Garth Risk Hallberg: City on Fire

Die Tausend-Seiten-Wucht

Auch dieses Buch hat ein Ende. Natürlich. Aber gerne hätte man die Figuren, die hier ins New York der 1970er gepackt wurden, in die 80er und 90er begleitet. Bis dass der Tod der Figuren des Romans City on Fire den Leser vom Stoff trennt. Denn dieses Debüt des 1978 geborenen amerikanischen Autors Garth Risk Hallberg lässt einen nicht so schnell wieder los.

Hallberg stellt die unterschiedlichsten Figuren aus den gegensätzlichsten Millieus ins quadratisch angelegte Straßennetz des Big Apple und lässt sie sich hier begegnen, voneinander wegrennen, sich aufeinander zubewegen. Meist sind es zwei Figuren, die jeweils um einander kreisen. Mercer, der einzige farbige Lehrer einer Mädchenschule, liebt William Hamilton-Sweeney, den sturen, abtrünnigen Millionenerben, Künstler und Mitbegründer eine Punk Rock Band. Williams Schwester Regan verliert ihren Mann Keith an andere Frauen. Eine davon ist Sam, eine 17-jährige Studentin. Auch der Teenager Charlie hat es auf Sam abgesehen. Die beiden bewegen sich im Dunstkreis der aufkommenden Punk-Rock-Szene, über die hier auch die Anarchie Einzug in den Roman hält. Als Sam in einer Winternacht 1977 im Central Park angeschossen wird, kommen der an Kinderlähmung erkrankte Polizist Larry Pulaski, der Journalist Richard Groskoph und dessen Nachbarin, die junge Galerieassistentin Jenny Nguyen, ins Spiel. Groskoph recherchiert eine Story über Sams Vater, den Einwanderer, einen Feuerwerkskünstler. Weitere schwerreiche Figuren aus drei Generationen des Familienverbunds der Hamilton-Sweeneys vervollständigen das Personal.

In kurzen Kapiteln werden nacheinander Ausschnitte aus diesen Leben gezeigt. Kleine Handlungsstränge, wie das Scheitern der Liebe – oder eher der Beziehung – des homosexuellen Paares William und Mercer, stehen größeren Handlungssträngen gegenüber, wie der Unternehmensgeschichte der Hamilton-Sweeneys, die durch falsch platziertes Vertrauen ihr kleines Imperium an die Wand fahren und dabei wild mit den Armen rudern, vertuschen und vortäuschen. Als plötzlich der Strom ausfällt, in dieser Stadt, die niemals schläft, in der alles illuminiert ist, in der die Zeit einen ganz eigenen Takt schlägt, der nichts mit Minuten und Sekunden zu tun hat, der die Pulsfrequenz der Bewohner vorgibt, herrscht kurz Stille, bevor das Chaos ausbricht. Anarchie. Meuterei. Verlorene Kinder. Missglückte Selbstmordversuche. Verbrecherjagd. Es scheint, als wurden in diesem Blackout alle Karten neu gemischt, denn als das Licht wieder angeht, stehen alle auf Anfang. Regan bekommt ihren Mann zurück. Für den Polizist Pulaski beginnt der Ruhestand. Charlie beendet seinen Kurztripp auf die schiefe Bahn und begibt sich auf den rechten Weg.

Zwei Millionen Dollar hat der Autor von seinem Verlag bereits vor Abdruck dieses Buches erhalten und wirklich viele wollten es drucken. Der Stoffe wurde zum weltweiten Beststeller und so mancher hält sich seit diesem Erfolg damit auf, zu diskutieren, ob dieses Werk die zwei Millionen auch wirklich wert ist. Ich bitte euch, welches Buch ist schon zwei Millionen Dollar wert? Was viel wichtiger ist, ist die Tatsache, dass hier ein Text abgeliefert wurde, der so leise und klein daherkommt, dabei über tausend Seiten füllt und dem Leser ein Personal präsentiert, das man bereits vermisst, wenn man merkt, dass da nur noch zweihundert, nur noch hundert Seiten ungelesen sind. Dieses Buch ist unbezahlbar gut.

City on Fire, 1.080 Seiten, S. Fischer, 2016
Englische Erstausgabe, Knopf, 2015

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