Ein Meter Reclam

Oder: Meterware Reclam

Als meine Bücher noch Heftchen waren

Auf meinem Schreibtisch reihen sich circa einen Meter lang Reclam-Hefte aneinander. Die meisten sind gelb, einige türkis oder grün, die wenigsten rot. An den Kanten geht die Farbe ab, die Ecken sind längst nicht mehr eckig, sie wölben sich in die unterschiedlichsten Richtungen, ganz so, als wären sie zuvor als Daumenkino missbraucht worden. Ich habe diese Bände oder Heftchen – bleiben wir bei Heftchen – mehrfach mit umgezogen. Rein in den Umzugskarton. Raus aus dem Umzugskarton. Dieses Quartett in Gelb, Türkis, Grün und Rot ist ein Teil von mir. Ein alter, vergilbter, aber nie vergessener Teil. Ein Teil, der mein Leben beeinflusst hat. Das klingt sehr pathetisch. Ich weiß. Aber das passt zu den Inhalten der meisten der Heftchen und es entspricht nun einmal der Wahrheit.

Schule – Uni – fertig – los

Ich weiß nicht genau, ob ich eine gute oder eine eher schlechte Schülerin war. Mein Notenspiegel war seit dem Gymnasium meist völlig durchwachsen. Von der eins bis zur vier, und ab und an auch einmal einem Fünfer, war immer irgendwie alles dabei.

Das Beste an der Schule war für mich ohnehin, meine Freunde zu treffen. Und der Deutschunterricht. Ich liebte den Deutschunterricht. Das war eines der wenigen Fächer, bei dem ich mich rundum wohl und auch sicher fühlte. Beim Lesen von Schillers Kabale und Liebe in der Mittelstufe wusste ich, dass ich Deutsch LK (gibt`s das heute überhaupt noch? Leistungskurse?) wählen würde. Und in der Kollegstufe wusste ich, dass ich Germanistik studieren würde. Was ich dann aber erst einmal nicht gemacht habe. Später schon. Nachdem ich vorab etwas „Vernünftiges“ gelernt hatte. Pfff…! Da man sowohl in der Schule, v.a. im Deutsch LK, als auch im Germanistik-Studium, v.a. in Neuere Deutsche Literaturwissenschaft (ach, das geht immer noch runter wie Öl), permanent etwas lesen musste/sollte/wollte/durfte, griff ich meist zu den Reclam-Ausgaben der Klassiker. Weil die so günstig waren. Auf meiner Faust Der Tragödie Erster Teil Ausgabe, gedruckt 1998, steht DM 4.00 und auf meiner Gryphius Ausgabe von Herr Peter Squenz, gedruckt 2006, steht € [DM] 1,60. Was gibt es sonst noch so für einen Hochgenuss zu erwerben für € [DM] 1,60? Der Cheeseburger beim McDonalds ist nicht die Art von Antwort, nach der ich hier suche…

Aus gut und günstig wurde lieb und teuer

Natürlich war nicht alles was man da lesen musste der totale Genuss für mich. Ich verehre Heinrich von Kleist, aber ich hasse Michael Kohlhaas. Recht und Unrecht hin oder her. Ok. Aber dieser nervige Typ mit seinen Pferden… Boa… Nö… Das lieblos in die Tasche gepfefferte Kohlhaas-Bändchen war also nie mein liebstes. Auch bei mancher Schullektüre dachte ich mir:

Zum Glück hat das jetzt nur DM 6.00 gekostet.“

Blättere ich heute in den Heftchen, was nicht allzu oft vorkommt (ich bin ja nicht verschroben oder verrückt oder so), kommt mir die totale Nostalgiekeule entgegengeschwungen. Verblichene Textmarker haben viel zu viel Text markiert und in einer Schrift, die ich kaum mehr als die meine erkenne, stehen Worte wie Bürgerliches Trauerspiel oder Gelehrtentragödie an die Ränder gekritzelt.


Wenn heute mein Blick auf die PH-Wert artig angeordneten Heftchen auf meinem Schreibtisch fällt, löst das aber immer noch ein Gefühl der Zufriedenheit in mir aus. Ich wollte immer mit Sprache arbeiten. Schreiben. Lesen und dann darüber schreiben. Der Weg dahin war laaaaang, Schlaglöcher gab es viele aber der Anfang war gepflastert mit vielen gelben Heftchen. Irgendwann nahm ich in den Buchläden die Abzweigung zu den anderen Regalen. Kaufte Taschenbücher. Heute kaufe ich auch Erstausgaben. Hardcover. Ich suche neue Plätze in meiner Wohnung, an denen ich die ausgelesenen Seiten stapeln kann. Dieses Jahr muss der Boden dran glauben. Die Regale sind voll. Der Schreibtisch ist voll. Aber in meinem Lesekopf ist noch so viel Platz.

Die Klasse der Klassiker

Ich hab irgendwann aufgehört die Klassiker zu lesen. „Wenn die Uni vorbei ist“, hab ich mir vor über zehn Jahren immer gedacht, „dann lese ich nur noch Gegenwartsliteratur. Stuckrad-Barre ich komme.“ Jetzt denke ich mir gerade, ich könnte in der Buchhandlung mal wieder eine andere Abzweigung nehmen. Irgendwo müssen sie doch sein, die meterlang angeordneten kleinen gelben Heftchen. Und warum habe ich eigentlich nie Leonce und Lena gelesen, wo ich doch Büchner so mag? Ich denke ich werde da mal ein, zwei Euro locker machen und mir etwas Hochgenuss zum Schleuderpreis leisten.

Lest Leute! Lest! Kost fast nix und bringt so viel! Zwinkersmiley!!!

Für Lesefaule gibt`s bei Reclam übrigens Sommers Weltliteratur to go. Regelmäßig werden hier Klassiker super simpel und wahrlich witzig kurz und knapp nacherzählt. Zur Veranschaulichung dienen Playmobil-Figuren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.