Faust-Festival München

Verweile doch! Du bist so schön!

Der Stoff, aus dem die Träume sind

Es gibt (literarische) Stoffe, welche Leser seit Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden in ihren Bann ziehen. Dazu gehört die Bibel, Homers Odyssee und zweifelsohne Goethes Faust. Die Geschichten sind zeitlos, weil es in ihnen ans Eingemachte geht und sie die Grundsatzfragen unserer Existenz definieren. Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin wollen wir? Wohin gehen wir? Und was sind wir bereit zu tun für die ersehnte Erkenntnis, für unser Glück, unseren Status, unseren Masterplan? In München wird nun zu Goethes berühmtestem Drama – dem Faust – ein ganzes Festival veranstaltet. Und so lauern diese Fragen überall!

Ganz München ist im Faust-Fieber

Faust-Festival München

Bis zum 29. Juli geben über 200 Festivalteilnehmer – darunter die SZ, das DOK.fest München, der Gasteig und das Harry Klein – in 500 Veranstaltungen neue Impulse und Anreize, sich mit diesem Stoff auseinanderzusetzen. Die Darstellungsformen sind vielfältig: Ausstellungen, Konzerte, Partys, Foto-Wettbewerbe, Vorträge – erlaubt ist, was Spaß macht! Dass der alte Schinken tatsächlich Spaß macht und es wert ist, immer und immer wieder entstaubt zu werden, beweist auch die Ausstellung Du bist Faust! in der Kunsthalle München.

Du bist Faust – Ausstellung in der Kunsthalle München

‚Faust‘ ist aktuell, Faust ist der prototypische moderne Mensch – rastlos auf der Suche, jedoch nie am Ziel. Das Drama hinterfragt den Menschen noch immer in seiner Verführbarkeit, Moral und Gesellschaftsstruktur.“

So steht es geschrieben auf der Homepage des Festivals. Die Ausstellung „Du bist Faust – Goethes Drama in der Kunst“ zeigt, wie schnell dieser, im frühen 19. Jahrhundert erschienene Stoff von anderen Künstlern adaptiert wurde. Gezeigt werden 150 Kunstwerke rund um Faust, Mephisto und Gretchen. Der Schwerpunkt liegt auf Gemälden, aber auch Skulpturen und Fotografien sind teil der Ausstellung, ebenso Vertonungen. Der Faust-Oper von Charles Gounod, die 1859, also gerade einmal 27 Jahre nach der Veröffentlichung von Faust II, in Paris uraufgeführt wurde, ist ein eigener Raum gewidmet. Der Besucher selbst durchquert ein Bühnenbild, um hineinzukommen und sich dann vor einer riesigen Leinwand wiederzufinden, auf der eine Opern-Inszenierung läuft. Die verbleibenden Wände ahmen die Ränge der Oper nach.
Die Kunsthalle wurde für diese Ausstellung in sehr viele kleine, meist dunkle Räume zerteilt. Sakrale Elemente wie Kreuze oder die Form von Kirchenfenstern ziehen sich wie ein roter Faden durch die Themen und spiegeln das Sakrale des Textes wider. In der Mitte der Ausstellung erhält Gretchen ihren eigenen Raum, denn auch diese tragische Figur fand viel Beachtung in der Kunst.
Die Ausstellung leistet zweierlei: Es scheint, als zeige sie alles was man über Faust zu wissen glaubt und ergänzt es mit noch nie Gehörtem. Und sie kriegt einen. Sie greift nach dem Besucher, hält ihn fest und lockert den Griff auch dann nicht, wenn er die Glastüren der Kunsthalle längst hinter sich gelassen hat. Wenn du also rein gehst und nicht den Eindruck hast, selbst Faust zu sein, hast du ihn spätestens, wenn du wieder raus gehst.

F wie Faust oder Fantasie

Das Faust-Festival ist an kein bestimmtes Datum oder Ereignis geknüpft. Es ist kein Goethe-Jahr, auf das Bezug genommen wird. Dieses Festival macht tatsächlich zu jedem Zeitpunkt Sinn. Es sind die Themen, die im Faust besprochen werden, und die Tatsache, dass sie an einen Menschen geknüpft sind, der tatsächlich jeder von uns sein könnte. „Du bist Faust“! Das ist schon richtig. Faust ist ein rastlos Strebender, auf der Suche nach Erkenntnis. Er muss wissen, was das Innerste der Welt und sein Innerstes zusammenhält. Dabei ist er egoistisch, umschmeichelt Gretchen, schwängert sie, lässt sie alleine, macht sie zur Kindsmörderin, besiegelt ihr Schicksal. Er spielt „all-in“, geht den Packt mit dem Teufel ein, setzt sein Leben. Er ist schwach und giert nach Lust. Auch wir werden getrieben. Wenn nicht von der zehrenden Frage nach Erkenntnis, dann von Erfolg, Status, ersehnten Alleinstellungsmerkmalen. Wir tun nicht immer das Richtige. Und so manches Mal, wenn wir doch alles richtig machen, tun wir es dann, weil wir perfekt sind? Oder weil uns die Moral, die Gesetze oder das Wertesystem der Gesellschaft dazu zwingen? Und wie frei sind wir dann? Wir bewegen uns alle auf das gleiche Ende zu und wer einmal anfängt, über den Sinn der eigenen Existenz nachzudenken und darüber, ob man seine Zeit verschwendet, ob man nicht ein anderer – ein besserer oder vielleicht doch egoistischerer – Mensch sein könnte, kann nicht mehr so schnell aufhören, darüber nachzudenken. Alleine die Abstände zwischen den Gedanken können kontrolliert werden. Doch auch diese Fähigkeit geht – was man so hört – mit dem Alter verloren. Du bist also tatsächlich Faust! Ob du willst oder nicht!

Du bist Faust! Ausstellung in der Kunsthalle München

Faust-Festival München

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