Harry Potter und das verwunschene Kind

Neue Bühne, altes Glück

Fantasiewelten? Ja! Fantasy-Welten? Eher nicht.

Na gut, bis auf ein paar Ausnahmen. Ganz weit oben auf meiner Ausnahmen-Liste steht Harry Potter, ja im Grunde ist Harry Potter der Begründer und J.K. Rowling die Mutter meiner Ausnahmen-Liste.

Dem Zauber erlegen bin ich mit Anfang 20, als ich im Urlaub nichts mehr zu lesen hatte, und da nur dieses Harry Potter-Buch herumlag. Kinder-Kram, Fantasy-Zeug, viel Hype um nichts dachte ich davor. Und dann hat es mich komplett geflashed. Weil es mit so viel Liebe, Fantasie und so einfühlsam geschrieben ist. Weil es alte Sagen und Legenden mit ganz viel Witz und moderner Sprache verwebt. Und weil es – und das steht ganz weit oben – eine grandiose Charakterstudie ist. Und eben kein x-beliebiges Fantasyszenario, das zum millionsten Mal „Herr der Ringe“ kopiert, ist, sondern unsere Welt um ein klitzekleines Stück erweitert, ganz vorsichtig, und so doof es klingt, ganz plausibel. Das macht Frau Rowling zu einer ganz, ganz großen.

Magische Momente

Was für mich außerdem diesen ganz besonderen Zauber der Bücher ausmacht, ist diese Atmosphäre. Das Schulleben, die ständige Bedrohung durch Voldemort, die Freundschaft zwischen Harry, Hermione und Ron – das beschreibt die Autorin so intensiv, dass man die Welt da draußen vergisst, dass man liest und liest und blättert und blättert und ständig hofft, es möge doch noch etwas länger dauern, nur um diesen Ort, diese Welt nicht verlassen zu müssen. Und wie schrecklich aber gleichzeitig auch wunderbar war das, als diese Geschichte zu Ende erzählt war.

Aber scheinbar ist sie das ja nicht! Im vergangenen Sommer wurde in London eine Fortsetzung der Geschichte als Theaterstück uraufgeführt. Kurz darauf erschien das Drama dann als Buch.

Soll ich’s wirklich machen oder lass ich’s lieber sein?

Ich muss gestehen, ich habe lange mit mir gerungen, ob ich das Buch lesen soll oder nicht. Bei Fortsetzungen – vor allem, wenn sie so lange dauern und eigentlich nicht zum ursprünglichen Konzept hören – habe ich immer Bauchschmerzen. Und Angst, dass es mehr kaputt macht als fröhlich stimmt. Ja, und dann war da noch die Sache mit der Form – Drama ist mein am wenigsten geliebtes Genre. Ich gehe gerne ins Theater, aber – mit Ausnahme von Shakespeare – bereitet mir das kein großes Lesevergnügen. Da fehlt Atmosphäre, Ungesagtes bleibt einfach nur ungesagt und Literatur lebt doch von Umschreibungen, Schilderungen, Stimmungen. Das kommt mir beim Drama einfach zu kurz.

Aber: die Neugier hat gesiegt, ich habe es gewagt. Und eines kann ich schon mal sagen: ich wurde positiv überrascht.

Wiederlesen macht Freude

Ja, natürlich fehlt da etwas. Keine Regieanweisung schafft es diese einmalige Harry Potter-Hogwarts-Atmosphäre zu erzeugen. Und obwohl wir Harry, Hermione und Ron wiedertreffen, sind das doch andere Charaktere und sie sind Zentrum einer anderen Geschichte.

Aber trotzdem ist da auch vieles schön und gut. Ich bin froh, dass man neben den zwei Autoren John Tiffany und Jack Thorne auch weiterhin die Handschrift von J.K. Rowling spürt. Die Holzschnittartigkeit der Dramenform ist glücklicherweise auf ein Minimum reduziert und es lässt sich überraschenderweise schnell und flüssig lesen. Mancher Erzählstrang scheint mir etwas zu überzeichnet, zu unplausibel, aber das Grundgerüst stimmt.

Der Humor, ohne den bei Harry Potter für mich nichts funktioniert, ist derselbe und mir gefällt, zu welchen Erwachsenen die drei Protagonisten geworden sind. Vor allem ihre Schattenseiten. Es wäre traurig gewesen, wenn sie die nach ihrer Vorgeschichte nicht gehabt hätten. Vor allem die Konflikte, die Harry mit seinem Sohn Albus ausfechten muss, gehören zu den besten Momenten des Buches.

Das Dunkle, das jeder in sich trägt, war schon immer ein Hauptmotiv der Buchreihe. In diesem Band aber ganz besonders. Wie die Autoren das Motiv einsetzen und mit ihm spielen: fabelhaft! Kein Aufguss, keine Wiederholung, sondern ehrlich bedrückend und überhaupt nicht flach. An manchen Stellen wird es so düster, dass ich es keinem Kind bedenkenlos in die Hand drücken würde, aber das war auch bereits in den letzten Bänden der Reihe schon der Fall.

Mein Fazit lautet also: anders als die anderen, nicht besser und nur da schlechter, wo es um Formfragen geht. Eine würdige Fortsetzung und sicherlich fantastisches Filmmaterial.

Wenn das kein Film wird, fresse ich einen Nimbus 2000!

J.K.Rowling, John Tiffany, Jack Thorne. Harry Potter und das verwunschene Kind. Carlsen Verlag, 2016. 19,99 Euro.


Leseempfehlung:
J.K.Rowling. Harry Potter und der Stein der Weisen.
J.K.Rowling. Harry Potter und die Kammer des Schreckens.
J.K.Rowling. Harry Potter und der Gefangene von Askaban.
J.K.Rowling. Harry Potter und der Feuerkelch.
J.K.Rowling. Harry Potter und der Orden des Phönix.
J.K.Rowling. Harry Potter und der Halbblutprinz.
J.K.Rowling. Harry Potter und die Heiligtümer des Todes.

Harry Potter: The Complete Collection

Filmempfehlung:
Harry Potter – The Complete Collection. 8 DVDs.

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