Claire Fuller: Eine englische Ehe

Sentimentale Schnitzeljagd

Swimming Lessons, also Schwimmstunden, heißt der zweite Roman der englischen Autorin Claire Fuller im Original. Das klingt gut, finde ich. Und wie lautet der deutsche Titel? Eine englische Ehe. Ganz anders, aber vielleicht macht das ja Sinn. Schlauer ist man ja immer erst am Ende eines Buches. In diesem Fall leider nicht: Ja, es geht um eine Ehe. Ja, der Roman spielt in England. Trotzdem macht der Titel für mich in etwa so viel Sinn, wie Deutsche Ehen für Martin Walsers Ein fliehendes Pferd oder Eine französische Ehe für Flauberts Madame Bovary gemacht hätte. Er ist nicht falsch, aber er verfehlt dennoch sein Ziel. Schwimmstunden hätte es schon getroffen. Die Titelwahl wäre nicht weiter tragisch und ließe sich leicht verzeihen, ist aber leider symptomatisch für die Wege, die der Roman hin und wieder einschlägt.

Fangen wir aber mal ganz vorne an: Bereits im Prolog der Geschichte erfahren wir, dass die englische Ehe, von der sie handelt, schon lange vorbei ist. Seit mehr als 12 Jahren wird Ingrid, die Ehefrau von Gil Coleman, vermisst – vermutlich ist sie tot – wahrscheinlich ertrank die hervorragende Schwimmerin bei ihrer täglichen Schwimmroutine. Als Gil Coleman, ehemaliger Professor für Literatur und Schriftsteller, als alter Mann aus dem Fenster einer Buchhandlung blickt, glaubt er, nach all den Jahren seine verschollene Frau auf der Straße zu sehen. Er stürzt aus dem Laden, verfolgt die Frau, stürzt dabei schwer und landet im Krankenhaus.

Von zwei Seiten

So beginnt Claire Fullers Buch und teilt sich von da an in zwei Hälften und zwei Erzählweisen: zum einen in Ingrids Briefe an ihren Mann, die sie kurz vor ihrem Verschwinden schreibt und in Büchern an ihn hinterlässt. Zum anderen in die aus der Perspektive von Flora – jüngste Tochter von Gil und Ingrid – erzählten Geschehnisse nach Gils Sturz. Wir nähern uns dem Tag von Ingrids Verlust also von zwei Seiten: von vorne und von hinten, aus ihrer Sicht und der ihrer Familie. Der gesamte Roman spitzt sich zu auf diesen einen Punkt. Erst am Ende werden beide Stränge aufeinandertreffen.

Im Sommer 1992  – im Jahr ihres Verschwindens – schreibt Ingrid mehrere Briefe an ihren Mann Gil. Zu der Zeit sind die beiden fast 20 Jahre miteinander verheiratet. Ingrid erzählt ihrem Mann die Geschichte ihrer Ehe oder besser: ihre Geschichte ihrer Ehe. Wie die blutjunge, begabte Studentin sich in ihn, ihren 20 Jahre älteren Professor verliebt. Wie sie kurz darauf schwanger wird, von der Uni ohne Abschluss abgeht und alle ihre Träume vom selbstbestimmten, unabhängigen, freien Leben für ihn aufgibt. Wie sie mit ihm von London an die Küste Dorsets zieht, in ein kleines – zugegeben sehr idyllisches – Haus am Meer, ohne Geld, ohne Job, ohne Freunde. Wie er sie betrügt, sie ihm immer wieder auf die Schliche kommt und doch immer wieder verzeiht.

Sie schickt diese Briefe nicht ab. Sie versteckt sie in Gils Büchern. Der findet sie, kurz bevor er stürzt, und versucht nun – schwerkrank – irgendwie Abbitte zu leisten für die Verletzungen, die er seiner Frau zugefügt hat. Ihre gemeinsame Tochter Flora vergöttert ihren Vater und wartet auf die Rückkehr ihrer Mutter. Von ihrem Tod und den Fehlern ihres Vaters will sie nichts wissen – ganz im Gegensatz zu ihrer älteren Schwester Nan. Ganz langsam nähern sich die unterschiedlichen Schwestern einander und dem Grund für den Verlust der Mutter an.

Im Getümmel der Genres

Es wird ziemlich schnell klar, was Claire Fuller mit ihrem Roman vorhat: viel. Es soll ein Briefroman sein, ein Eheroman, eine Reise durch die Literatur und ihre Formen, eine literarische Spurensuche und eine emotionale Detektivgeschichte. Für die Fülle an Genres und Vorhaben, die sie in dieses Buch gepackt hat, macht die Autorin ihre Sache ziemlich gut. Sie konstruiert klug, schreibt klar und schweift nicht ab, das liest sich wahnsinnig leicht und flüssig und ist wirklich spannend wie ein Krimi.

Das hört sich nach einem Aber an. Und ja, das Aber kommt und das Aber ist groß.

