Felix Lobrecht: Sonne und Beton

Dieses Buch fickt uns alle

Mit Felix Lobrechts Sonne und Beton gibt es einen neuen Debütroman, der ordentlich Krach macht. Er spielt vor etwa zehn/zwölf Jahren. Die Handlung ist schnell erzählt. Der 16-jährige Protagonist Lukas wohnt im Berliner Stadtteil Neukölln. Genauer in der Gropiusstadt, einer Hochhaussiedlung, deren Häuser wie riesige Betonpfeiler in den Himmel ragen. Wer jedoch denkt, die Sonne sei zum Greifen nah, der irrt. Die Sonnenseite des Lebens sieht anders aus. Lukas hat einen Vater, einen großen Bruder, der bereits ausgezogen ist, und keine Mutter. Er ist der einzige Deutsche in seiner Klasse. Die meiste Zeit verbringt er mit seinen Freunden Gino, Julius und dem Neuen, Sanchez. Stress mit den Arabern und/oder den Türken gehört zum Leben der Vier wie das Atmen und billiges Essen. Am Anfang geraten sie beim Drogenkauf im Park erst mit den Arabern und wenig später mit den Türken aneinander. Das Blut der Platzwunden ist noch nicht ganz getrocknet, da gibt`s schon wieder einen neuen, riskanten Plan auf der To-Do-Liste der Trostlosigkeit im Leben der vier Freunde: in die Schule von Lukas einbrechen, die neuen Computer klauen, schnell Kohle machen, endlich mal wieder Klamotten kaufen. So lautet der stümperhafte Masterplan. Denn so einfach ist das dann doch nicht. Um Felix herum wird es – wie eigentlich immer – turbulent. Und kaum hat sich die Situation um den Bruch etwas beruhigt, gibt`s auch schon wieder neuen Stress. Ein niedergeschlagener Vater, ein bewusstlos aufgefundener Freund. Die Jungs um Lukas haben keine Zeit durchzuatmen, einen Reset-Button gibt es nicht, immer passiert irgendetwas. Und immer ist es nichts Gutes. Immer geht es Bam! Bam! Bam! Isso in Neukölln. Und davon erzählt dieses Buch.

Sprache – „Gib ma lieber ’ne Kippe, du Opfer!“

Nach wenigen Seiten Sonne und Beton ist klar, dass die Sprache der Figuren den Ton dieses Buches angibt. Die „Ich-ficke-dich-du-Spast-bist-du-behindert-Sprache“ prägt den Roman eindringlich von der ersten bis zu letzten Seite. Lukas und seine Freunde nutzen den Slang der Straße. Etwas anderes haben sie nicht. Was beim Lesen anfangs gewöhnungsbedürftig sein kann, geht ziemlich schnell ins Ohr. Ganz so wie eine Melodie, die dir, einmal gehört, nicht mehr aus dem Kopf gehen will. Jeder kennt diese Sprache, das meiste versteht man, die wenigsten sprechen sie.

Mann, is dein Ernst? Lass mich doch mal rein jetzt, Alter. Ich bin seit vier Jahren hier auf dieser bekackten Schule.“

Das ist der Anfang von Sonne und Beton und das ist auch der Ton von Sonne und Beton. In der Schule von Lukas steht nicht der Automat mit Erdbeermilch und Balisto-Riegeln am Eingang, sondern Security-Personal. Lukas hat seinen Schülerausweis vergessen, daher darf er nicht rein. Security eben. Natürlich regt er sich auf, in beinahe jedem laut geäußerten Satz der vier Freunde schwingt etwa Genervtes, Gestresstes oder Aggressives mit. Das liegt nicht an den Figuren, das liegt an den Umständen, in denen sie leben. Die Erzählweise abseits vom Hochdeutschen rückt den Leser näher an das Geschehen, lässt ihn Lukas besser kennenlernen, stellt ihn direkt rein ins Neukölln-Setting. Über die Sprache erhält der Roman extrem viel Authentizität. Auch die Herkunft des 1988 geborenen Autors Felix Lobrecht befeuert diese Echtheit immens. Lobrecht ist in Neukölln aufgewachsen und dort zur Schule gegangen. Es handelt sich bei Sonne und Beton, wie uns der Autor in einem Interview erzählt, nicht um einen autobiographischen Roman, wohl aber um einen Roman mit autobiographischen Zügen. Felix Lobrecht versteht, wovon er spricht und damit wir es auch verstehen, weigert er sich, am Slang der Gegend etwas zu ändern.

