Hilary Mantel: Im Vollbesitz des eigenen Wahns

Craaaaaaaaazzzzzyyyyyyy!

Verrückt, durchgeknallt, komplett irre – das ist nicht nur Muriel Axon, die Hauptdarstellerin in diesem filmreifen Roman, sondern eigentlich das ganze Werk. So etwas Wahnwitziges muss man sich erst einmal trauen. Chapeau, Hilary Mantel!

Eigentlich kennt man Mantel durch ihre preisgekrönten Romane Wölfe und Falken  – beide wurden mit dem Oscar der Literatur, dem Booker-Preis, ausgezeichnet – über die Ränkespiele am Hofe Heinrich VIII. Der Dumont Verlag hat jetzt ihre ersten Bücher ausgegraben und wurde fündig: Im Vollbesitz des eigenen Wahns und das ihm vorangestellte Jeder Tag ist Muttertag erschienen 1985 und 1986.

Oldie but goldie

Dass man den Büchern ihr Alter anmerkt, tut ihrem Charme keinen Abbruch. Am Anfang tat ich mich etwas schwer, in die trostlose Atmosphäre des Romans einzutauchen und war schon kurz davor, ihn wieder ins Regal zu stellen. Zum Glück habe ich weitergelesen! Manch ein Buch hat es verdient, dass man ihm etwas mehr Zeit gibt, und das hier gehört definitiv dazu. Was wäre mir alles entgangen, hätte ich es verfrüht aufgegeben!

Zugegeben: Der Roman ist nichts für Zartbesaitete. Wer keine ordentliche Portion Sarkasmus, derbe Charaktere und eine gewisse Hau-Drauf-Mentalität abkann, sollte ihn besser nicht lesen. Und wer nur Bücher mit Happy End verkraften kann, auch nicht. Aber allen anderen rate ich: Lesen! Lesen! Lesen!

Ich habe mich selten über so viel Bosheit so köstlich amüsiert. Das liegt hauptsächlich an Muriel Axon. Sie ist Dreh- und Angelpunkt dieser fein konstruierten Geschichte. So ein Charakter muss einem erstmal einfallen!

Psycho-Spiele

Zehn Jahre nachdem die Sozialarbeiter Colin Sydney und Isabel Field dafür sorgten, dass Muriel in eine geschlossene psychiatrische Anstalt eingewiesen wird, hat diese ihre Zeit dort abgesessen und kehrt zurück in deren englische Heimatstadt. Und das gleich in Form von mehreren Charakteren. Das ist nicht nur schlecht für die zwei Sozialarbeiter, sondern auch für den Rest ihres Umfelds. Denn Muriel ist zurück, um Rache zu nehmen. Und zwar im Rundumschlag.

Muriels Vorteil: Sie wird ständig unterschätzt. Das liegt vor allem daran, dass sie sagenhaft dumm ist. Und hässlich. Man kann es nicht netter ausdrücken, und Hilary Mantel versucht das auch gar nicht. Gut so: Die Abneigung, die man als Leser quasi augenblicklich gegenüber Muriel entwickelt, sorgt dafür, dass man irgendwann nicht mehr aufhören kann, weiterzulesen. All das, was Muriel nicht hat – Schönheit, soziale, emotionale oder überhaupt irgendeine Intelligenz – macht sie durch ihre allumfassende Bosheit und ihren daraus resultierenden Erfindungsreichtum wieder wett.

Weil sie ihre Mutter – die ihr in Bosheit in nichts nachstand und der sie wohl ihre verkrüppelte Seele zu verdanken hat – und ihr Baby getötet hat, landete Muriel in der Psychiatrie. Nun sollen die dafür büßen, denen sie die Schuld daran gibt. Unbemerkt schleicht sie sich zurück ins Leben der beiden. Bei Colins Familie heuert sie als Putzfrau an. Isabel Vater betreut sie als Pflegerin im Krankenhaus.

