Cynthia D’Aprix Sweeney: The Nest

Familienwahnsinn

Ich liebe Familienromane. Einer der besten, die je geschrieben wurden, ist für mich Jonathan Franzens Die Korrekturen. Es macht ungeheuren Spaß, die Irrungen und Wirrungen fremder Menschen und ihrer Beziehungsgeflechte zu verfolgen. Während des Lesens entstehen bei mir meist gemischte Gefühle: einerseits packt mich das emotional – natürlich vorausgesetzt, es ist gut geschrieben – auf der anderen Seite erleichtert mich dieser Voyeurismus aber auch. Die eigene Familie kommt einem dann gleich nicht mehr ganz so verrückt vor. Zumindest begibt man sich unter Gleichgesinnte.

So ging es mir auch bei The Nest. Schon nach dem ersten Satz hatte mich das Buch fest im Griff. Die Autorin mit dem Namen, der genauso extravagant ist wie ihre Figuren, Cynthia D’Aprix Sweeney, wirft uns direkt mitten ins Geschehen. Danke dafür. Denn manchmal ermüdet mich dieses sanfte Vorgeplänkel und ereignislose Schwadronieren, wenn es der eigentlichen Geschichte nicht zuträglich ist. Das, was wir als Leser wissen müssen, lässt sich auch im Eifer des Gefechts mitteilen. Aber das ist nur meine bescheidene Meinung. Mrs Sweeney jedenfalls schmeißt uns in ihrem ersten Satz, der über eine halbe Seite fasst, schon den ersten Sensationsbrocken hin: Leo Plumb verlässt die Hochzeit seiner Cousine mit einer 19-jährigen Kellnerin statt mit seiner Ehefrau.

Koks und Kellnerin

Aber es kommt noch besser: Der zugekokste Leo nimmt die Kellnerin Matilda nicht nur in seinem Auto mit und begibt sich dort auf sexuelle Abwege, sondern baut auf der Fahrt zudem einen folgenreichen Crash, den sie mit dem Verlust eines Fußes bezahlen muss. Leo muss ebenfalls bezahlen, wenn auch nicht körperlich. Seine Frau verlässt den einst erfolgreichen und stinkreichen Medienmogul, er begibt sich auf direktem Weg in die Entzugsklinik und Mutti sorgt dafür, dass Matilda ein ordentliches Sümmchen überwiesen wird, das als eine Mischung aus Schweige- und Schmerzensgeld zu betrachten ist.

Dumm nur, dass dieses Geld eigentlich anderen zugestanden hätte: Leos jüngeren Geschwistern Beatrice, Jack und Melody. Die drei haben Zeit ihres Lebens auf das Geld aus dem Fond mit dem passenden Namen „The Nest“ gewartet und können nicht fassen, dass es kurz vor dem Auszahlungstag auf einmal futsch sein soll und ausgerechnet ihr verantwortungsloser Bruder Leo dafür verantwortlich ist. Die Drei stellen ihn zur Rede – und der alles andere als verlässliche und mittlerweile total blanke Leo schwört Stein und Bein, dass er ihnen das Geld besorgen wird. Alle Geschwister sind ohne die Zahlung aufgeschmissen: Melody braucht das Geld, um ihre Zwillingstöchter auf ein ordentliches College schicken zu können. Der mit Antiquitäten handelnde Jack will damit seine heimlich aufgenommene Hypothek zurückzahlen, die er seinem Ehemann verschweigt und ohne die er seinen Laden längst hätte dicht machen müssen. Beatrice wiederum versucht seit Jahren, einen Roman zu schreiben und könnte dadurch endlich an den Erfolg ihrer Jugendtage anknüpfen.

Echt irre

So beginnt The Nest eigentlich erst. Doch ich werde den Teufel tun, und euch noch mehr über die Handlung des Buches verraten. Sonst würde ich euch jede Menge Spaß vorwegnehmen. Denn den – das verspreche ich hoch und heilig und ganz unleohaft – werdet ihr beim Lesen haben. Sex, Drugs und wenn auch kein Rock’n’Roll, doch immerhin eine ordentliche Portion Crime wird euch erwarten. Und garantiert keine Langeweile! Dafür sorgen nicht nur die tragisch-komischen Charaktere, sondern vor allem das Tempo, mit dem die Autorin die Perspektive wechselt und ihre Story vorantreibt. Und am Ende ist man doch sehr traurig, wenn die Verbindung zwischen uns und dieser irren amerikanischen Familie gekappt wird. Spätestens dann weiß man, wie gut geschrieben dieser Roman ist: weil man begreifen muss, dass sie nicht real waren. Denn das könnten sie sein, sie passen perfekt in unsere verrückte Welt.

Verrückt auch, dass dieses Buch ein Erstlingswerk ist. Cynthia D’Aprix Sweeney hat nämlich nicht nur Humor und Menschenkenntnis, sondern auch ein Händchen für Sprache. Man liest wunderschöne Sätze, von denen keiner nichts bedeutet oder nur so dahin geschrieben wäre. Alles hat Hand und Fuß und wirkt trotzdem nicht gestelzt oder stolpert. Ich warte ab sofort sehnsüchtig auf Buch Nummer zwei. Hoffentlich geht die Zeit genauso schnell vorbei wie das Lesen von The Nest.

Cynthia D’Aprix Sweeney: The Nest. Harper Collins, 2017. 6,99 Euro.

Auch auf Deutsch erhältlich:
Cynthia D’Aprix Sweeney: Das Nest. Klett-Cotta, 2017. 19,95 Euro.

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