Doctor Strange oder So geht Märchen

From my cold dead hands

Spinnen die jetzt komplett? Das mag sich der ein oder andere von euch bei diesem Artikel fragen. Ich kann euch beruhigen: Nein, nur ich. Bei der Heike ist alles im grünen Bereich. Bei mir hingegen leidet die Objektivität und Urteilsfähigkeit immer dann erheblich, wenn es um Benedict Cumberbatch geht. Und das ist auch der Grund, warum ich mir anmaße, hier über eine Marvel-Verfilmung zu schreiben. Ich bitte schon mal vorweg um Verzeihung. Schiebt alles auf meine cumberbatch-induzierte geistige Umnachtung.

Der magische Mister Cumberbatch

Wobei – also, ich fand Doctor Strange ziemlich gut. Und wenn man es mit dem Rest der Comicfilm-Lawine, die uns seit ein paar Jahren überrollt, vergleicht: geradezu phänomenal. Und jetzt rollen natürlich alle die Augen und denken: Ach ja, die Ulla, und jetzt erzählt sie uns gleich noch, dass der Grund dafür der ach so geniale Mister Cumberbatch ist. Richtig, genau das sage ich. Aber nicht nur das. Da spielen schon auch Mads Mikkelsen, Rachel McAdams, Chiwetel Ejiofor, Tilda Swinton und Benedict Wong eine große Rolle. So ein toller Cast für eine Comic-Verfilmung! Da steigen doch gleich mal die Erwartungen. Aber die besten Schauspieler helfen einem Streifen eben nur sehr bedingt, wenn die Story nicht gut ist. Und die ist gut. Ganz Marvel-untypisch hat die nämlich Substanz.

Aber fangen wir mal ganz vorne an. Beim Titel. Wenn es ihn nicht schon vorher als Comic-Charakter gegeben hätte, würde ich behaupten, Doctor Strange wäre für seinen Darsteller erfunden worden. Er passt fast ein bisschen zu perfekt in Benedict Cumberbatchs Filmographie. Sein Markenzeichen sind hochintelligente Charaktere mit kompletter Inkompetenz fürs Menschelnde. Siehe Sherlock, siehe The Imitation Game, siehe Starter for Ten. Für „strangeness“ sorgt allein schon sein Gesicht. Einzigartig schön, sage ich. Wie ein Alien, sagt manch ein anderer. Einigen wir uns auf überirdisch.

Marvel-lous

Und überirdisch ist es ja meist bei Marvel. Trotzdem habe ich erst einmal geschluckt, als ich las, dass Benedict Cumberbatch die Hauptrolle in einer Comic-Verfilmung übernehmen wird. Zu amerikanisch, zu flach, zu kommerziell, zu „Plastik“.

Und natürlich kriegt man das auch, wenn man in „Doctor Strange“ geht. Natürlich ist das ein Hollywood-Blockbuster. Natürlich soll der eine breite Masse ansprechen. Da spricht der Engländer im feinsten American Slang, da werden mittelmäßige Popkultur-Kalauer rausgehauen, da muss der Film-Neuling ins bestehende Marvel-Universum eingebaut werden und da fallen Häuser, brennen Autos, fliegen Menschen, da kracht’s, scheppert’s, explodiert’s.

Aber – zum Glück – lauert unter der Bombast-Schicht etwas viel Schöneres. Marvel kann Subtext. Wer hätte es gedacht?

Gebrochenes Genie

Im OP-Saal lernen wir einen Hochbegabten kennen. Mit wippendem Fuß zu Jazz-Musik schnippelt er am offenen Gehirn. Doctor Stephen Strange, Neurochirurg, Egomane, mehr oder weniger charmantes Arschloch. 
Sein Selbstbild, alles zu können, am besten noch gleichzeitig, wird zusammen mit seinen Händen bei einem selbst verschuldeten Unfall zerschmettert.

Und was soll der arrogante Arsch von Arzt jetzt tun, ohne sein Handwerkzeug Hand? Schreien, Toben, Wüten, all das große Geld für die herbeigesehnte Heilung ausgeben, selbst die letzte Vertraute vergraulen. Am Ende wartet da das große Nichts und die Hände sind genauso kaputt wie zuvor. Und dann hört er von einem Ort in Nepal. Mit seinen letzten Groschen reist er dorthin. Und trifft auf eine Frau, die ihm eine komplett neue Welt eröffnet. Magisch und gefährlich. Auch für sein Selbstbild. Alles, was das Fundament seines Lebens manifestierte, zerbröselt vor seinen Augen. Da bilden bloße Hände Waffen, bewegen Dinge, schaffen Portale an ferne, fremde Orte. Weil es eben mehr gibt, als das bloße Auge sehen kann.

Die Welt dahinter

Komisch, aber irgendwie scheint mich dieses Thema momentan magisch anzuziehen. Gerade erst ist es mir bei Katharina Hagena und ihrem Roman Das Geräusch des Lichts begegnet. Dass da etwas ist, dass über das Rationale hinausgeht. Oder wie Tilda Swintons Charakter es ausdrückt: Dass unser alltägliches Dasein und damit auch Doctor Stranges vorheriges Leben nicht mehr ist als ein beschränkter Blick durchs Schlüsselloch. Unser Willen, unser Kopf, unsere Fantasie vermag es, ganz neue Welten zu erschaffen, uns ganz zu machen, uns zu heilen. In welcher Form auch immer.

Strange vertraut nach Zaudern und Zögern der Zauberei. Aus dem arroganten Arzt wird der Sorcerer Supreme. Was passiert? Da fällt das Ego, die arrogante Maske, da kullern Tränen aus den Augen des Magiers.

Märchen mit Message

Die Wandlung vollzieht sich in prächtigen Bildern, in einer Wucht aus Special Effects, Kostümen, Requisiten. Das sieht gut aus. Ich finde – und jetzt könnte es wieder enorm subjektiv werden – niemand, niemand, niemand sonst spiegelt den inneren Kampf seines Charakters so eindringlich und glaubhaft im Gesicht wider wie Benedict Cumberbatch. Der braucht keine großen Gesten. Und trotzdem ist alles klar. Dass ihm da ein kluger Autor zumeist intelligente Sätze in den Mund legt – die sich manchmal doch sehr mit den unvermeidlichen, flachen Witzen beißen, die oft wie Fremdkörper im Film wirken – macht es noch besser. Wer den Film auf Englisch guckt, kriegt jedoch das Beste serviert: die wunderbare Stimme des Herrn Cumberbatch. Ihr genügt von weich nach hart, von arrogant zu mitfühlend, von egoman zu gebrochen ein einziges Wort.

Gebrochen war Strange. Das sieht man so deutlich bislang in keinem Marvel-Film. Doch aus den Scherben eines Lebens setzt sich ein viel reicheres zusammen. Vielleicht ist das die schönste Botschaft des Films. Hänge nicht dem nach, was verloren ist, nimm das, was da ist und tu’s mit ganzem Herzen. Und noch eine hat der Film für uns parat: Jeder hat eine helle und eine dunkle, eine gute und eine böse Seite. Und du brauchst keine davon verleugnen. Du musst beide nur für die richtige Sache einsetzen.

So geht Märchen.

 

Bild: Jacob Ufkes/unsplash.com

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