Catherine Meurisse: Die Leichtigkeit

Schweres ganz leicht

Catherine Meurisses Die Leichtigkeit ist meine erste Graphic Novel – ein Genre, an dem ich bislang wenig Interesse gezeigt habe. Vielleicht, weil ich dahinter leichte Unterhaltung vermutet habe. Wenn ich die will, greife ich – und auch das eher selten – zum Comic. Asterix, Batman und Yoko Tsuno sind die Comichelden meiner Jugend. Mit diesen drei habe ich viele wunderbare Stunden auf dem Sofa verbracht.

Doch dann kreuzte Die Leichtigkeit meinen Weg. Das Thema ist – ganz anders als der Titel vermuten lässt – erst einmal harter Tobak. Catherine war Zeichnerin beim französischen Magazin Charlie Hebdo. Dass sie den Anschlag auf die Pariser Redaktion im Januar 2015 überlebt hat, verdankt sie allein ihrem turbulenten Liebesleben. Sie verschläft, verpasst den Bus und wird vor dem Redaktionsgebäude in Sicherheit gebracht. Ein paar Minuten, ein Zufall, haben Catherine das Leben gerettet. Aber wie lebt man weiter, wenn man überlebt hat? Darum geht’s in Die Leichtigkeit.

Wenn alles verloren scheint

Nicht leicht ist es, das Weiterleben. Catherine findet intensive Bilder für das Verlorensein, das Übriggebliebensein, dem sie nicht entkommen kann. Arbeit kann sie nicht ablenken, denn genau die wurde angegriffen. Sie kann nicht mehr arbeiten, all ihre Ideen, ihre Kreativität, die Freude an der Schönheit – all das wurde ihr geraubt.

Sie spricht mit Familie und Freunden, sie geht zum Psychiater, der eine dissoziative Störung diagnostiziert. Erst als sie beginnt, Fantasie-Gespräche mit ihren toten Kollegen zu führen, findet sie die Kreuzung, die sie möglicherweise zurück zu ihrer Kunst führen kann.

Sie macht sich auf die Suche nach etwas Stärkerem, nach etwas, das die Dunkelheit des Attentats in den Schatten stellt. Sie will sich anstecken lassen vom Stendhal-Syndrom. Das Stendhal-Syndrom, was soll das sein? Klingt nach einer fiesen Krankheit, ist aber das Gegenteil davon:

Während seiner italienischen Reise, im Jahr 1817, von Kunstwerken umgeben, hat ihn ein Schwindel überkommen. Inzwischen bezeichnet man die Ohnmacht, die einen jeden angesichts einer Flut von Schönheit ergreifen kann, als „Stendhal-Syndrom“.

„Genau was ich brauche“, denkt sich Catherine und begibt sich auf Stendhals Spuren. Wohin? Ins ewige Rom. Dort warten Kunst und Schönheit  – Leichtigkeit auf sie.

Kehr’ den Schatten den Rücken

Was für eine Frau, was für eine Reise, was für ein Buch. Es hat mich sofort gepackt und zwar gleich doppelt: wegen seiner eindringlichen Bilder und seinen wunderschönen, wahren Worten. Zusammen ergeben sie einen wunderbaren Sog, mit dem man Catherine und ihrem Leben unheimhlich nah kommt. Näher als Bilder und Worte alleine das schaffen würden.

Was Catherine uns – nach allem, was sie erlebt hat, nach all dem Dunklen und Traurigen, das ihr Leben und den Kern ihrer Persönlichkeit aus den Angeln gehoben hat – sagt, ist eigentlich ganz einfach, ganz leicht und gerade darum so schwer:

Folge nicht dem Dunkeln, folge dem Licht. Gib nicht dem Hass nach, ergib dich der Liebe. Fürchte dich nicht vor dem Schrecken und der Fratze des Terrors, such nach dem Wahren, Guten, Schönen und feiere es. Halte es hoch gegen den Strudel der Angst, der Gewalt und des Hasses, der uns jeden Tag mitreißen will.

Ich finde, das können wir alle uns nicht oft genug sagen. Und tut es nicht besonders gut, es sich von jemandem wie Catherine Meurisse sagen zu lassen? Die nach all der Schwere wieder zur Leichtigkeit gefunden hat? Klingt das nicht gut: Die Liebe und die Schönheit kann dich retten. Für mich klingt das nach dem Besten, was ich je gehört habe. Weil’s wahr ist. Wahr und gut und schön.

Catherine Meurisse. Die Leichtigkeit. Carlsen Verlag, 2017. 19,99 Euro.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.