Feridun Zaimoglu: Evangelio

Vom Glauben und Kämpfen

Was kommt dabei heraus, wenn ein bekennender Moslem – das hat uns Feridun Zaimoglu selbst auf der Leipziger Buchmesse verraten – ein Buch über einen der berühmt-berüchtigsten Christen – besser bekannt als Martin Luther – schreibt?

Eines lässt sich schon nach wenigen Seiten, ja sogar wenigen Worten sagen: Kein Buch, das es sich und seinen Lesern leicht macht. Wer auf der Suche nach leichtem Lesevergnügen ist, nach einfachen Antworten, Seelenbalsam und Happy End, braucht Evangelio erst gar nicht in die Hand zu nehmen.

Wer aber gerne tief, tief, tief in Zeiten, Charaktere und Seelen eintaucht, der sollte beherzt zugreifen, selbst wenn er sich wehrt und denkt: Nicht schon wieder Luther, bitte keine Religion! Keine Sorge: Die Angst vor Wiederholung von tausendmal Gehörtem, altbekannten Anekdoten und Luther-Lobhudelei ist unglaublich unbegründet. Auch salbungsvolles Geschwurbele: Fehlanzeige.

Wetten dass: Einen Luther wie diesen habt ihr noch nie gelesen, gesehen oder gehört. So schnell können wir gar nicht blättern, wie dieser Luther von seinem Ikonensockel gestürzt wird. So schmutzig können wir gar nicht denken, wie dieser Luther spricht. Solch krasse Farben stehen uns gar nicht zur Verfügung wie jene, mit denen Luther den Teufel an jede Wand malt.

Tod und Teufel

Tod und Teufel sind hinter Martin Luther her, als wir zu Beginn des Romans auf ihn treffen. In einer Kammer auf der Wartburg in Eisenach versteckt sich der „Geächtete“, der Vogelfreie inkognito als „Junker Jörg“ (im Roman als Junker Georgen bezeichnet). Ihm vom Fürsten, der ihm auf der Wartburg Schutz gewährt, zur Seite gestellt ist der einfache Landsknecht Burkhard. Burkhard ist das, was man einen „harten Hund“ nennen würde. Roh, brutal und felsenfester Katholik. Kein einfaches Gespann, diese zwei charakterstarken Männer mit so unterschiedlichen Ansichten. Stur trifft auf Sturer. Und wie soll es anders sein? Sie streiten und streiten und streiten.

Für Burkhard ist die Sache klar: Dieser Luther ist nichts anderes als ein Ketzer, ein Verräter am Glauben. Und dennoch wird er den Teufel tun und diesen Bruder Martinus verraten. Warum? Weil das Fressen eben vor der Moral kommt. Weil der Fürst eben vor dem Papst kommt. Erst Überleben, dann Glauben.

Und so versuchen die zwei sich irgendwie zusammenraufen, was mal mehr und mal weniger gut klappt. Burkhard hat mit dem fluchenden, fast irren Luther seine liebe Not. Mal fastet er, mal frisst er, hinter jeder Ecke, in jedem Spalt, in der Katze, im Hund, überall lauert für Luther der Teufel. Er raunt und flüstert ihm zu, er beisst ihn. Die ganze Welt und mit ihr das Höllenfeuer scheinen ihn zu verfolgen.

Irgendwie hat Zaimoglus Luther damit ja auch recht. Er kann nicht wissen, wer Freund und wer Feind ist. Die Macht des Mittelalters schlechthin, die katholische Kirche, der „rechte Glauben“ hat’s auf ihn abgesehen und dass man da immerzu glaubt, dass einen der Teufel holen will: nachvollziehbar.

Der Hauch der Vergangenheit

Aus unzähligen Geschichtsstunden, dem Religionsunterricht, aus Büchern und Filmen kennen wir Luthers Leben. Das Anschlagen der 95 Thesen, der Prozess, die Ächtung, der Schutz auf der Wartburg, die Verkleidung als Junker Jörg, die Bibel-Übersetzung ins Deutsche in Rekord-Geschwindigkeit. All das kennen wir, all das wissen wir. Aber Wissen heißt nicht Spüren, Erleben, Nachempfinden. Doch das leistet Feridun Zaimoglus Roman.

