Daria Bignardi: So glücklich wir waren

Zwei Frauen im Nebel

Wenn ich verreise, dann darf im Gepäck natürlich eines nicht fehlen: ein Buch. Am liebsten nehme ich eines mit, dessen Handlung in der Region spielt, in die ich mich begebe. Für mich macht das sowohl die Reise als auch das Lesen intensiver, weil beide dadurch auf sonderbare Weise miteinander verschmelzen.

Als Heike und ich diesen Sommer in die Emilia-Romagna fuhren, war das nicht anders. Schnell bestellte ich mir Daria Bignardis letztes Jahr auf Deutsch erschienenen Roman So glücklich wir waren, der in Bologna und Ferrara spielt. Allerdings sollte es wohl nicht sein, die Lieferung verzögerte sich und ich musste mich ohne passendes Buch nach Bella Italia aufmachen. Kaum wieder zuhause angekommen, lag es im Briefkasten. Noch ein paar Wochen später befand es sich dann schließlich ganz oben auf dem Lesestapel und jetzt habe ich endlich Zeit, mich dazu zu äußern. Oder besser gesagt: es zu bejubeln.

Italienische Lesereise

Wie ich feststellen durfte, hat so eine nachträgliche italienische Lesereise nämlich einiges für sich. Gerade im Moment, wo der Herbst seine kalten, feuchten Winde durch Deutschland jagt. Wobei: eitel Sonnenschein ist auch von Bignardis Roman nicht zu erwarten. Stattdessen führt uns die Italienerin durch das nebelverhangene Ferrara. Dort will die schwangere Antonia einen Nebel lüften, der seit mehreren Jahrzehnten über der Familie ihrer Mutter schwebt und dem diese sich nicht stellen kann:

Ich habe jeden Tag mit der Angst gekämpft, und tue es noch heute, auch jetzt, wo ich fünfzig Jahre alt bin und bald Großmutter werde. Manchen Menschen gelingt es nie, Frieden zu finden.

Antonias Mutter Alma ist Professorin, hochintelligent, besitzt Charme und Charisma – trotzdem leidet sie am Leben und kämpft mit ihren Geheimnissen und Dämonen. Erst nach über dreißig Jahren, als ihre eigene Tochter schwanger ist, schafft sie es, Antonia zu erzählen, dass diese einen Onkel hatte, der eines Tages verschwand und für tot erklärt wurde. Kurz danach verübte Almas Vater Selbstmord und ihre Mutter starb an einer schweren Krankheit. Daraufhin kehrte sie ihrer Heimatstadt Ferrara den Rücken und nie wieder zurück.

Autorin auf Spurensuche

Das tut stattdessen ihre Tochter – zum allerersten Mal. Und begibt sich dort auf die Suche nach der Geschichte ihrer Mutter und ihrer Familie. In abwechselnden Kapiteln schildert Daria Bignardi die Gefühlslage ihrer zwei Protagonistinnen Alma und Antonia. Auf der einen Seite erzählt Alma von ihrer Kindheit und Jugend, ihrem verschwundenen, drogenabhängigen Bruder Maio, von ihrer Schuld und ihrer Angst. Auf der anderen Seite verfolgen wir gemeinsam mit Antonia den roten Faden, der sich durch die nebligen, geheimnisvollen Gassen von Ferrara zieht.

Dort begegnet sie Menschen, die ihre Mutter, ihren Onkel und ihre Großeltern besser kennen als sie selbst. Wie eine Detektivin gräbt sich die Krimiautorin in das Rätsel ihrer eigenen Wurzeln hinein. Und findet dabei nicht nur einige Geheimnisse ihrer Familie heraus, sondern auch immer mehr über sich selbst.

Eigentlich muss ich mich gar nicht so dringend setzen, doch mir ist der Gedanke gekommen, dass diese alte Frau, wenn sie schon immer hier wohnt, meine Mutter, Maio und meine Großeltern kennengelernt haben muss. Die Haustür bleibt so lange geschlossen, dass ich schon denke, sie hätte ihre Meinung geändert, als sie plötzlich mit einem Ruck aufspringt.

Roman der Ruhe

Dank der hin und her springenden Perspektiven und Bignardis unvergleichlichem Talent, mit Worten eine bildlich vorstellbare Atmosphäre zu erzeugen, liest sich das spannend wie ein Thriller, obwohl der Roman ganz ohne Sex and Crime auskommt. Ich habe das Buch verschlungen. Auch weil die Italienerin mit einer ungeheuren Leichtigkeit große Themenkomplexe wie Religion, Krieg, Tod, Liebe und Schmerz miteinander verknüpft. Das schreibt sie in einer einfachen, aber nie vereinfachenden Sprache, die uns stets am Boden der Tatsachen hält und niemals dramatisiert, obwohl die dramatischen Ereignisse hier nicht zu knapp ausfallen. Sie lässt das Drama, die Handlung und die Gefühle für sich stehen. Was schlimm ist, muss nicht durch Adjektive ins Unendliche gesteigert und überzeichnet werden. Der Roman strahlt trotz seiner Intensität eine ungeheure Ruhe aus.

Für mich war dieses Buch nicht nur eine Reise zurück in die Emilia-Romagna, sondern vielmehr ein erneuter Ausflug in ein echtes, unbekanntes Stück Italien und die beste Form von ernsthafter und erstklassiger Unterhaltungsliteratur, die ich mir vorstellen kann.

Daria Bignardi. So glücklich wir waren. Insel Verlag, 2016. 22,00 Euro.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.