ABER: Die Geschichte und ihre Akteure tragen all diese Konstruktionen, Erzählweisen und Kniffe nicht. Man liest und liest, blättert und blättert, wartet auf die große Enthüllung, auf den AHA!-Moment, auf des Rätsels Lösung. Sie kommen nicht. Man wartet darauf, dass endlich Bilder entstehen vor dem inneren Auge, die Romanfiguren lebendig werden, zu runden Charakteren, aber es passiert nicht.

Ich weiß die Fakten zu Ingrids und Gils Ehe, aber ich lerne die beiden nicht kennen. Ich weiß, wie Floras Kindheit und Jugend verlief, was sie tut und wie es ihr geht, aber ich kann sie nicht fühlen und nicht greifen. Alle Charaktere bleiben hinter einem Schleier, wie bei einem Schattenspiel. Man kennt ihre Konturen, ihre Bewegungen und das, was sie sagen. Wie sie dabei aussehen, was sie wirklich fühlen: keine Ahnung.

Das ist vermutlich ein Stück weit Claire Fullers literarischem Plan geschuldet, den sie ihren Figuren immer wieder in den Mund legt:

Ein Buch wird erst lebendig, wenn es mit dem Leser kommuniziert. Was passiert denn eurer Meinung nach in den Lücken, mit den unausgesprochenen Dingen, mit dem, was ihr ausgelassen habt? Der Leser füllt all das mit seiner eigenen Fantasie.

Klingt nach einem Plan, einem guten sogar. Und ja, die Lücken waren da, viele davon. Aber keine dieser Lücken hat mit mir kommuniziert, hat meine Fantasie angeregt. Sie blieben einfach leer. Genau wie die fast schon mit dem Holzhammer eingesetzte Farbsymbolik. Blau und Gelb, Gelb und Blau, Blau und Gelb. Die beginnt auf dem Cover und endet auf der letzten Seite, aber schlau wurde ich daraus auch nicht. Ingrid ist – warum auch immer – gelb: Ihr Haar ist strohblond, ihr Kleid ist gelb, die Blumen, die sie bekommt, die Briefe, die sie schreibt, sie ist ein einziger Gelbklecks. Das, was sie umgibt ist blau. Das Meer, der Himmel und und und. Etwas weniger Blau, etwas weniger Gelb, etwas weniger Mysterie und leere Symbolik, dafür eine etwas nuanciertere Figurenzeichnung wären für meinen Geschmack besser gewesen. Die beste Lücke lässt sich nicht ausmalen, wenn mir nichts in die Hand gegeben wird.

Viel Schatten, wenig Licht

Leider ist hier das Aber noch nicht zu Ende. Über all die Lücken, Farben und Schattenspiele hätte ich hinweg gesehen, wenn da zumindest eine Figur gewesen wäre, die ich mag oder verstehe oder die irgendein Gefühl in mir weckt. Unglücklicherweise auch hier: eine Lücke.

Gil, der alternde Schöngeist mit der Fremdgeh-Sucht, ist ein pseudo-intellektuelles Arschloch, das am Ende seines Lebens Krokodilstränen weint. Ingrid, das mal passiv-aggressiv schweigende, mal hysterische Weibchen, das sich von allen gemein behandelt und unverstanden fühlt, fällt am Ende nichts Besseres ein, als Briefe zu verstecken und die Biege zu machen, anstatt einmal Klartext zu sprechen. Nan spielt mit großem Enthusiasmus die Ersatzmutter und beschwert sich gleichzeitig deswegen. Flora hingegen weigert sich einfach, erwachsen zu werden und den Tatsachen ins Auge zu blicken und hat mit ihrer bockigen „Ich-will-aber-nicht“-Einstellung in mir die größten Aggressionen geweckt.

Ich bin traurig, dass ich nichts Schöneres über dieses Buch sagen kann. Ich hatte mich nämlich sehr darauf gefreut. Ich liebe seine Optik. Selten habe ich ein grafisch so hervorragend gestaltetes Buch gesehen.

Ich liebe sein Setting. Die Beschreibung der Natur Dorsets, des Hauses und des Wassers sind wirklich das Beste, das dieses Buch zu bieten hat. Auch die Themen, die der Roman abarbeitet, sind genau meine. England, schwierige Beziehungskisten, die Liebe zu Büchern und der Literatur, ein bisschen Detektivgeschichte und Rätselraten: wie für mich gemacht.

Wie schade, dass aus diesem wunderbaren Inventar so wenig herausgeholt wurde. Es hätte so schön mit uns zweien werden können! Aber, um es frei nach Joachim Meyerhoff zu sagen: Ach, diese Lücken, diese entsetzlichen Lücken.

Claire Fuller. Eine englische Ehe. Piper Verlag, 2017. 22,00 Euro.

Claire Fuller. Swimming Lessons. Fig Tree, 2017. 12,99 Euro.

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