Alter, Jungs. Habt ihr Dings, die Story von Marek und sein Leuten, gehört? Die ham sich krass mit den Jungs von Johannisthaler geboxt gestern.“

Obwohl das Geschehen in der Ich-Erzählung aus Lukas’ Sicht geschildert wird, nehmen die Dialoge der vier Freunde viel Raum ein. In den Gesprächen geht es um Gewalt, Ungerechtigkeiten wie Chancenungleichheiten, Rassismus, manchmal um Mädchen, also ums Ficken und um all die Probleme, die mit der Gegend verhaftet sind und die den Jungs täglich entgegenschlagen. Wer kauft wo und bei wem sein Gras? Wer wird wo und von wem abgezogen? Welches Opfer-Level haben die Lehrer? Warum ist mit den Eltern nicht zu rechnen?

Gewalt – „Wenn du kämpfen musst, kämpf!“

Es geht oft zur Sache in diesem Buch. Kämpfe stehen ebenso auf der Tagesordnung wie die Strategien, die Lukas entwickelt, um ihnen aus dem Weg zu gehen. Ob er auf dem Heimweg von der Schule aufs Maul bekommt, kann schon davon abhängen, in welchen U-Bahn-Wagen er einsteigt und für welche Haltestelle er sich entscheidet!

Weißt doch, die Erwachsenen sagen >der Klügere gibt nach<, auf der Straße die Leute sagen >der Klügere tritt nach<.“

Lektionen wie diese lernt Lukas von seinem Bruder Marco, der seine krasse Zeit in Neukölln schon hinter sich hat, und davon profitiert, dass er respektiert wird. Die ältere Generation um Lukas’ und Marcos Vater Matthias scheint die Potenzierung der Probleme auf der Straße und die Steigerung der Gewalt entweder nicht zu sehen oder falsch einzuschätzen.

„Bei Matthias früher hat vielleicht noch funktioniert so. Was er immer erzählt hier mit Schläger-Peter und Gewalt-Jörg, oder wie die Lappen damals hießen. Aber heute? Alter, die Jungs heißen nicht mehr Schläger-Peter, sonder Ich-fick-deine-Mutter-und-stech-dich-kaputt-Abdul. Was willst du mit den groß reden, ich schwör`s dir.“

Chancenungleichheit – „Und was’n dit für ne Hose, die du da anhast?“

Wer nie eine Chance hatte, auch einmal etwas zu gewinnen, der hat auch nie etwas zu verlieren. Das ist ebenso traurig wie es gefährlich sein kann. Die Aussichten für Lukas und seine Schulkollegen sind trübe bis dunkelschwarz. Geld gibt`s keins. Die Lehrer sind überfordert und unmotiviert, die Schüler gelangweilt und desinteressiert. Vielleicht ist Schule nicht das Gelbe vom Ei, ein Abschluss könnte es aber sein. Doch so weit reicht die Fantasie nicht, oder die Zuversicht. Wer immer enttäuscht wird, hört wohl früher auf zu hoffen. Die Schüler in Lukas’ Klasse sind unzufrieden. Ihre Wünsche sind bescheiden. Immer mal die bessere Tiefkühlpizza kaufen oder mal ein paar angesagte Sneakers. Aber nicht mal das ist drin. Armut ist ein Problem, das zur Sackgasse im Leben junger Menschen werden kann. Kinder- und Jugendarmut hat etwas Demütigendes. Das wird auch klar, als Lukas Sanchez erklärt, warum im Keller seiner Schule so viele Bücher rumstehen:

„Es gibt seit ein paar Jahren in Berlin die Regelung, dass Schüler ihre Bücher selber kaufen müssen und nicht mehr von der Schule geliehen bekommen […]. Wenn die Eltern Sozialhilfe oder irgendwas kriegen, bekommt man sie aber weiter von der Schule. Bei mir in der Klasse sind das alle, also hat sich für uns eigentlich überhaupt nichts geändert, außer dass man sich jetzt jede Stunde erst mal als arm outen muss.“

