Christian Kracht: Die Toten

Reise ins Reich des Vergangenen

Wie viele Worte hat die deutsche Sprache? Eigentlich egal.

Wenn man sie gekonnt aneinanderreiht, entsteht eine Geschichte. Wenn man sie außerordentlich gekonnt aneinanderreiht, entsteht eine Geschichte, die uns fesselt, vielleicht sogar bewegt.

Wie? Wenn der Autor sich der richtigen Worte bedient, sie so nebeneinander stellt, dass aus ihnen ein Bild entsteht und dieses Bild ein Gefühl weckt. So werden Worte lebendig.

Und warum wird uns das nie langweilig? Irgendwann müssen doch alle Wortkombinationen verwendet, alle Geschichten erzählt sein? Ganz einfach: weil man hundert verschiedene Romane erhält, wenn man hundert Menschen ein und dieselbe Geschichte aufschreiben ließe. Wenn’s ein Nichtkönner tut, wird’s vermutlich langweilig. Und wenn’s ein Könner tut, wird’s vermutlich gut.

Warum ich hier über Worte und Geschichten schwadroniere?

Weil mich die Worte und Geschichten von Christian Krachts Die Toten gepackt haben. Hier ist nicht nur ein Könner, hier ist ein Meister am Werk. Was ist das für eine Geschichte! Was sind das für Worte! Eine Geschichte gewebt aus Geschichten.
toten_2Da ist eimal die Geschichte des ebenso brutal-berechnenden wie feinsinnigen Herrn Amakasu und dort die Geschichte des Schweizer Regisseurs Herrn Nägeli. Zwischen den beiden Herren tummelt sich Ida von Üxküll und mit ihr drei Kontinente und drei Städte – Berlin, Tokio, Los Angeles. Und da tummeln sich von Kracht wieder zum Leben erweckte, nur allzu bekannte Tote: Charlie Chaplin, Siegfried Kracauer, Fritz Lang, Lotte Eisner, Heinz Rühmann.

Denn wir befinden uns Anfang der 1930er Jahre. In Berlin beginnt man, vor den Nazis zu fliehen, in Tokio ermorden Marinekadetten den japanischen Premierminister, in Los Angeles beginnt das goldene Zeitalter Hollywoods.

Das Rad der Geschichte

Und wie hält all das zu einer Geschichte zusammen? Wie ein eierndes Rad drehen sich alle Stränge, Figuren und Orte um die Zeitenwende des Films. Wir oszillieren von Stumm zu Ton, von Schwarz-Weiß zu Farbe. Mit einer blutigen Filmaufzeichnung weckt Masahiko Amakasu das Interesse der UFA-Filmgesellschaft in Berlin. Die schickt den Regisseur Emil Nägeli zu ihm nach Japan, um dort einen klassischen Gruselfilm zu drehen. Da verbinden sich zwei (Film-)Mächte miteinander, die bald nicht nur Hollywood sondern die ganze Welt das Gruseln lehren werden.

Mit Amakasu, Nägeli und Ida reisen wir durch Städte und Länder, mit Flieger, Auto, Bahn und Dampfer. Und wir reisen durch die Zeit.

Mit Zeitreise meine ich Zeitreise. Das ist nicht das Modell „historischer Roman“, das Christian Kracht da auspackt. Nein, er wartet mit dem All-Inclusive-Paket auf.

Was macht einen Roman aus? Handlung, Sprache, Schrift. Ein schnöder historischer Roman reist mit einem Koffer: der Handlung. Wir Glücklichen aber dürfen in Die Toten mit dreien reisen.

Wir reisen – wie es sich für gute Literatur gehört – in fremde Länder, mit fremden Menschen, zu fremden Zeiten. Wir lesen Sätze, die heute so nicht mehr gesprochen und geschrieben werden. Und wir sehen Worte, die wir heute so nicht mehr lesen. Uns transportiert der Schofför. Da steht das alte Daß, das von einer Rechtschreibreform noch nichts ahnt, gelehnt an die gute alte Litfaßsäule. Und da kommt auch schon der Schutzmann ums Eck gebogen.

Die Wucht der Worte

…der Schofför schreit auf, reißt die Hände vom Lenkrad und vor das Gesicht, und der nun führerlose Mercedes zieht nach links weg, verfehlt nur äußerst knapp ein Auto auf der anderen Fahrbahn (das Hupen zieht, als sitze man in einem diabolischen Klangtunnel, erst direkt von vorne, dann seitwärts, schließlich hinten vorbei), verfehlt links einen ehrwürdigen Kastanienbaum, rechts eine Eiche, nun kollidiert das Taxi mit einer Litfaßsäule und kommt so, rauchend und mit dampfspotzender, verbogener Kühlerhaube unter einem jener grellbunten Wahlplakate zu stehen, welches die eher uneinhaltbaren Versprechungen der Liste 2 anpreist (Arbeit und Brot).

Wie viel steckt bitte allein in dieser Taxifahrt? Die Zeit rast, der Fortschritt ist unaufhaltsam. Nur die Menschen kommen nicht mit, verschließen die Augen vor dem, was da kommt. Wie Zombies wandeln sie durch die Geschichte und in den eigenen Tod. Die Toten ist nur so vollgepackt von Symbolik, Wortkunst, Ebenen. Aber keine Sorge: Man muss nichts davon mögen, entdecken und verstehen, um das Buch zu lieben. Aber sie machen es umso wahrer, schöner, besser.

Die Toten ist bis jetzt mein Buch des Jahres – und das Jahr ist nicht mehr lang. Ich sage: was Besseres kommt da nicht mehr. 5,3 Millionen Worte hat die deutsche Sprache. Bei Christian Krachts Wortwucht aber hilft kein Duden weiter. Die macht sprachlos. Selten hat sich Vergangenes und Totes so lebendig angefühlt.

Christian Kracht: Die Toten. Kiepenheuer und Witsch, 2016, 212 S. 20 Euro.

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