Herman Koch: Der Graben

Irgendwas ist immer

Robert Walter, der Ich-Erzähler und Protagonist in Herman Kochs Roman Der Graben, ist ein Mann für den zweiten Blick. Auf den ersten Blick ist er der unaufgeregte hoch angesehene Bürgermeister von Amsterdam. Glücklich verheiratet. Vater einer Tochter im zarten Erwachsenenalter. Sohn von Eltern, die er regelmäßig trifft und eine langjährige echte Freundschaft pflegt er auch. Die Ehe ist glücklich, das Verhältnis zum Kind und den Eltern sehr gut, Freunde und die Angestellten schätzen und achten ihn.
Auf den zweiten Blick ist Robert Walter ein narzisstischer Politiker, der sich seiner Machtstellung und Öffentlichkeitswirkung durchaus bewusst ist. „Sind markante niederländische Ministerpräsidenten dünn gesät oder gar ausgestorben, mit Bürgermeistern verhält es sich ganz anders“, so der selbstbewusste Lokalpolitiker. Auch im Privaten ist der Bürgermeister ein Wichtigtuer. Er macht ein riesiges Geheimnis daraus, aus welchem südländischen Land seine Frau kommt, gibt den Personen, über die er erzählt, falsche Namen. Es sind genau solche Kniffe in Der Graben, durch die sich dieser leise Protagonist tatsächlich interessant zu machen weiß. Als er auf einer Veranstaltung sieht, wie seine Frau – er nennt sie Sylvia – mit seinem Kollegen und Erzfeind Maarten van Hoogstraten spricht, ist er sich sofort und zu tausend Prozent sicher, dass die beiden eine Affäre haben. An dieser Idee klammert er sich von nun an fest, lässt sie nicht mehr los und spinnt sie zur Obsession weiter.

Der Graben Herman Koch

Herman Koch Der Graben

Ich sehe was, was du nicht siehst

Der Bürgermeister und seine Gattin sind ein Traumpaar und zwar ein echtes. Sie funktionieren als Team und sie lieben einander. Sie lassen sich Raum und können sich aufeinander verlassen. Sie weiß, wann er sie auf dem politischen Parkett neben sich wissen muss und in solchen Situationen ist sie bei ihm. Er weiß, wann er ihr das politische Parkett ersparen muss und wann er es ihr auf gar keinen Fall vorenthalten darf. Wenn sich die Obamas ankündigen zum Beispiel, da muss er alle Hebel in Bewegung setzen, damit seine Frau dabei sein kann.

„Mit Sylvia und mir verhält es sich ganz einfach: Wo wir sind, ist es schön. Wo wir zu zweit sind, sind wir glücklich. Wir haben ganz unterschiedliche Interessen, doch unser Interesse aneinander bleibt sich immer und überall gleich. Gemälde sagen mir an sich wenig, aber eines, vor dem Sylvia stehen bleibt, ist immer mehr als nur eine Seeschlacht, eine Landschaft oder ein Stillleben mit Obst und toten Hasen.“

Robert Walter spricht immer liebevoll von seiner Frau. Von der ersten Begegnung an bis ins Hier und Jetzt. Immer ist er von ihr verzaubert.

Wo wir sind, ist es schön. Wo wir zu zweit sind, sind wir glücklich.“

Und doch setzt er mit seinem plötzlich einsetzenden absolut unbegründeten Misstrauen alles aufs Spiel. Obwohl Sylvia weder ihrem Mann noch dem Leser wirklich Anlass gibt, zu glauben, sie habe ein außereheliches Verhältnis, beginnt sich die Gedankenspirale beim Lesen von Der Graben unaufhaltsam in Bewegung zu setzen. Gibt es doch eine Affäre? Oder ist da etwas anderes? Ein dunkles Geheimnis? Hat es mit der geliebten Tochter zu tun? Oder mit Roberts bestem Freund, der in dieser Männerbeziehung der Frauenheld ist? Die absolute Gewissheit Robert Walters am Betrug seiner Frau übernimmt der Leser nicht, aber die Skepsis wächst und zwar auch dem Protagonisten gegenüber. Warum zerredet jemand sein perfekt eingerichtetes Leben, das ja auch keinesfalls langweilig ist? Robert Walter ist immerhin der Bürgermeister von Amsterdam. Auch teilt der Zweifler seine Gedanken und Sorgen nicht. Er kreist ganz alleine um seine Verdachtsmomente, lässt sich von niemandem in seinen Vermutungen bestärken oder auf den Boden der Tatsachen zurückbringen. Es scheint, als brauche er diese imaginäre Erschütterung. Dabei bleibt er bis zuletzt ein rätselhafter Mensch. Ergründen kann man ihn nicht, aber man folgt ihm gerne und schaut ihm staunend zu bei seiner schizophrenen Wahrnehmung des Nichts.

Der Graben – Lebensmüde Lebenslust

Während der Ehemann in Der Graben seine Konzentration auf seine Frau richtet, wie sie in ihrem Handy herumtippt, ohne gleich zu sagen, wem sie schreibt, oder Freundinnen trifft, deren Namen er noch nie gehört haben will, passieren parallel um ihn herum auch greifbare Dinge, an deren Existenz, Tiefe, Hall und Wahrheit keinerlei Zweifel bestehen. Diese realen Ereignisse scheinen den Ehemann, Vater, Sohn, Freund und Bürgermeister nicht annähernd so zu beschäftigen wie das Hirngespinst der ihn betrügenden Frau. Sein Freund ist sterbenskrank. Seine Eltern wollen gemeinschaftlich Suizid begehen. Die Presse hat seine Vergangenheit auf dem Kieker. Ein Angestellter legt sein Schicksal in die Hände des Bürgermeisters. Es geschehen durchaus Dinge in diesem Roman. Große menschliche Dinge. Dinge, die unter die Haut gehen. Die Verzweiflung und der Tod schweben in Der Graben über mehreren Köpfen und doch handelt es sich dabei nur um Nebenschauplätze. Die Blickrichtung der Konzentration des Erzählers fokussiert dessen Ehefrau. Vielleicht flieht er vor der realen, tatsächlich wankenden und schwankenden Welt, indem er einem nicht existenten Problem den Vorzug seiner Gedanken gibt. Und vielleicht erträgt er auch sich selbst nicht mehr und beschäftigt sich daher permanent mit dem, was ihm am meisten bedeutet. Am Ende geht es in Der Graben um nicht weniger als um Alles oder Nichts. Der Graben spielt mit der Geduld seiner Leser. Der Graben führt den Leser an der Nase herum, kitzelt seine Skepsis, die sich immer mehr mit der Neugier zu verbrüdern scheint und das Stochern im Nichts macht einen ganz verrückt. Chapeau Herman Koch!

Herman Koch: Der Graben, 304 S., 16,99 Euro. Kiepenheuer & Witsch, 2018.

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