Connie Palmen: Du sagst es

Die Liebe und der Tod

Jeder, der etwas für Lyrik übrig hat und sich – wenn auch nur ganz am Rande – für den Literaturbetrieb interessiert, hat schon mal von Sylvia Plath und Ted Hughes gehört. Die beiden waren das wohl berühmteste Schriftstellerehepaar der modernen Literaturgeschichte. Zu sagen, dass ihre Geschichte nicht gut ausgeht, wäre eine glatte Verharmlosung. Sylvia begeht mit 31 Jahren Selbstmord. Und ihm haftet bis zu seinem Tod das Stigmata an, sie verlassen, betrogen, in den Tod getrieben zu haben. Freunde und Feinde behaupten das öffentlichkeitswirksam, treten sein Leid in den Medien breit. Und Ted Hughes? Bis zu seinem Tod äußert er sich nicht zu den Vorwürfen.

Jetzt hat die Niederländerin Connie Palmen über die beiden einen Roman geschrieben. Erzählt wird er uns von Ted Hughes.

Natürlich ist das fiktiv. Natürlich sind das nicht Hughes’ Sätze. Aber sie könnten es sein. Palmen hat sich nicht eben mal hingesetzt und drauf los geschrieben. Wäre, hätte und könnte spielen hier auch eine eher untergeordnete Rolle. Nein, die Niederländerin hat gelesen, gelesen und nochmal gelesen. In seinen Gedichten, in ihren Gedichten. In seinen unveröffentlichten Gedichten, in seinem Archiv, in seinen Essays, Kommentaren, Briefen und und und. Was wir hier lesen, hat dokumentarischen Charakter und bleibt dennoch eine Mutmaßung.

Bis dass der Tod uns scheidet

Ted erzählt uns seine Liebesgeschichte mit Sylvia. In den 1950ern lernen sich die beiden in Cambridge kennen. Die junge amerikanische Stipendiatin und der aufstrebende Dichter aus Yorkshire, auf den die Frauen nur so fliegen. Wenn man sich Bilder aus der Zeit ansieht, weiß man auch warum. Von nun an hat er aber nur noch Augen und Ohren, Hand und Mund für Sylvia. Alles dreht sich um Sylvia, bei der alles etwas „zu viel“ wirkt. Zu laut, zu schrill, zu groß, zu exzentrisch, zu emotional, zu überdreht, zu eifersüchtig, zu todessehnsüchtig.

Ihr erster Kuss ist ein Biss – sie beißt ihm die Backe blutig und setzt damit die Vorzeichen für das, was kommen wird.

Was kommt, sind sieben gemeinsame Jahre. Glückliche Jahre, traurige Jahre, wütende Jahre. Intensive Jahre. Kurze Jahre.

Ich hätte wissen müssen, dass eine Frau, die beißt, statt zu küssen, den, den sie liebt, auch bekämpft. Wer eine Liebe so beginnt, sollte wissen, dass sich im Herzen dieser Liebe Gewalt und Zerstörung verbergen. Bis auf den Tod. Von Anfang an war es um einen von uns geschehen. Es hieß, sie oder ich. In der Urgewalt namens Liebe hatte ich eine Ebenbürtige gefunden.

Nur wenige Monate nach dem Kennenlernen und Zusammenziehen heiraten die beiden. Nur zu zweit. Seine Freunde mögen sie nicht, seine Eltern auch nicht, mit seiner Schwester kommt es immer wieder zur offenen Konfrontation. Und Ted Hughes hält immer zu seiner Frau. Einer Frau, die wütet, kreischt, schreit, flucht. Die alle, die sie lieben, von sich stößt. Die eigentlich immer nur sterben will. Und vor ihrem Tod nur ein Ziel hat: eine weltberühmte Dichterin zu werden.

Beides gelingt ihr: früh zu sterben. Und ihre letzten Gedichte, im Band Ariel erschienen, machen sie schließlich zur literarischen Ikone.

Geisel des Todes

Da ist Ted Hughes längst ein Star in der Literaturszene. Preisgekrönt, beklatscht und bejubelt. Sylvia steht hier zeitlebens in seinem Schatten.

Privat sah das wohl anders aus. Ted liebt seine Frau – wenn es so war, wie Connie Palmens Ted Hughes uns das erzählt – mit Geduld, Ruhe und Kraft. Von Beginn an, so scheint es, ist ihm klar, wie ihre Liebesgeschichte enden wird. Und dennoch schreckt er nie vor ihr zurück. Er wird sie verlassen, aber er wird ihr nie entkommen.

Ein Bräutigam, der Geisel des Todes ist, in einer posthumen Ehe auf ewig mit seiner Braut verbunden, so unzertrennlich von ihr, wie sie es wollte. Ihr Name ist mein Name. Ihr Tod ist mein Tod.

Ted Hughes’ Leben war nach dem Selbstmord von Sylvia Plath nie mehr dasselbe. Natürlich nicht. Aber inwieweit es überhaupt noch ein Leben war, muss man sich fragen. Wenn man heute den Namen Sylvia Plath hört, denkt man – so geht es mir zumindest – augenblicklich an den Namen Ted Hughes. Gleich danach kommt das Wort Schuld.

Ich muss gestehen, bevor ich Du sagst es gelesen hatte, war ich derselben Meinung. Ted Hughes ist bzw. war ein Schwein. Und ich hatte mich bislang nur sehr oberflächlich mit den beiden beschäftigt. Ich gebe zu: Ich habe meine Meinung nun gänzlich geändert.

Es tut weh

Du sagst es ist anstrengend zu lesen. Es tut weh. Weil sich die beiden ununterbrochen weh tun. Weil man weiß, wie das Buch, wie diese Leben enden werden. Weil sie, so abgedroschen es klingen mag, sehenden Auges in ihr Verderben rennen. Diese Unausweichlichkeit ist kaum zu ertragen.

Und ja: Du sagst es ist ein großartiges Buch. Weil es so anstrengend ist. Weil man es eben nicht so flockig dahin liest. Weil man danach erst einmal dasitzt, komplett erschöpft und es nicht fassen kann, dass das nicht „nur“ ein Roman ist. Sondern die Geschichte zweier einst lebendiger Menschen. Wäre es reine Fiktion, ob Roman oder Film, würde man sicherlich denken: „Ach, da hat es der Autor aber heftig übertrieben.“

Connie Palmen gibt Ted Hughes eine wunderbare Stimme. Ruhig, gefasst, poetisch, rein und klar. Perfekt für diese Geschichte. Man glaubt ihm jedes Wort. Und jedes seiner Gefühle.

Wenn ich das Buch verdaut habe – vielleicht in ein paar Wochen – werde ich die Gedichte von beiden lesen. Die Texte bleiben. Das ist das Beruhigendste an dieser Geschichte.

Connie Palmen: Du sagst es. Diogenes Verlag, 280 S. 22 Euro.

Sylvia Plath: Ariel. Faber and Faber, 81 S. 9,99 Euro.

Ted Hughes: Birthday Letters. Farrah Straus & Giroux, 197 S. 13,99 Euro.

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