Heinz Strunk: Jürgen

Mensch, Jürgen!

Man versucht, sich das Lachen zu verbieten, beißt sich auf die Lippe, schüttelt den Kopf und denkt: Nicht lachen, da darf man einfach nicht lachen, is doch eher traurig als lustig. Und dann schmunzelt man und aus dem Schmunzeln wird ein Lachen. So kann das laufen beim Lesen von Heinz Strunks neuem Roman Jürgen.

Jürgen Dose ist ein ganz armer Willi. Er hat die 40 lange geknackt, arbeitet als Parkplatzwächter in einem Parkhaus und lebt mit seiner pflegebedürftigen Mutter zusammen. Seine Freizeit verbringt er mit seinem Kumpel Bernd in der Kneipe Kamin 21 oder in seinem Zimmer. Bernd, der im Rollstuhl sitzt und von dort aus in Endlosschleife ordentlich stänkert und zankt, ist auch ein ganz armer Willi. Wenn man Jürgen fragt, ist Bernd der arme Tropf dieses Duos. Hauptthemen der beiden sind die Liebe und die Frauen bzw. die Abwesenheit von Liebe und Frauen. Ein Teil der Dramatik liegt darin, dass Jürgen nicht weiß, dass er ein ganz armer Willi ist. Bis auf die Tatsache, dass er keine Freundin finden kann, scheint für ihn alles mehr oder weniger okay zu sein. Und das katapultiert den Leser in eine Situation zwischen Lachen und Weinen, Hoffen und Bangen, Nachdenken und Resignation. Am Ende steht fest: Das wird nix mehr mit dem Jürgen. Und das traurige Gefühl überwiegt. Denn die Jürgens, die sind mitten unter uns.

Jürgen sucht die Liebe

Jürgen ist ein unattraktiver Typ mit Hautproblemen, einem Job, über den es nicht viel zu sagen gibt, und einer Wohnsituation, die für Frauen maximal unsexy sein dürfte. Aber er ist auch ein hoffnungsvoller Typ. Die Rückschläge mit den Damen häufen sich, was den Optimismus Jürgens ab und an zwar gehörig ins Schwanken bringt, ihn aber nicht davon abhält, dran zu bleiben am Thema Liebe. Er gibt nie auf. Er versucht es nochmal und nochmal und nochmal. Und er ist vorbereitet. Jürgen hat die Liebe studiert. Ratgeber wie Die Single-Falle, Partnertausch für alleinstehende Männer, Ist das Liebe oder kann das weg, Navi zur Traumfrau und Low Fat 40 für Singles kann er quasi auswendig. Er denkt, also er weiß, wie es theoretisch funktioniert. Eine gute Flirtmöglichkeit, so die Ratgeber und so also auch Jürgen, ist z.B. der Supermarkt:

‚Das sieht ja interessant aus, was sie da einkaufen – was macht man daraus?‘ Oder: ‚Sie kaufen nur für eine Person? Ich auch. Wie wäre es später mit einem Cappuccino im angeschlossenen Supermarktcafé?‘ So wandert das Flirtthermometer bald von eisig zu cool, von cool zu wärmer und vielleicht sogar von wärmer zu sizzling hot.“

Jürgen sucht die Liebe (Copyright Postkarte: Dennis Dirksen)

Dank dieses theoretischen Rüstzeugs wagt Jürgen immer wieder den Praxistest. Er geht zum Speed-Dating und nutzt die Möglichkeiten des WWW in Sachen Online-Dating. Schließlich lässt er sich von Bernd zu einer Liebesreise überreden. Die beiden fahren mit der Firma Eurolove nach Polen, um dort die Liebe fürs Leben zu finden und haben am Ende für noch mehr Demütigung und Frustration ganz schön viel Geld hingelegt.

Jürgen Dose ist ein positiv denkender Dödel

Der Roman Jürgen lässt sich ratzfatz durchlesen. Die Sprache des Protagonisten ist ein Fest, eine Aneinanderreihung von uncoolen Wörtern, Redewendungen und Sprüchen, die längst – Achtung – aus der Mode sind, oder noch nie – Achtung – up to date waren. Seine Äußerungen wie „Ladies first, James Last“ oder „1:0 für die Liebe“ oder „Händchen halten & Co. KG“ definieren seine Humorebene. Jürgen ist ein Spaßvogel. Allerdings eher so ein geteerter und gefederter Spaßvogel.

Es ist ganz gleich, in welchem Bereich man im Leben von Heinz Strunks Jürgen ansetzt, um die Dramatik seines Daseins aufzulösen. Optik, Humor, Job, Freunde, Freizeitgestaltung – aber am massivsten wird sein Leben wohl von seinem Verhältnis zu seiner Mutter geprägt. Jetzt ist sie bettlägerig. Ein Pflegefall, der durch das Personal eines mobilen Pflegedienstes betreut wird, aber auch als sie noch fit war, war sie immer an Jürgens Seite. Das verdeutlichen seine Erinnerungen an gemeinsame Urlaube mit Mutti. Ein Gespräch zwischen Ludmilla, einer Angestellten bei Eurolove, und Jürgen bringt das Dilemma des All-Time-Singles und seiner Mutter auf den Punkt:

„,Aber das ist gar nicht so einfach. Mutter hat trotz des angegriffenen Gesundheitszustandes immer noch großen Einfluss auch mich. Da kann ich nicht mal eben mir nix, dir nix ab durch die Mitte und sie skrupellos ihrem Schicksal überlassen.’ ,Und genau da liegt der Denkfehler: Es ist eben nicht skrupellos, wenn ein Mann weit in den Vierzigern endlich sein eigenes Leben leben will. Wenn deine Mutter es gut mit dir meinen würde, hätte sie dich längst gehen lassen. Oder dich sogar rausgeschmissen und verlangt, dass du flügge wirst.’“

Fest entschlossen, etwas an dieser Situation zu ändern, kommt er aus Polen zurück. Doch das „JÜRGEN! KOMMST DU MAL BITTE?“ wird ihn nicht loslassen bzw. er gibt es nicht her. Jürgen ist ein Dödel, aber eben ein lieber, gewissenhafter Dödel. Das wird nix mehr mit dem Jürgen.

Die Antihelden des Heinz Strunk

Jürgen Dose ist eine typische Heinz Strunk-Figur. Der Autor, der mit seinem letzten Werk Der goldene Handschuh, der mit dem Wilhelm Raabe-Literaturpreis ausgezeichnet wurde, etwas weiter in die Ernsthaftigkeit abgerückt war, ist mit Jürgen nun wieder näher an seine vorherigen Romane herangerückt. Es gibt sie, die Humorebene in diesem Roman. Wann immer Jürgen etwas sagt oder denkt, ist das sehr, sehr lustig. Entweder ist die beschriebene Situation de facto lustig, oder das Geschehene wird in einer lustigen Sprache beschrieben. Und parallel ist eigentlich gar nichts lustig. Denn Jürgen ist, wie eigentlich alle Strunk-Protagonisten und wie bereits mehrfach erwähnt, eben ein armer Willi. Er weiß es nicht, was diesen Effekt nur zusätzlich verstärkt. Denn der Leser weiß es vom ersten Satz an. Und was gibt es da jetzt bitte schön zu lachen?

Heinz Strunk: Jürgen, 256 S., 19,95 Euro. Rowohlt Hundert Augen, 2017. 

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