu schlafen.

Seine Gründe: 1. Körperkontakt 2. Verdrängung 3. Angst 4. Bequemlichkeit, Gewohnheit fast 5. Die dunkle, unerträgliche Wolke in seinem Kopf, die täglich dichter wurde. Ihre Gründe: 1.Er.

Schnitt.

Diesen Schritt ins Bett merkt man dem Roman sofort an. Alles ändert sich nun. Catherine. James. Ihre Beziehung. Das Sprechen. Das Fühlen.

Wie im Fieber stolpert Catherine, aus deren Perspektive man das Buch liest, jetzt durch ihre Tage und Nächte, durch die Uni, durch ihre Freundschaften.

Der Busfahrer der Linie 10 hatte ihr einen schönen Abend gewünscht, oder hatte er ihr vorgeworfen, das falsche Ticket gelöst zu haben? Auf Wiedersehen, hatte er vielleicht gesagt, oder war es Ich sehe dich, meinte er, sie bei etwas Verbotenem erwischt zu haben?

Ich finde, das sind die stärksten Seiten von Belinda McKeons Debüt. Von einer Seite auf die andere hat man das Gefühl, plötzlich ein ganz anderes Buch zu lesen. Die Sprache ändert sich, liest sich beinahe poetisch. Halbsätze. Wirre Gedanken. Zitate. Immer wieder Sprachfetzen.

Catherine kennt sich, James und die Welt nicht mehr. Und dann ändert ein Ereignis wieder alles.

Vom Erwachsenwerden

Zärtlich ist ein Coming of Age-Roman, eine Geschichte vom Erwachsenwerden. Aber nicht nur das. Belinda McKeon erzählt von ihrem Heimatland, von seiner Prüderie und von seiner Herzlichkeit, vom Nordirland-Konflikt und der unterschwelligen Angst, die immer da ist. Vom Stadtleben und vom Landleben.

Was es bedeutet, jung zu sein und sich „anders“ als die anderen zu fühlen, sich zu behaupten in der Welt. Wie es ist, wenn nichts zu funktionieren scheint, wenn alles zerbricht. Was die Liebe mit einem macht, wie große Gefühle manchmal nicht mehr sind als eine Momentaufnahme und sie doch das ganze Leben bestimmen können.

Die besten Bücher behandeln immer viele Themen. Und das hier ist fabelhaft.

Deshalb finde ich es auch bescheuert, Coming of Age-Romane nur Jugendlichen oder Anfang Zwanzigjährigen zu empfehlen. Ich sage: Jeder sollte das lesen! Manchmal erklärt sich das Leben eben erst weit im Nachhinein und manche Erkenntnisse brauchen Zeit. Zärtlich hält viele bereit und das sehr, sehr klug. Und in wunderschönen Sätzen.

Lesen. Jetzt. Jeder.

Belinda McKeon, Zärtlich. 448 S., 22 Euro. Ullstein, 2016.

Belinda McKeon, Tender. 432 S., 9,99 Euro. Picador, 2016.

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