Rassismus – „hier stinkt’s nach Bimbo“

Kanacken hin oder her, Sonne und Beton ist natürlich kein rassistisches Buch! Es ist politisch in mehreren Bereichen absolut unkorrekt, was daran liegt, dass es so authentisch erzählt wird. Sonne und Beton ist ein realistisches Buch. Und das trifft leider auch auf den darin aufgezeigten Rassismus zu. Sanchez und sein Bruder haben eine deutsche Mutter, der Vater stammt aus Südamerika und schon als Kleinkinder wurden sie Opfer rassistischer Anfeindungen. Später gab`s dann von den Nazis aufs Maul. Mittlerweile hat sogar das politisch korrekte Wort Migrationshintergrund etwas von einem Schimpfwort. Dass der Rassismus vor Bildung keinen Halt macht, zeigt ein Gespräch zwischen Lukas und dem superlockeren Vertrauenslehrer. Es geht um die geklauten Computer:

„Dass hinter dem Einbruch irgendwelche Alis stecken, wissen wir beide, aber die werden nichts verraten, die halten zusammen. Und genauso müssen wir Deutschen auch zusammen halten. […] Bei sich können die Kamele klauen und machen, wie sie wollen, aber nicht hier.“

Un nu? – „Fuck, Neukölln, wir müssen raus.“

Sonne und Beton ist kein Buch, das den Zeigefinger hebt und sagt „Ihr seid Schuld!“ oder „Macht das doch so und so und alles wird gut“. Sonne und Beton ist auch kein Buch, das – auch nicht zwischen den Zeilen – Verbesserungsvorschläge referiert. Aber es ist ein Buch, das einen durch die realistischen Schilderungen zum Nachdenken zwingt. Am Ende ist nicht alles gut. Am Ende ist eigentlich alles so wie am Anfang. Sonne und Beton zeigt auf, was alles falsch läuft. Du wirst ins falsche Viertel geboren und dein Leben ist vorbei. Nicht du bekommst Harz IV sondern deine Eltern aber dein Leben ist vorbei. Keine Zeit für Schule, die meiste Zeit geht für Selbstverteidigung drauf und dein Leben ist vorbei. Du bist gut, aber die Nazis um dich rum sind es nicht und dein Leben ist vorbei. Dass in diesem reichen, fortschrittlichen Land nicht alle Kinder die gleichen Chancen haben, ist nicht akzeptabel. Dass Menschen, die mit einem goldenen Löffel im Mund geboren wurden und denen die Sonne aus dem Arsch scheint, Menschen mit Abitur oder Ausbildungsplatz, Menschen mit Autos zum Achtzehnten und Bausparvertrag nicht bewusst ist, dass es Kinder wie Lukas, Gino, Julius und Sanchez wirklich gibt, ist auch nicht akzeptabel. Felix Lobrecht hat seinen Beitrag geleistet. Er schrieb dieses Buch, bei dem uns allen, während wir es lesen, der goldene Löffel aus dem Mund fällt. Wir sind nicht alle gleich. Manche sind Neukölln.

Ich habe Felix Lobrecht im Rahmen der Leipziger Buchmesse 2017 zum Interview getroffen. Ich rede also mit einem sehr coolen Typen über ein sehr geiles Buch. Es könnte schlechter laufen.

Dafür, dass es Hoffnung gibt und dass das mit dem „…und dein Leben ist vorbei“ nicht zwangsläufig passieren muss, ist Felix Lobrecht das beste Beispiel. Er hat studiert, dieses Buch veröffentlicht und steht seit mehreren Jahren als Comedian auf der Bühne. Ich habe mich auf der Leipziger Buchmesse mit ihm getroffen und über all das gesprochen. Das Interview mit Felix Lobrecht gibt`s hier: Interview.

Summing up it can be said:
Dieses Buch fickt uns alle! Und wir sollten es alle lesen, denn es fickt uns gut!

Felix Lobrecht: Sonne und Beton, 224 Seiten, 18 Euro. Ullstein Buchverlag, 2017

Mehr zu Felix Lobrecht und zu seinen Lese-/Comedyterminen gibt`s hier: www.felixlobrecht.de

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