Curtis Sittenfeld: Eligible

Darcy, Du Draufgänger!

Ich glaube, kaum ein Buch wurde so oft umgeschrieben, fortgeschrieben, zitiert und persifliert wie Jane Austens Pride & Prejudice (bzw. Stolz & Vorurteil). Das gelingt mal schlecht, mal recht und nur selten, ja eigentlich nie, gut. Nur Bridget Jones darf daneben existieren.

Man möge mir meine Krittelei verzeihen, aber was diese Geschichte angeht, bin ich überempfindlich. Ich war 15 als ich den Roman zum ersten Mal las und seitdem gehört er zu meinen All-time-favorites. Gefühlte hundert Male habe ich ihn gelesen. ALLE Verfilmungen habe ich gesehen. Nach Pemberley bin ich gereist (das in Wirklichkeit Chatsworth heißt und im englischen Peak District steht). Ich lese es, wenn ich traurig bin. Ich lese es, wenn meine Sehnsucht nach England übergroß wird (es gehört zu den wenigen Gegenmitteln). Ich lese es, wenn es mich nach intelligenter Romantik verlangt. 
Und ja, ich bin verliebt in Mr Darcy (aber: wer nicht?).

Garantiert staubfrei

Nun hat sich Curtis Sittenfeld an den Stoff gewagt. Und sie hat deutlich abgestaubt.

Ich halte sehr, sehr viel von Sittenfeld. Ihren Roman (übrigens eine Leseempfehlung von Heike) American Wife habe ich verschlungen. Die kann also was.

Dass sie was kann, zeigt sie auch in Eligible. Eligible ist nicht nur Titel des Buches, sondern auch Titel einer Fernsehshow im Roman, genauer gesagt eines „Bachelor“-Verschnitts. Und die spielt eine tragende Rolle im Buch. Denn Mr Bingley – genannt Chip – der Mr Right für Jane, die Schwester unserer Protagonistin Elizabeth Bennett und Darcys bester Freund, ist bzw. war „der Bachelor“ 2013. Leider, leider hat er die große Liebe dort nicht gefunden, deshalb zieht er nach Connecticut und praktiziert wieder als Arzt.

In Connecticut trifft er auf Familie Bennett. Und die zeichnet Sittenfeld GROSSARTIG. Jane und Liz (unsere Heldin) wohnen eigentlich in New York City. Jane als Yoga-Lehrerin, Liz als Autorin eines emanzipierten Frauen-Magazins namens Mascara. Beide sind in ihre Heimatstadt zurückgekehrt, weil Mr Bennett einen Herzinfarkt hatte und Mrs Bennett deutlich überfordert ist mit der Pflege ihres Mannes. Schließlich ist die nörgelnde, vor Vorurteilen strotzende und leicht rassistische Herrin des Hauses kaufsüchtig und muss sich um wichtigere Dinge kümmern bzw. diese besorgen. Die verkopfte Mary nervt ebenso sehr wie in der Austenschen Vorlage und befindet sich gerade im dritten Fernstudium. Lydia und Kitty sind mit der Stählung ihrer Astralkörper beschäftigt und interessieren sich nur für Fitness und Nagelpflege. Arbeiten? Eher nicht. Alle drei Schwestern drehen sich um sich selbst und leben daher praktischerweise noch immer zuhause. Die Zeiten ändern sich nicht: Mutti weiß, die Lösung für jede Frau liegt im Heiraten und Kinderkriegen.

Arzt trifft Autorin

Auftritt Chip Bingley und Fitzwilliam Darcy. Beste Freunde. Beide Ärzte. Beide seeeeeehr reich und seeeeeehr schön. Heiratsmaterial erster Güte. 
Jane und Chip: Das passt sofort. Tja, nur das mit Darcy und Liz, da stehen – wir kennen das ja schon – der Stolz und das Vorurteil im Weg. Und ein gewisser Mr Wick(ham).

Sittenfelds Darcy ist auch fast noch ein bißchen unausstehlicher als der gute alte und ihre Liz noch vorlauter und schlagfertiger. Da treffen zwei gefestigte Charaktere aufeinander. Er meint, dass man in Connecticut schon froh sein muss, wenn eine Frau nur 5 statt 20 kg Übergewicht hat und für ihn folglich dort nichts zu holen ist. Und sie fährt ihm bei jeder sich bietender Gelegenheit über den Mund, ob passend oder nicht. Schließlich lässt sich alles, was er sagt, falsch verstehen, wenn man es nur genug dreht und wendet.

Wie die Geschichte endet, das weiß so ziemlich jeder. Ich verrate also kein Geheimnis, wenn ich erzähle, dass jeder sein Happy End findet. Nur wie, das ist die Kunst von Sittenfeld. Sie schafft es, dass ich – obwohl ich nun wirklich jede Drehung und Wendung der Story kenne – Seite um Seite neugierig verschlinge und das Buch in einer Nacht durchlese.

Auf dem Weg dorthin treffen wir Obernerd/Cousin Mr Collins (mit Sheldon Cooper-artigen Zügen), die zickige Bachelor-Managerin Caroline Bingley, die Feministin Kathy de Burgh, Procter&Gamble-Ingenieurin Charlotte Lucas. Hier wird nicht auf Bällen getanzt, hier geht man nicht spazieren und fährt nicht in Kutschen. Hier wird um die Wette gejoggt, man vergnügt sich in One-Night-Stands, wird schwanger, trifft sich zum Burgeressen und fliegt schnell mal nach Denver, New York oder San Francisco. Spaß macht’s beide Male.

Immer wieder schön

Das ist kein Schmalz, das ist kein Kitsch. Das ist eine liebevolle Hommage. Und die funktioniert.

Vor allem auch, weil Liz und Darcy als echte Menschen charakterisiert werden, mit Ecken und Kanten und Fehlern. Keine glattgebügelten Figuren aus billigen Liebesromanen. Sondern zwei, die sich finden, zwei, die auch vorher ein reiches Leben hatten und zwei, die zwar schön, aber nicht mehr ganz jung sind. Genauso könnte das passieren. Also, in echt.

Bis auf das Ende. Das Ende ist mir zu viel. Zu viel Neuzeit, zu viel Massenmedien. Und ein zu unsauberer Übergang zum Rest des Romans. Irgendwas holpert da, irgendwas geht da nicht auf.

Aber ich kann’s verschmerzen. Es war gut. Es hat mich glücklich gemacht, und zwar so, als würde ich die Geschichte zum ersten Mal lesen. Es darf existieren.
Jetzt stehen in meinem Regal nebeneinander: Pride and Prejudice, Bridget Jones, Eligible.

Curtis Sittenfeld, Eligible. 528 S., 18,13 Euro. Harper Collins. Erschienen 2016.

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