Bittersweet Symphony

Gnocchi mit Radicchio und Birne

Der seltsame Mister Ashcroft läuft durch die Straßen des Londoner Stadtteils Shoreditch und singt halb euphorisch, halb melancholisch über das Leben, das sich irgendwo zwischen Jammertal und Wolkenkuckucksheim einpendelt. Das war 1997 und ist genau 20 Jahre her.

Seine Bitter Sweet Symphony ist für mich eines DER Lieder meiner Jugend. Es war Teil des in meinem Freundeskreis – und wahrscheinlich nicht nur in meinem – hassgeliebten Films Eiskalte Engel, es bildete den Zenit des von mir heiß und innig geliebten Britpop und war irgendwie Ausdruck eines gelangweilten Lebensgefühls, das spätestens mit dem 11. September 2001 zu Ende ging. Genauso bittersüß sind meine Gefühle, wenn ich an diese Zeit zurückdenke.

Melancholie für den Magen

Ähnlich bittersüß und melancholisch wird mir jedes Jahr zumute, wenn der Sommer verklingt und der Herbst die ersten Moll-Töne anschlägt. Wenn die Blätter sich feuerrot verfärben, der Regen nicht mehr ersehnte Abkühlung bringt, sondern zum Vorboten für den Schnee wird, und die Luft morgens so kühl ist, dass der eigene Atem eine gespenstische Nebelwolke heraufbeschwört.

Aber trauern wir nicht dem Ende des Sommers und der Jugend hinterher, geben wir der Melancholie doch eine Chance! Sie will nur richtig zelebriert werden. In all ihrer Bittersüße, Widersprüchlichkeit, mit all ihren Entweders und all ihren Oders.

Deshalb bringe ich jetzt ein Gericht auf den Tisch und zur Sprache, das vielleicht wie kein anderes dazu passt. Es ist halb Sommer und halb Herbst. Es ist halb bitter und halb süß. Und es wird vermutlich entweder geliebt oder gehasst. Ein Dazwischen wird’s bei den wenigsten geben. Denn es besteht aus einigen der umstrittensten Zutaten, die man so in Topf und Pfanne werfen kann.

Takes you to the places where all the veins meet, yeah

Die personifizierte Bitterkeit ist der Radicchio. Ich liebe ihn dafür, andere lassen ihn hingegen nur äußerst ungern in ihre Nähe. Die Süße kommt durch die Birne auf den Teller. Die kurvige Schwester des Apfels hat mehr Freunde als der Radicchio, gehört aber trotzdem nicht zur Fraktion der Everybody’s Darlings. Genauso wie der Gorgonzola. Allein bei seiner Erwähnung bekommen die meisten große Augen. Die einen vor Entsetzen, die anderen vor Verzückung. Weil ich es nicht jedem recht machen kann und will, und mich diese Mischung aufs Höchste verzückt, kommt hier meine herbstlich bittersüße Schlemmer-Sinfonie.

So schreit der Herbst Hurra

Gnocchi mit Radicchio und Birne

Ihr braucht für 4 Portionen:

Für die Radicchio-Gnocchi
1 Kopf Radicchio
1 kg Kartoffel-Gnocchi
1 Knoblauchzehe
1 Esslöffel Butter
Salz und frisch gemahlener Pfeffer

Für die Gorgonzola-Sauce
1 mittelgroße Zwiebel
100 ml Sahne (ich nehme Soja-Sahne)
150 g Gorgonzola
1 Esslöffel Butter

Für das Topping
70 g Walnüsse
1 reife Birne
1 Teelöffel Butter

Keine Gorgonzola-Exzesse, my dear!

So geht’s:

Zunächst bereite ich das Topping vor, weil ich die Kombination aus Heiß und Kalt mag. Wenn du alle Komponenten heiß genießen willst, setzt du die Zubereitung des Toppings einfach an den Schluss. Dazu röste ich die Walnüsse in einer heißen Pfanne und ohne Fett an. Vorher zerstoße ich sie grob im Mörser. Wenn sie zu duften beginnen, gebe ich sie in eine Schüssel zum Abkühlen. In dieselbe Pfanne einen Klecks Butter geben und die Birne in kleinen Würfeln anbraten, bis sie weich ist und goldbraun glänzt. Beiseitestellen.

Nun kommt die Gorgonzola-Sauce an die Reihe. Die Zwiebel fein hacken und in Butter glasig dünsten. Den Gorgonzola hinzugeben und mit der Sahne aufgießen. Bei mittlerer Hitze solange rühren, bis eine cremige Masse entstanden ist. Auf niedrigster Stufe warmhalten.

Die Gnocchi maximal zwei Minuten in Salzwasser simmern lassen und abgießen. Auf keinen Fall abschrecken, sonst werden sie pampig und klebrig! Die Butter in einer großen flachen Pfanne schmelzen und den gehackten Radicchio darin anbraten. Ich hacke den Radicchio so, dass seine Stücke in etwa der Größe der Gnocchi entsprechen. Wenn der Salat sich bräunt, die fein geschnittene Knoblauchzehe dazugeben und kurz mit schwenken. Dann die Gnocchi ein paar Minuten bei mittlerer Hitze hineinwerfen und mit anrösten, bis sie ebenfalls eine goldbraune Färbung bekommen. Mit Salz und Pfeffer abschmecken.

Bezaubernde Bitterkeit

Ich richte so an, dass die Radicchio-Gnocchi die Basis bilden. Darauf kommen Birnenwürfel und Walnüsse. Drumherum ein paar kleine Löffel der Käsesauce verteilen. Nicht zu viel davon nehmen! Der Gorgonzola ist so intensiv, dass er schnell die feinen Nuancen der anderen Zutaten übertüncht statt sie zu ergänzen. Deshalb sollen die Gnocchi auch nicht darin baden, sondern die Sauce mit dem Löffel erst dann hinzugeholt werden, wenn alles in den Mund wandert. Und dann singen hoffentlich alle Sinne:

It’s a bittersweet symphony this life…. I’ll take you down the only road I’ve ever been down
You know the one that takes you to the places where all the veins meet, yeah.

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.