Elizabeth Strout: My Name is Lucy Barton

Kleines Buch, großes Echo

Dieses Buch ist so besonders, dass ich eigentlich gar nicht weiß, wie ich darüber schreiben soll. Weil man ihm eigentlich mit keiner Beschreibung gerecht werden kann. Weil selbst die größte Lobhudelei vielleicht noch zu wenig wäre.

Dabei war es purer Zufall, dass ich an diesen Roman gelangt bin. Ich saß gelangweilt am Flughafen Dublin, weil mein Flug mehrere Stunden Verspätung hatte. Was tut man da? Klar: man vertreibt sich die Zeit im Buchladen. Dort stolperte ich über eines dieser „Nimm 3, zahl 2“-Angebote. Zwei Bücher waren schnell gefunden, doch beim dritten konnte ich mich nicht so richtig entscheiden. Letztendlich entschied ich mich dann für My Name Is Lucy Barton – einfach nur, weil mir der Titel gefiel und es bei Penguin verlegt wurde, was meist für Qualität spricht. Als ich endlich im Flieger angekommen war, griff ich schnell in meine Tasche und zog das erste Buch, das ich in die Hände kriegen konnte, hervor, bevor ich meine Tasche in die Lade packte. Das Glück des Zufalls!

Zeigen statt sagen

Das Buch hatte mich schon beim allerersten Satz und dann nicht mehr losgelassen. Ich las den ganzen Flug über und zuhause direkt weiter, bis ich fertig damit war. Das Lesen des Romans hat keinen Tag gedauert, aber seine Worte und Geschichte hallen immer noch nach.

Lucy Barton erzählt uns ihr Leben, während sie in einem New Yorker Krankenhaus mit einer lebensbedrohlichen Infektion liegt. Eines Tages sitzt plötzlich ihre Mutter neben ihr. Ihre Mutter, die sie seit Jahren nicht gesehen hat. Die Lucys Mann nicht mag und die deren beider Kinder – ihre Enkelinnen – noch nie gesehen hat. Warum? Das erschließt sich erst im Laufe der Geschichte, aber nie wortwörtlich.

Genau das ist es nämlich, was Elizabeth Strout mit ihrem Werk gelingt: ein Gefühl für ihre Charaktere und ihre Emotionen, ihre Probleme und Dämonen zu erzeugen, ohne sie beim Namen nennen zu müssen. Ich habe tatsächlich nie zuvor ein Buch gelesen, dem das so meisterhaft gelang. Erzählungen, die mir während des Lesens ununterbrochen vermitteln, wie und warum ich mich jetzt so oder so zu fühlen habe, wann ich zu lachen oder zu weinen habe, bin ich überdrüssig. Ich will als Leserin gefordert werden und meine emotionale Freiheit behalten. Die besten Bücher bieten mir genau das: sie halten mich an der langen Leine und genau deshalb an der Stange. Elizabeth Strout ist eine wahre Königin dieser Kunst.

Eine fliehende Frau

Doch nicht nur deshalb. Sie schafft es, Worte zu finden, die so echt, so wahr klingen, dass man eigentlich nicht glauben kann, dass Lucy Barton ein fiktiver Charakter ist. Lucy ist eine schwierige Protagonistin. Eine, der eine schwere Kindheit bereitet wurde. Von ihren Eltern, aber vor allem von einem Leben in Armut. Die sich selbst gerettet hat, indem sie einem zerstörerischen Milieu entflohen ist, dem es an so viel mehr als Geld gemangelt hat. Einer Familie, die das, was ihr angetan wurde und was sie erlitten hat, von Generation zu Generation weiterträgt. Auch Lucy kann sich davon nicht frei machen. Ihr Leben – ein besseres Leben als das ihrer Eltern – bleibt geprägt von den Wunden, die die Kindheit ihr in die Seele geschlagen hat, und deshalb ebenfalls schwierig.

Lucy wächst auf einem Dorf in Illinois auf, umgeben von Maisfeldern und weitem, flachen Land. Eine Idylle, so möchte man meinen. Nicht für die, die so arm sind wie die Bartons. Die mit drei Kindern in einer Hütte hausen und ihre Kinder schmutzig zur Schule schicken müssen und keinen Fernseher besitzen. Lucy wird ihr ganzes Leben lang nicht an Gesprächen über Filme und Serien teilnehmen können. Sie kennt keine Schauspieler und keine Popstars.

Our home was down a very long dirt road, not far from the Rock River, near some trees that were windbreaks for the cornfields. So we did not have any neighbors nearby. And we did not have a television and we did not have newspapers or magazines or books in the house.

Satz für Satz

Die einzige Flucht aus dieser harten Realität sind die Bücher aus der Bibliothek und ihrer Schule. Die Bücher und die Literatur geben ihr die Möglichkeit zu fliehen. Erst in Gedanken, dann beim Schreiben und später in ein neues Leben. Aber es ist ihr altes Leben, das sie zur Schriftstellerin macht.

In third grade I read a book that made me want to write a book. This book was about two girls and they had a nice mother, and they went to stay in a different town for the summer, and they were happy girls. In this new town there was a girl named Tilly – Tilly! – who was strange and unattractive because she was dirty and poor, and the girls were not nice to Tilly, but the nice mother made them be good to her. This is what I remember from the book: Tilly.

Strout lässt ihre Lucy über ein Buch erzählen und dabei so viel über sich selbst. In kurzen, knappen Sätzen, ohne Schnörkel und Geschwurbel. Ich liebe sie dafür. Es sind all diese kleinen Sätze, die sie zur großen Autorin machen. Sie zeigt: Ganz und gar kann Lucy niemals fliehen. Das verbietet die Erinnerung. Aber sie schafft es, ihr Leben zu meistern, mit sich selbst und ihrem Erbe zu Rande zu kommen.

Ja, ich sage es noch einmal: Ich liebe dieses Buch. Es ist mein Buch des Jahres, vielleicht auch des Jahrzehnts. Unvorstellbar, dass in naher Zukunft etwas Besseres auf mich wartet. Wer selten oder nie ein Buch zur Hand nimmt: Nimm dieses. Wer ständig eines hält, sowieso. Lest die Geschichte dieses erfundenen und trotzdem so wahren Lebens. Es wird euch hinwegfegen, durchschütteln, das Herz brechen und lange nicht loslassen. Das ist keine kleine, leichte Strandlektüre, na klar. Aber dazu wurde die Literatur auch nicht erfunden. Die großen Fragen, die harte Realität – hier sind sie, bitteschön. Hier ist es, das Meisterwerk.

Elizabeth Strout. My Name is Lucy Barton. Penguin, 2016. 8,99 Euro.

Auf Deutsch:
Elizabeth Strout. Die Unvollkommenheit der Liebe. Luchterhand, 2016. 18,99 Euro.

 

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