Horror-Clown

Und die merken nicht, wen sie da vor sich haben? Nein. Zum einen sind sie meist so in ihre eigenen Probleme und Gedanken verstrickt, dass sie sich geistig eher selten am selben Ort wie ihre Körper befinden. Zum anderen liegt das an Muriels großem Talent: sie wechselt den Charakter ebenso schnell wie ihre Verkleidung. Während sie sich als Putzfrau Lizzie mit greller Schminke, knalliger Garderobe und einem vorlauten Mundwerk, das sich durch kontinuierliche Kompetenzüberschreitung auszeichnet, ausstattet, wirkt sie als Pflegerin Mrs Wilmot beinahe so grau wie der Linoleumfußboden der Krankenstation. Aufopfernd, leise und unauffällig ist Mrs Wilmot. Muriel verkleidet sich nicht als Lizzie oder Mrs Wilmot, sie wird zu ihnen.

So schleicht sie sich in Berufe, in Familien, in Leben und zerstört sie. Einen wirklichen Plan hat das Monster namens Muriel dabei nicht wirklich. Meist hilft ihr der Zufall und manchmal trifft es auch jemand ganz Zufälligen.

Sie sah ihr Gesicht in einer der Pfützen, einen weißen Mond, eine Kugel. Es roch nach Kotze und Hähnchen-Curry, Katzen schrien wie menschliche Babys von der Mauer eines alten Waschhauses.  Sie lehnte den Rücken gegen die pflaumenfarbenen Ziegel und wartete, dass er sie einholte.

Tod und Verderben

Manch einem schlägt dank Muriel das letzte Stündchen, anderen macht sie einfach nur das Leben zur Hölle. Und das von innen heraus, ohne dass die Betroffenen merken, warum denn plötzlich alles schiefläuft. Sie wundern sich auch nicht, unglücklich waren sie schon vor Muriels Ankunft. Colin trauert seiner Affäre mit Isabel hinterher, die zeitgleich mit Muriels Einweisung endete. Er kehrte zu seiner Ehefrau Sylvia zurück, die stattdessen den Pfarrer des Ortes anhimmelt und sich lieber mit Diäten als ihrer Familie befasst.

„Wann hast du eigentlich angefangen, mich zu hassen?“, fragte Sylvia. „Das würde ich gerne wissen. Kannst Du Dich noch an das Jahr erinnern? Wann hast du angefangen, mich zu hassen, und wann, wenn es denn so sein sollte, hast du wieder damit aufgehört?“ Colin wandte sich ab und ließ die Zitronenscheibe auf die Arbeitsfläche fallen. Er hatte keine Ahnung, warum sie plötzlich stritten. Das Foto seiner ehemaligen Geliebten lag eng unter Sylvias Beckenknochen, das blasse, kleine Gesicht starrte auf den Stoff ihrer Tasche. Eine Schmeißfliege landete auf Colins Glas und wanderte langsam, aber zielgerichtet auf dem Rand entlang.

Kein Wunder, dass ihre schwangere Tochter sich da lieber der Putzfrau mit dem nur allzu offenen Ohr anvertraut.

Isabel hat sich nach dem Ende der Affäre einen untreuen Mann – er ist der Vater des ungeborenen  Kindes von Sylvias und Colins Tochter – gesucht und in eine fatale Liebesbeziehung mit dem Alkohol gestürzt. Dass ihr verhasster Vater nun auch noch im Krankenhaus liegt, macht die Sache nicht besser.

Ja: Jeder kennt jeden in dieser Geschichte. Und Muriel kennt alle ihre Geheimnisse. Ihr glaubt, das kann kein gutes Ende nehmen? Für die Charaktere nicht. Für uns Leser schon. Selten war böse so gut!

Hilary Mantel. Im Vollbesitz des eigenen Wahns. Dumont, 2016. 23 Euro.

Leseempfehlungen:
Hilary Mantel. Jeder Tag ist Muttertag. Dumont, 2016. 22,99 Euro.
Hilary Mantel. Wölfe. Dumont, 2010. 12 Euro.
Hilary Mantel. Falken. Dumont, 2014. 9,99 Euro.

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