Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit

Das ist ein trauriges Buch

Eins sei vorneweg verraten: Der optimistisch klingende Titel hält nicht, was er verspricht.  Vom Ende der Einsamkeit ist ein trauriges Buch. Jede der in dieser Geschichte vorkommenden Figuren ist einsam. Einige Facetten des fiesen Spektrums der Einsamkeit werden dem Leser anhand des überschaubaren Figurenkabinetts eindrucksvoll vorgeführt. Da sind Jules, die Hauptfigur, und seine Geschwister Marty und Liz. Die drei sind noch Kinder, als sie ihre Eltern durch einen Autounfall verlieren. Die behütete und sorgenfreie Kindheit endet mit einem Fingerschnippen. Überforderung, Ratlosigkeit und Einsamkeit übernehmen von einer Sekunde auf die andere das Ruder. Jules grämt sich Jahrzehnte lang wegen der letzten Begegnung, die er mit seinem Vater hatte. Der aufgeweckte Junge von einst zieht sich immer mehr in sich zurück, gibt sich ganz dem Vermissen und Grämen hin. Jahre später vermisst er Alva. Alva ist das seltsame Mädchen, welches er kennenlernt, als er mit seinen Geschwistern nach dem Schicksalsschlag ins Internat kommt. Alva und Jules werden beste Freunde und mehr. Ihre Wege trennen sich nach der Schulzeit. Ihre Leben gestalten sich unabhängig voneinander und kreuzen sich wieder. Jules und Alva, das ist die Liebesgeschichte in diesem Buch. Auch Alva ist einsam. Auch in ihrer Familie sind unerhörte Dinge geschehen, die weit zurück liegen, ungeklärt bleiben und für immer nachwirken, manchmal so stark, dass man meint, alles was sie quält, sei erst gestern passiert. Liz, die ältere Schwester von Jules, versucht ihr Leid und ihre Einsamkeit durch Drogen, Sex und Fluchten in andere Städte oder in die Städte anderer Länder auszublenden. Die Einsamkeit des großen Bruders Marty äußert sich vielleicht am subtilsten in Spleens. Und Martys von allen geliebte Frau leidet an der Tatsache, dass ihre Ehe kinderlos bleibt. Und dann ist da noch Toni, der Freund, den sich die Geschwister seit Internatszeiten teilen und der unsterblich in Liz verliebt ist, die ihn zwar sehr mag, aber nicht lieben kann.

Das ist ein leises Buch

Die Figuren in Vom Ende der Einsamkeit sind durchweg sehr ruhige Charaktere. Trotz der Kontakte untereinander scheint es so, als würden sie alle die wichtigen und schwerwiegenden Dinge ihrer Vergangenheit, und auch der jeweiligen Gegenwart, primär mit sich selbst ausmachen. Jeder beschäftigt sich isoliert mit seiner Trauer und seiner Einsamkeit. Die Geschwister treffen sich zwar immer wieder, und da wird das Buch dann stets etwas wilder und auch lauter, aber Strategien zur Problembewältigung werden auch beim gemeinsamen Drogenkonsum im Ferienhaus in Frankreich weder gesucht noch gefunden. Der Tod ist ein verlässlicher Begleiter, vor allem im Leben von Jules. Die Vorstellung, die er vom Tod etwickelt, ist beinahe schön:

Und dann dachte ich an den Tod und wie ich ihn mir früher oft vorgestellt hatte, er wäre eine unendliche Weite, wie eine Schneelandschaft, über die man flog. Und dort, wo man das Weiße berührte, füllte sich das Nichts mit den Erinnerungen, Gefühlen und Bildern, die man in sich trug, und bekam ein Gesicht. Manchmal war das Entstandene so schön und eigentümlich, dass die Seele hineintauchte, um dort zu verweilen, bis sie schließlich weiterzog, auf ihrem Weg durch das Nichts.“

Das ist ein mit Hoffnungen spielendes Buch

Zwischen den Schicksalsschlägen – die nicht enden wollen – funkelt und zischt aber auch immer wieder das Leben mit seinen leuchtendsten Farben. Hier und da bahnt sich das Glück einen Weg zu Jules und den Menschen, die ihn umgeben und reicht ihnen kurz die Hand. Jules und Alva finden zueinander. Toni schläft mit Liz – sogar regelmäßig. Marty landet einen beruflichen Clou, was ihn für alle Zeit finanziell unabhängig macht. Doch diese, z.T. auch langen, Phasen des Glücks, definieren nicht das vordergründige Gefühl der Figuren. Jules und Alvas Zeit ist nicht endlos, das gemeinsame Glück, gemessen an einem Leben, nicht von allzu langer Dauer. Sie bekommen Zwillinge, und ausgerechnet diese beiden Kinder sind die nächsten in dieser Familie, die mit einem Verlust klarkommen müssen, der sie ebenfalls prägen wird.

Das Leben ist kein Nullsummenspiel. Es gibt Leute, die nur Pech haben, die alles, was sie lieben, nach und nach verlieren.“

Das sagt Jules, als er mit Alva an den Kinderbettchen der Kleinen steht.

Auch die Phasen des Glücks für Jules’ Geschwister und Toni enden jäh. Liz schläft nicht mehr mit Toni, als sie von ihm schwanger ist. Das war der unausgesprochene Deal. Und Marty muss immer noch, wenn er einen Raum verlässt, die Türklinke 24 Mal nach unten drücken. Acht mal schnell, acht mal langsam, acht mal schnell. Seiner Frau verheimlicht er das. Jules erwischt ihn dabei, aber macht ihm keine Szene. Er hat längst eine Erklärung für solche Geschehnisse:

Eine schwierige Kindheit ist wie ein unsichtbarer Feind, dachte ich. Man weiß nie, wann er zuschlagen wird.“

Das ist ein schwer verdauliches Buch

Etwas passiert, klaut dir das unbeschwerte Strahlen aus den Augen und legt dir dafür ein Stückchen schwarze Schwermut hinein. Vom Ende der Einsamkeit deutet an, wie Schicksalsschläge Biographien beeinflussen und Charaktere formen können. Gibt es Erlebnisse, die einem jede Chance auf ein glückliches Leben rauben? Wie weiterleben, wenn man manch Erlebtes nicht verarbeiten kann? Vom Ende der Einsamkeit setzt bei diesen Fragen an, greift sie immer wieder auf und gibt doch keine Antworten. Denn jeder Mensch ist anders. In Vom Ende der Einsamkeit geht es um Geschwisterliebe, die Liebe des Lebens, das Leben und den Tod, den Tod, wie er das Leben der Überlebenden beeinflusst. Bereits der erste Satz des Romans, den Benedict Wells seinem Ich-Erzähler Jules in den Mund legt, formuliert das Kernthema des Buches:

Ich kenne den Tod schon lange, doch jetzt kennt der Tod auch mich.“

Dieses Buch ist nicht zuletzt ein Buch über den Tod. Doch was ist nun mit dem Titel Vom Ende der Einsamkeit? Die Stimmung, die der Plot und die Sprache transportieren, ist eine stets traurige, etwas diesige, selten klare und nie ganz helle. Aber wie geht das dann mit dem Ende der Einsamkeit? Alva hat eine Idee:

[…] das Gegengift zu Einsamkeit ist nicht das wahllose Zusammensein mit irgendwelchen Leuten. Das Gegengift zu Einsamkeit ist Geborgenheit.“

Vom Ende der Einsamkeit, Benedict Wells, 368 S., 22 Euro. Diogenes. 2016

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