Benedict Wells: Spinner

Spinner, Träumer, Angsthase

Alle reden gerade über den Roman Vom Ende der Einsamkeit vom 1984 geborenen Autor Benedict Wells. Hmm… dachte ich mir, ich fang hier lieber mal von vorne an und griff zu dem 2009 erstmals veröffentlichten und jüngst vom Autor überarbeiteten Roman Spinner. Mit neunzehn soll er dieses Werk als sein ursprünglich erstes verfasst haben. Mit neunzehn habe ich mich dazu entschlossen, nach über zehn Jahren, aus dem Volleyballteam auszusteigen, um noch mehr nichts tun zu können. Andere setzen sich also hin und machen immer noch mehr, schreiben Romane von so einer Wucht, dass man gleich nach dem Lesen nochmal von vorne anfängt. So geschehen bei mir und dem Spinner von Benedict Wells.

Vom Selbstmitleid des Antihelden

Jesper Lier, der Held dieses Romanes, ist ein Antiheld oder vielmehr ein tragischer Held. Sein Vater stirbt, als er 18 ist und wenn etwas Schlimmes passiert, dann kann es sein, dass das Leben stagniert. So geschehen bei Jesper Lier. Der Jesper Lier, den der Leser kennenlernt, ist 20 Jahre alt, lebt – oder besser haust – in Berlin, verliebt sich in das falsche Mädchen, streitet und versöhnt sich regelmäßig mit seinen Freunden, nimmt Schlafmittel, um schlafen zu können und säuft, um leben zu können. Seit nun schon zwei Jahren schreibt er an einem Roman mit dem vielsagenden Titel Der Leidensgenosse. Bei jeder Gelegenheit betont er, dass das seine Haupttätigkeit sei. Er spricht so, als sei dies der ganz große Wurf. So ein richtig dickes Ding, das den Literaturbetrieb bald völlig auf den Kopf stellen wird, weil es was noch nie da Gewesenes ist. Dieser Roman ist am Ende 1.382 – in Worten: eintausendzweihundertdreiundachtzig – Seiten lang und er ist Schrott. Erst als Jesper das von jemandem gesagt bekommt, den er respektiert, und erst als er diese bittere Tatsache als solche akzeptiert, beginnt er aktiv seinen Lebensstil zu überdenken und schließlich sein Leben zu ändern. Und es scheint, als brauche er von der Erkenntnis bis zur Umsetzung nur eine Woche Zeit.

Mach kaputt, was dich kaputt macht

Wenn Jesper Lier ans Telefon geht, dann meldet er sich mit: „Bei Lier“. Es könnte ja sein, dass er keine Lust hat mit seinem Gegenüber zu sprechen. Und dann ist er eben gar nicht da. Das Versteckspiel vor sich selbst und der Welt ist in allen Lebensbereichen gut durchdacht.
Jesper Lier ist bei allem, was er tut, auf der Flucht. Er duckt sich. Er versteckt sich. Von München flieht er nach dem Verlust des Vaters nach Berlin. Für die Mutter erfindet er eine Freundin und ein Studium, damit die sich keine Sorgen macht. Vom Studium drückt er sich, indem er ins Schreiben flieht. In Berlin flieht er regelmäßig in die Arme seines besten Freundes Gustav. Mit ihm zieht er berauscht durch die Nächte der Stadt, denn:

Die Nacht ist keine Zeit. Die Nacht ist ein Ort!“

Doch irgendwie ist plötzlich alles irgendwie weniger berauschend als man das im Rausch immer so denkt. Berlin verliert an Strahlkraft. Als Jesper schließlich seine Schlaftabletten absetzt, gerät seine Wahrnehmung ins Wanken. Gleichzeitig bekommt das Bewusstsein, dass er sein Leben seit zwei Jahren an das Nichts vergeudet, immer mehr Platz in Jespers Gedanken, die immer noch von Halluzinationen, Schlafstörungen und Verfolgungswahn bestimmt werden. Tatsächlich begegnen ihm Menschen auf der Straße, die gar nicht mehr leben und er trifft auf Figuren aus seinem Roman. Oder nicht? Oder doch? Auch der Leser kommt ins Grübeln. Was ist echt? Was ist Fiktion in der Fiktion?

Aufbau und Aussage

Dieser in der Ich-Perspektive geschriebene, knapp 300 Seiten umfassende Roman, erzählt gerade einmal eine Woche aus dem Leben des Protagonisten. Von Montag bis Sonntag begleitet der Leser den Helden auf der Wandlung vom traurigen Taugenichts, der gerne in Selbstmitleid zergeht, hin zum klar denkenden, selbstreflexiven Mann, der die Passivität abstreift und aktiv wird. Er begräbt seinen Traum vom Weltbestseller, er schüttelt das schöne Mädchen ab, das ihn sowieso nur verarscht und er sieht dem Mädchen, das ihn schon so lange so sehr liebt in die vertraut glänzenden Augen, er sagt seiner Mutter die Wahrheit, er sagt seinen Freunden die Wahrheit, denn auch die hat er immer belogen.

Ich hab keine Angst vor der Zukunft, verstehen Sie? Ich hab nur’n kleines bisschen Angst vor der Gegenwart.“

Das ist der Dreh- und Angelpunkt in dieser ersten, richtig schwierigen Phase, in diesem erst zwanzig Jahre zählenden Leben. Und Jesper drückt die richtigen Knöpfe, bringt die Stellschrauben in eine bessere Position. Am Ende steigt er in einen Zug ein. Er lässt Berlin, und alles was so furchtbar schief gelaufen ist in den letzten beiden Jahren, hinter sich. Dass Berlin lügt, hat er ohnehin schon früh bemerkt:

Berlin ist nämlich eine fiese Sau. […] Berlin war oft langweilig, spröde, voller Abgründe und feiernder Zombies, ein Ort der Leere und Einsamkeit, und weg kam man auch nicht mehr.“

Am Ende schafft er es doch. Weg. Ins Ungewisse zwar, aber das fühlt sich offenbar gut an, weil er auch die Ungewissheit wie es weitergehen soll, wenn man einfach so weitermacht, zurück lässt.

Es ist der Fluch der Jugend, dass man glaubt, ständig zu leiden. Doch wenn diese Zeit vorbei ist, stellt man verwundert fest, dass man sie geliebt hat. Und dass sie nie mehr zurückkommt.“

Beides ist also gut. Dass das Leiden nun endlich vorbei ist. Und dass es Gott sei Dank da war und angedauert hat. Dass Benedict Wells hiermit soso Recht hat, weiß man, wenn man älter als 20 ist!

Spinner, Benedict Wells, 316 S., 12 Euro. Diogenes 2016

One thought on “Benedict Wells: Spinner

  1. Ingrid Ertle

    Becks letzter Sommer, fast genial, vom Ende der Einsamkeit, gelesen. Hat mich alles sehr berührt und diese Bücher behalte ich auch. Der Spinner kenne ich noch nicht. Also als nächstes..

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