Berni Mayer: Rosalie

Heimatgrusel

Wir schreiben das Jahr 1986. Im niederbayerischen Praam an der Schwarzen Laaber ticken die Uhren allerdings etwas langsamer. Wer hier nicht zur Karfreitagsprozession erscheint, wird zum Dorfgespräch. Die Via Dolorosa, der Kreuzweg wird angeführt vom Dorfpfarrer namens Parzefall, ein Katholik der alten Schule. Hier, auf dem Weg der Schmerzen, am Karfreitag 1986 beginnt Berni Mayers Roman Rosalie sehr treffsicher. Ein Heimatroman, eine Gruselgeschichte, eine Liebesgeschichte aus der niederbayerischen Provinz.

Der schwarze Konstantin

Erzählt bekommen wir sie vom 17-jährigen Konstantin Wolff. Er stammt aus einem der zwei Gasthäuser des Dörfchens Praam und wird von seinen Freunden Böhmi und Bartl nur Schwarzer genannt. Warum? Weil er ausschließlich Schwarz trägt. Aber auch sonst trifft die Farbe seine Gemütsverfassung ganz gut.

Diese Verpflichtung zu einem Tag Trauer und Nichtstun, bevor am Samstag wieder alle ins Leben zurückkehren, war jedes Jahr eine kurze Erlösung von meinem schlechten Gewissen, denn plötzlich fand man sich mit seiner miesen Laune mitten im Mainstream wieder. Mein vorherrschendes Lebensgefühl war ohnehin ein Davonausgehen, dass nichts ein gutes Ende nimmt, ein permanentes Karfreitagsgefühl, wenn man so will. Deshalb kam mir diese programmatische Tristesse über dem gesamten tiefen Süden sehr entgegen. Es war ein spiegelverkehrter Fasching, ein schwarzer Maskenball, die Eleganz der hängenden Köpfe.

Konstantin lässt gerne den Kopf hängen. Was aber nicht heißen soll, dass in diesem Kopf nichts drin wäre. Ganz im Gegenteil: er steckt voller Gedanken, kluger Gedanken, voller Musik, aber auch voller Sorgen. Sorgen über die Zukunft und über seinen körperlichen Zustand. Niemand weiß, am wenigsten er selbst, warum er einmal im Monat Fieberanfälle bekommt, sein kleines Malaria, nennt seine Mutter es. Es muss irgendetwas mit diesem Dorf und seiner Atmosphäre zu tun haben, glaubt er. Nicht ganz unbegründet.

Dieses Dorf: Tiefste niederbayerische Provinz. Ein Fußballverein, ein Sägewerk, ein paar Höfe, die Wirtschaft, eine Villa, Gurkenfelder, ein Wasserschloss und im Zentrum die Kirche. Über allem thront die Kirche. Das erste und das letzte Wort hat der Pfarrer. Seine Macht ist weniger greifbar und doch durchdringender als die der Leute und die des Bürgermeisters. Kadaver-Gehorsam nennt Konstantins Onkel das: „In so kleinen Orten gibt es keine zeitgemäße Moral. Der Klerus sagt spring, und Praam springt. Nach Moralmaßstäben aus dem Mittelalter.“ Wer zuhause nicht spurt, wird vom Vater geschlagen – wie Konstantins Kumpel Böhmi. Und wer den ungeschriebenen Gesetzen der Dorfgemeinschaft zuwider handelt, erlebt deren Gewalt: in Worten und Taten.

Verschlossene Welt

In diesem kleinen Kosmos wächst Konstantin auf. Und gehört doch nicht richtig dazu. Nach der Schule wird er nicht das Gasthaus der Eltern übernehmen, das ist für ihn klar, er wird zum Studieren gehen. Weit weg und am besten nicht wiederkommen. Doch dann tritt in diese eingeschworene Dorfwelt eine Außenseiterin: Rosalie, genannt Rosa. Hergezogen aus München. Sie hat gerade ihre Mutter verloren und wirkt in Praam wie ein Fremdkörper. Ein blasses, gespenstisches Mädchen mit schwarzen Haaren, in das sich Konstantin augenblicklich verliebt. Die erste große Liebe.

„Was ist das für ein Ding?“, fragte sie. „Die sehe ich öfter.“ „Das sind Grenzsteine. Die markieren exakt den Grundbesitz des Bauern. Jeder Meter zählt.“, sage ich. „Aber kann man die nicht einfach versetzen?“, fragte Rosa. „Auf gar keinen Fall“, sage ich. „Dann kommen die Feldgeschworenen.“ „Bitte wer?“ „Feldgeschworene. Das sind geheime Personen, die nur der Bürgermeister kennt. Sie sind bei jeder Grenzsteinlegung oder Änderung dabei und vergraben geheime Zeichen, die im Boden nicht verfaulen, damit sie sofort beweisen können, wenn jemand den Grenzstein versetzt hat. Gab’s schon im Mittelalter.“ „Ganz schön geheim hier alles“, sagte sie.

Das junge Glück bleibt nicht lange schattenlos in diesem düsteren Roman, der einen immer wieder das Gruseln lehrt. Rosalie und Konstantin brechen in das leer stehende Wasserschloss ein und machen dort eine Entdeckung, die nicht nur ihre Beziehung, sondern das ganze Dorf erschüttern wird. Und es bleibt nicht bei diesem einen Horror, er wird eine lange Kette mit sich schleifen. Mehr sage ich zur Handlung nicht.

Der Horror der Heimat

Berni Mayer ist mit Rosalie etwas Großartiges gelungen. Er beschreibt eine Welt, die fiktiv und wahr zugleich ist. Praam an der schwarzen Laaber gibt es nicht und doch gleich hundertfach. Mir kommt dieses Provinznest so vertraut vor. Und auch diese Stimmung der 80er Jahre. Ich war 1986 gerade drei Jahre alt und trotzdem spüre ich in diesen Beschreibungen etwas, das ich kenne. Der Regen nach der Katastrophe von Tchernobyl, Boris Beckers Wimbledon-Sieg – zwei so unterschiedliche Begebenheiten, die hier alle ihren Platz finden und die seltsame Widersprüchlichkeit dieser Zeit prägen. Die Welt ist im Wandel. Und so vieles scheint dennoch immer gleich zu bleiben.

Praam an der schwarzen Laaber hat etwas von der seltsamen Idylle aus Irgendwie und Sowieso, erinnert dann aber plötzlich an Twin Peaks. Etwas ganz Vertrautes lässt dich plötzlich erschauern. Wenn man als Autor das schafft, ist einem etwas Bemerkenswertes gelungen. Berni Mayer findet stets diese schwer zu haltende Balance. Er weiß ganz genau, wovon er schreibt und wie er es schreibt. In einer Sprache, die mich stets fest im Griff hatte, die Spaß macht, lebendig ist und die Dinge konkret auf den Punkt bringt, ohne je sachlich zu sein. Über allem schwebt stets das eine große Wort: Heimat.

Was ist das eigentlich, Heimat? Ein Sehnsuchts- und ein Schreckensort zugleich. So scheint es in Rosalie. Wo die Vergangenheit und die Gegenwart ein unentwirrbares, verstörendes Gemisch ergeben. Ein Ort, von dem man fliehen muss, damit man ihn und vielleicht auch, damit man sich lieben kann. Das ist ein Heimatroman der anderen Art. Einer jenseits von Alpenglühen und Wald- und Wiesenidylle. Fantastisch echt.

Berni Mayer. Rosalie. Dumont, 2017. 20,00 Euro.

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