Die Höchste Eisenbahn

Es ist so einfach wie Räuberleiter

Immer, wenn ich Francesco Wilking sehe, denke ich: Heike, du musst zum Frisör! Und immer, wenn ich Francesco Wilking höre, denke ich: Danke! Und wenn ich die Wahl hab, dann geht Sehen und Hören in Einklang Hand in Hand. Diese Woche war es nach drei Jahren des häufiger mal ungeduldigen, angenervten Wartens endlich wieder soweit. Es wurde Zeit! Die Höchste Eisenbahn ist mit ihrem zweiten Album Wer Bringt Mich Jetzt zu Den Anderen auf Tour und hat Halt gemacht im Strom in München.

Ich stand mit Ulla ganz hinten. Ich bin nicht gesegnet mit Körpergröße, hab also kaum was gesehen. Irgendwer auf der Bühne hatte ein blaues Hemd an. Glaube ich. Und irgendwer hat sich rasiert. Sagten die anderen. Ich hatte Bier in der Hand, Luft zum Atmen und Platz zum Tanzen. Wer gerne tanzt, wird von den Instrumenten und Stimmen der Band wieder und wieder aufgefordert, wieder und wieder zu tanzen.

Die Höchste Eisenbahn, das sind die Singer-Songwriter Moritz Krämer und Francesco Wilking, letzterer sicher einigen bekannt von Tele, Schlagzeuger Max Schröder, ebenso sicher, wenn nicht noch sicherer, einigen bekannt als der Hund Marie von Oli Schulz und der Hund Marie und/oder als Drummer von Tomte, und Bassist Felix Weigt, einigen bekannt als Bandmitglied von Kid Kopphausen, auch das ist sicher sicher.

Eine kurze Geschichte ist ein langes Lied

Als ich vor drei Jahren von dieser Zusammenkunft Wind bekommen hatte, war ich so gespannt, dass ich mir ein Konzertticket kaufte, ohne auch nur einen Takt oder eine Zeile der Musik von Die Höchste Eisenbahn gehört zu haben. Das kann nur mega sein, das muss mega sein, das wird sicher mega sein. Und was soll ich sagen? Die Musik von Die Höchste Eisenbahn ist mega! Die Texte erzählen Geschichten. Geschichten voller Liebe, über Liebe. Manchmal über komplizierte, oft auch über traurige Liebe. Dann aber auch mal über lustige Liebe. Und über das Leben natürlich auch – überhaupt und sowieso. Die Texte sind Kurzgeschichten. So geht es im Song Raus aufs Land zum Beispiel darum, dass man sich von der Freundin überzeugen lässt, raus auf`s Land zu ziehen. Der Typ ist aber in die Stadt verliebt. Und die Freundin bald in den Nachbarn auf dem Land. Da ist das Lied aber noch nicht zu Ende. Beide könnten doch zusammen zurück in die Stadt?! Wie klingt das? Raus auf`s Land ist schon auf dem Papier ein schönes Stück Prosa. Gesungen von Moritz Krämer, so gefühlvoll, so ein bisschen traurig und dann ein bisschen drängelnd quengelnd. Es geht ja auch um was! Und bei Die Höchste Eisenbahn geht es meist um viel. Schicksale. Kleine Episoden, die so klein doch gar nicht sind. Und das, obwohl die Musik oft leichtfüßig daher galoppiert kommt, um sich unter den Text zu mischen, diesem zu schmeicheln, ihn zu umspielen, ganz gleich, was der so erzählt. Manchmal wirkt die Melancholie des Textes wie ein kontrabassgroßer Kontrast zur Leichtfüßigkeit der Musik. Aber Gegensätze können sich ja bekanntlich anziehen. Und hier gehen sie sogar ein feines Tänzchen miteinander ein.

Und dann ein STOP

Viele der Lieder haben Brüche. Da ist erst alles so schön. Oder auch so schön traurig, aber eben beschwingt. Man hat sich eingegroovt, die Tanzbeine flirten bereits heftig mit dem Beat. Und dann ein STOP. Alles auf Anfang. Jaja, wir sind noch im gleichen Lied, aber dann passiert da was Neues. Bei Timmy zum Beispiel. Bei dem läuft`s nur so mittel.

Er boxt mit dem Spiegel, bis er ohnmächtig wird.“

Man ist so kopfnickend dabei, wenn man von Timmys Alltagslebensmisere vorgesungen bekommt und dann kommt der Cut:

Eine irgendwie freundliche aber doch strenge Stimme sagt zum kleinen Timmy: „Wir haben darüber gesprochen, die Wünsche mit Bedacht zu wählen. Denken wir eine Sekunde nach.“

Und dann ein hauchschreiender Francesco Wilking:

Zwanzig Jahre später
Timmy wohnt auf einer Insel
Auf den britischen Jungfern
In einer 18-Schlafzimmer-Villa
Kein Wunder, dass er da manchmal seine Brille nicht findet
Seine Kinder haben Englischunterricht bei Kate, Kate Winslet
Er hat das weiße Klavier von John Lennon
Und von Beuys den Goldhasen
Er hat drei Kinos, zwei Flugplätze
Und eine Raketenbasis
Einen Rennpferdestall
Ein Becken mit Tigerhaien
Und durch den Speisesaal fliegen Aras
Die den ganzen Tag schreien

Und dann so ein Sound

Der Sound der Rockband (ich liebe dieses Wort, was soll ich machen?) wird häufig kaugummiartig mit etwas Glitzer und Einhornspucke aufgepimpt. Da kann man bei geschlossenen Augen schon mal denken, man schwebe durch ein Gameboy-Spiel. Hört ihr den Sound of Tetris? Seid ihr in den 80ern? Is schön da, gell!

Die Alben Schau in Den Lauf Hase und Wer Bringt Mich Jetzt zu Den Anderen sind für mich mit das Beste, was es an deutschsprachiger Gitarrenmusik (…auch so ein Wort) momentan so gibt. Und diese Alben fühlen sich zeitlos an. Etwas aus der Zeit gefallen vielleicht, aber jetzt ja für immer da.

Wer mal kein Buch lesen will, und wer Hörspiele nicht mag, kann sich mit diesen beiden Alben zurückziehen. Wenn man sie häufig hört, hat man auch irgendwie das Gefühl, da gibt`s schon auch Protagonisten, die da irgendwie eine große Geschichte erzählen. Die Songs scheinen zusammenzugehören. Und allesamt gehören sie auf jeden Fall auf die Ohren! Klatscht, singt, tanzt und wippt mit dem Kopf, dem großen Zeh, mit allem. Enjoy Die Höchste Eisenbahn.

Ich bin nur ein Hörer. Aber ich hab WAS gehört!“

 

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