Helmut Krausser: Einsamkeit und Sex und Mitleid

Großstadtleben im blühenden Turbokapitalismus

Was haben ein Callboy, der am Weihnachtsabend alleine in einer Berliner Spelunke abhängt, ein ausgebrannter Ex-Lehrer, der ebenfalls nichts mit dem Fest der Liebe anzufangen weiß, und ein gut situiertes Ehepaar, das jedes Jahr aufs Neue versucht, den Heiligen Abend einfach nur über die Bühne zu bringen, gemeinsam? Vom allbekannten Weihnachtsoverkill einmal abgesehen – auf den ersten Blick gar nichts. Und das gilt zunächst für das gesamte Figurenkabinett in Helmut Kraussers Episodenroman Einsamkeit und Sex und Mitleid. Eine rotzfreche Teenie-Göre aus geordneten Verhältnissen legt sich mit einem Jungen mit Migrationshintergrund an. Eine Tänzerin ist dazu verdammt, den ohnehin unrealistischen Traum von der ganz großen Profikarriere endgültig an den Nagel zu hängen und stattdessen mehr oder minder begabte Paare im Tanz zu unterrichten.

Krausser führt seine Figuren bei ständigem Wechsel der Erzählperspektive in kurzweilig rasantem Tempo ein. Jeder Charakter wirkt sowohl verschroben und skurril als auch durchschnittlich und gewöhnlich. Alle leben sie in Berlin, diesem in Beton gegossenen, tonnenschweren Synonym für Anonymität. Sie begegnen sich ohne es zu bemerken. Zufällig. Eben so, wie jeder ständig irgendjemandem begegnet. Die Handlungsstränge verwebt der Autor geschickt zu einem Netz. Je dichter die Maschen des Netzes, desto klarer die Gemeinsamkeiten der Figuren. Der Callboy weiß, Weihnachten ist ein guter Tag für seinen Berufsstand. Ach so erfolgreiche aber eben einsame Frauen könnten ihn buchen. Stille Nacht, heilige Nacht? Wohl kaum! Der Pädagoge im Vorruhestand bezirzt die Kellnerin seiner Stammkneipe. Die Punk-Göre ist von ihrem Jesus-Freak-Freund gelangweilt, möchte lieber von ihrem arabischen, aufdringlichen Verehrer begehrt werden. Die sehnsüchtige Suche nach Liebe treibt diese Schicksale an. Sex haben sie alle, und wenn mal nicht in Taten dann doch in Gedanken und Worten. Auch Mitleid erzeugt jeder von ihnen. Das hängt schon mit der Einsamkeit zusammen, in der die Figuren auf die unterschiedlichste Weise gefangen sind.

Krausser porträtiert das Großstadtleben als täglichen Kampf gegen die Einsamkeit. Der eine macht das besser, der andere schlechter. Oder wie klingt das, wenn ein leergelebter Lateinlehrer zu einem Karstadt-Marktleiter, der seine Lieblingschips nicht im Sortiment hat, in einem Schreimonolog grölt: „Dann hört mal her, ihr Tausende Arschlöcher!“
Diese ineinander verwobenen Erzählungen wirken soghaft. Der Roman funktioniert, auch und gerade, weil es die Figuren nicht tun.

Helmut Krausser, Einsamkeit und Sex und Mitleid, 224 S., 19,95 Euro, Dumont. 2009 erschienen (Taschenbuchausgabe 9,99 Euro).

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