Und das beginnt mit der Sprache. Die Sprache des Buches ist Burkhards Sprache. Luthers Leibwächter ist der Erzähler des Buches, der nur hin und wieder unterbrochen wird von Luthers Briefen an Mitstreiter und Mitwisser. Die Perspektive von Evangelio ist klug gewählt. Nur so können wir Luther in seiner Gänze und seiner Wucht sehen: weil wir ihm jeden Tag begegnen, an guten und schlechten, im Alltag, beim Philosophieren und Aufbrausen, an schönen Momenten und zu den dunkelsten Stunden. All diese Widersprüchlichkeiten und Launen berichtet uns einer, der nicht sein Freund ist, der mit kühlem Blick auf ihn schaut. So wird aus der Ikone ein Mensch. Ein Mensch, der blitzgescheit, ehrfürchtig, mutig und ein Wüterich gleichzeitig ist.

Ich klink die Tür auf: Bücher mit Schweinsledereinband, schwere Deckel hüten die schwefligen Worte, die Meister Martinus durch List dem alten Feind abgetrotzt. Man muss ins erste Saufen Gottes Namen sprechen, und also bewegt er stumm die Lippen und trinkt drei Schlucke. Im Schein der blakenden Tranlampe funkeln seine Augen auf. Er stellt die Füße auf den Walwirbel. Er legt das Papier vor sich hin. Kratzt mit der Feder Runen, als würd der Dämon der Macht ihm Zauberziffern in den Geist bluten. Hat er das zweite Gesicht?

Feridun Zaimoglu verstrickt durch seine Erzählweise uns Leser in eine Illusion. Wir sind mittendrin in dieser Zeit und ganz nah an Luther. Jeder Satz dieses Buches ist in der Sprache der Zeit gefasst. Ja, das ist eine große Herausforderung und mitunter sehr, sehr anstrengend. Da sind Worte dabei, die wir heute gar nicht mehr oder ganz anders gebrauchen. Sie ist manchmal viel direkter als unsere und dann wieder in Symbole gefasst. Wenn beispielsweise vom „alten Feind“ die Rede ist, meint Burkhard nichts anderes als den Teufel. Die Sprache ist roh und dabei doch ungeheuer poetisch. Sie folgt einem Rhythmus und wenn man sich an diesen erst gewöhnt hat, wird das Lesen hin und wieder zum Jubelfest. Aber es lässt sich nicht verschweigen: zunächst ist es Arbeit.

Fluch und Segen

Ja, und auch Luther macht jede Menge Arbeit. Seinen Mitmenschen, aber auch uns Lesern. Ich will keine Hoffnungen machen: Man gewinnt ihn nicht lieb. Er ist weit entfernt vom klassischen Heldenbild und auch kein Sympathieträger. Ein störrischer Esel, eigentlich nur aus Ecken und Kanten gebaut. Wenn er seine Flüche über Juden, Türken und Frauen herabregnen lässt, dann ist das mit unserem heutigen Blick manchmal fast unerträglich. Immer wieder kam in mir da der Hass gegenüber diesem Luther hoch.

Aber das, genau das ist die schier unglaubliche Leistung, die Feridun Zaimoglu mit diesem Roman vollbringt. Er führt uns die Unbeirrbarkeit, die Sprachgewalt, den Geist und die raue Emotion dieses Luthers vor Augen. Und zwar so nah, dass man nicht wegschauen kann, obwohl man es manchmal sehr gerne würde. Das gelingt ihm mit seiner Kompromisslosigkeit im Formulieren und in der Figurenzeichnung. Er malt nicht schön, aber er malt konkret. Er zeichnet nicht weich, er zeichnet hart. So bekommt man eine Ahnung von dem Menschen, den viele heute wie einen Heiligen bewundern. Von seiner Grobschlächtigkeit, seinen Ungerechtigkeiten und seiner Wut, aber auch von seiner unfassbaren Leistung und Kraft. Vielleicht war Luther kein guter, großer Mensch, aber er hat Großes und ja, man kann das, glaube ich, sagen, Gutes geleistet. Das habe ich dank Evangelio erst so richtig verstanden.

Was kommt also heraus, wenn ein Moslem über Luther schreibt? Ich sage es euch: ein Meisterwerk.

Wollt ihr mehr über das Buch und Feridun Zaimoglu erfahren? Zum Interview geht’s hier.

Unsere Leseempfehlung:
Feridun Zaimoglu. Evangelio. Kiepenheuer und Witsch, 2017. 22,00 Euro.

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