E.L.James: Fifty Shades of Grey

What the fuck?

Twilight gelesen? Dann bitte Vampir durch Sado-Maso-Jünger ersetzen, fertig ist die literarische Innovation!

Für alle anderen: Unschuldiges – im ganzen Umfang des Wortes –, aber dennoch wunderschönes – also, alle wissen das, nur sie selbst nicht – All-American-Girl verliebt sich in einen mysteriösen und überirdisch schönen Jüngling. Jüngling ist trotz seiner 28 Jahre bereits Gründer eines globalen Imperiums.

Leider hatte der Jüngling einen dramatischen Start ins Leben, nämlich als Kind einer drogenabhängigen Mutter, deren Freund brennende Zigaretten auf ihm ausgedrückt hat (deshalb darf man ihn auch nicht berühren). Er wurde allerdings durch eine schwerreiche Familie aus dem Moloch gerettet und in seinen etwa 100.000 Talenten gefördert.

Nur einen klitzekleinen Haken hat der Prachtbursche: Seine erotischen und emotionalen Bedürfnisse weiß er nicht „normal“ zu äußern und kanalisiert sie deshalb in Form von Sado-Maso, d.h. sexueller Unterwerfung. Dann betritt das Girl seine Welt und es ward um ihn geschehen. Ein paar 100 Seiten Katharsis, Sex, Sex, Sex (gähn!), übelmeinende Ganoven und Verwicklungen (Achtung, Wortwitz!) später folgt das Happy End.

So weit, so trivial. Das klingt zunächst einmal nach Groschenroman aus der Schmuddelecke. Müsste es aber nicht sein. Aus den Zutaten ließe sich durchaus ein Liebesroman basteln, dessen Einband man nicht durch die nächstbeste Frauenzeitschrift verdecken müsste, weil das immer noch weniger peinlich wäre.

Wäre, hätte, könnte.

Doch es kam so:

Mr Grey (weder schwarz noch weiß, ein einziges Mysterium) trifft Ms Steele (was auch immer Stahl mit diesem Pflänzchen zu tun hat) in seinem Büro zum Interview für die Uni-Zeitung. Hmmm, na gut.

Die Gegensätze ziehen sich sofort an. Mr Grey verfolgt die Unschuld vom Lande, weil er scheinbar magisch von ihr angezogen wird. Sie kann ihr Glück kaum fassen, errötet im Sekundentakt und verliebt sich sofort in den Mann mit dem kupfernen Wuschelhaar.

Doch auf dem Fuße folgt der Schocker: Liebe? Bitte nicht, sagt Mr Grey zur entgeisterten Ms Steele. Ein bisschen Fesselspiele mit Kabelbinder aus dem gutsortierten Baumarkt, das soll’s sein. Denn Mr Grey klärt die naive Jungfer auf: Ich schlafe nicht mit Frauen, ich ficke.
Huch!

Spielzimmer reloaded

Selbstverständlich treibt ihr das erneut die Schamesröte ins Gesicht. Doch wer jetzt glaubt, der zarten Blume flöge die rosarote Brille vom Näschen, der täuscht. Die Dame seiner feuchten Träume bleibt hart wie Krupp-Stahl (das mit dem Stahl klärt sich also doch noch). Soll heißen, sie macht eben mal mit bei der Fesselei und was Sado-Maso sonst so bedeutet. Was tut man nicht alles für die Liebe! Wird sich schon wieder einkriegen, der gute Grey.

Tut er aber nicht, sagt „So bin ich halt“ und auf geht’s ins Spielzimmer. Aber natürlich erst nach der zärtlichen Entjungferung, man will ja auch nicht allzu hart einsteigen. Das Püppchen entpuppt sich als sexbegeistertes Luder und macht munter bei den Spielchen ihres Herrn und Meisters mit – auch wenn sie ihm manchmal einfach widerspricht, obwohl er ihr das in seinem strengen (!!!) Rammel-Regelwerk untersagt hat! Empörend, findet Grey. Trotzdem stellt er sie seiner Familie vor und hin und wieder darf sie sogar mit ihm im selben Bett schlafen.

Doch dann die Katastrophe: Er haut ihr im Spielzimmer ein paar Mal zu dolle auf’s Popöchen und schon ist’s für sie mit der Fick-Freundschaft aus. Sie rauscht tief verletzt (also eher emotional) ab und will ihn nie wieder sehen.

Besser wird’s nicht

Ende Buch 1. So „gut“ wie jetzt wird’s nie mehr. Das war’s nun mit Stringenz und Logik.

Aber kein Grund nicht weiterzumachen.

Mr Grey kriecht zu Kreuze, entdeckt, dass er sie (hoppla, was für eine überraschende Wendung!) doch liebt und auch mit einer Frau schlafen kann (ficken funktioniert aber weiterhin) und erzählt ihr alles über die missratene Kindheit. Ja, wenn das nicht ein Grund zum Heiraten ist! Und dann kündigt sich auch schon der erste Wonneproppen an!

Das ist tatsächlich Sado-Maso at its best!

Für alle, die sich trotzdem rantrauen:
E.L. James. Shades of Grey: Geheimes Verlangen. Goldmann Verlag, 2012.
 12,99 Euro.
E.L. James. Shades of Grey: Gefährliche Liebe. Goldmann Verlag, 2012.
 12,99 Euro.
E.L. James. Shades of Grey: Befreite Lust. Goldmann Verlag, 2012.
 12,99 Euro.

Vielleicht quält sich’s Englisch etwas schöner:
E.L. James. Fifty Shades of Grey. Arrow, 2012. 8,99 Euro.
E.L. James. Fifty Shades Darker. Arrow, 2012. 8,99 Euro.
E.L. James. Fifty Shades Freed. Arrow, 2012. 8,99 Euro.

Bild: Simon Hattinga Verschure/unsplash.com

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