Ian McEwan: Nutshell

Der parlierende Prinz

Es gibt so Autoren, zu denen (fast) jeder eine Meinung hat. Either you hate them or you love them. Goethe. Schiller. Jane Austen. Dan Brown. J.K.Rowling. Günter Grass. Tolstoi. Ja, und dann natürlich: Shakespeare.

Zu Shakespeare fällt nun wirklich jedem etwas ein. Und wenn es nur Plattitüden sind.
Puh, schwere Kost! (passt nämlich nicht nur zu Tolstoi) Dichtergott! Shakespeare geht immer! Der war doch schwul! Alles eine große Lüge! Wortakrobat! Och nö! Wie alter Wein!

Und wetten dass: Wenn man 100 Leute zu Shakespeares besten Werken befragt, landet unter den Top 3 garantiert Hamlet.

Nicht schon wieder der! Doch! Schließlich ist er nicht nur Professors sondern auch Popkulturs Liebling. Kenneth Branagh, Mel Gibson, Ethan Hawke, Benedict Cumberbatch, Laurence Olivier. Alle Großen waren schon Hamlet.

Hamlet hautnah

Und was tut Ian McEwan? Er macht ihn ganz klein. Klitzeklein. So klein, dass er alleine nicht lebensfähig ist. Hamlet ist ein Fötus. Ungeboren im Bauch seiner Mutter. Und Erzähler von Nutshell.

Der Wahnsinn hat Methode, sage ich euch. So ein Konstrukt könnte natürlich total danebengehen. Eine moderne Hamlet-Version? Gab’s schon. Hamlet als Kind? Wenn’s unbedingt sein muss. Aber ungeboren, an der Nabelschnur hängend als Ich-Erzähler? Eigentlich zum Scheitern verurteilt.

Warum will man denn so etwas lesen? Ganz einfach: weil Ian McEwan es geschrieben hat.

Noch nie habe ich etwas so Gewagtes gelesen, das so gut war.

Das Elend des Ungeborenen

Klein-Hamlet ist witzig, ist frech und sagenhaft schlau – dank der Podcasts, die er bei Mama Trudy mithört. Das ist auch so ziemlich das Intelligenteste, was die Bald-Mutter tut. Ansonsten tut sie sich nämlich – milde ausgedrückt – nicht durch besondere Glanzleistungen hervor.

Sie säuft sich – und damit auch unseren Mini-Helden – mit Unmengen an erstklassigem Rot- und Weißwein ins Delirium. Essen ist eher nicht so ihr Ding. Höchstens hin und wieder mal eine Bestellung beim dänischen (!) Lieferdienst. Ja, und dann schmiedet sie mit ihrem Liebhaber auch noch einen Plan: ihren Mann zu ermorden. Besonders unschön wird dieser Plan durch die Tatsache, dass ihr Ehemann gleichzeitig auch der Bruder ihres Liebhabers Claude und der Vater von Hamlet ist.

Ob er nun will oder nicht, Hamlet ist stets live dabei. Beim Pläneschmieden, beim Sex in sämtlichen Stellungen, bei den verzweifelten Versuchen seines Vaters, die Mutter zurückzuerobern, beim Saufen, beim Lügen.

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Nur unternehmen kann er nichts. Fast nichts.

Jeder Satz ein Leuchten

Allein die bloße Figurenkonstellation macht den Roman gleichzeitig komisch und tragisch zugleich. Hamlets mal sachliche, mal bissige, zynische, mal traurige, mal irrsinnig witzige Kommentare sind sein schlagendes Herz. Was für eine wunderbare Erzählerfigur! Gleichzeitig so klug und so ungeheuer naiv. Dadurch steht er im krassen Gegensatz zu seinem ebenso verschlagenen wie unfassbar ungebildeten und gefühllosen Onkel, den er Stück für Stück vor unseren Augen zerpflückt.

Ja, und trotzdem ist auch McEwans Version eine Tragödie. Über die Abgründe der Menschen und die Vergänglichkeit der Liebe. Ich habe selten solch schöne Sätze über das Schwinden der Gefühle gelesen, über die Liebe, die nur noch als Erinnerung bleibt. Jeder Satz ein Leuchten. In Sepia.

Lovers arrive at their first kisses with scars as well as longings. They’re not always looking for advantage. Some need shelter, others press only for the hyperreality of ecstasy, for which they’ll tell outrageous lies or make irrational sacrifice. But they rarely ask themselves what they need or want. Memories are poor for past failures. Childhoods shine through adult skin, helpfully or not. So do the laws of inheritance that bind a personality. The lovers don’t know there’s no free will. I haven’t heard enough radio drama to know more than that, though pop songs have taught me that they don’t feel in December what they felt in May.

Das ist weise, einsichtig, melancholisch und ungeheuer komisch, wenn uns dieser Fötus etwas über die Psychologie der Liebe erzählt.

Auch seine bleibt unerwidert. Von der Mutter und vielleicht auch vom Vater ist er unerwünscht. Da bleibt nur der Selbstmord oder die Flucht in den Zynismus. Der Rest ist Schweigen.
Deshalb: Lesen!

Ian McEwan, Nutshell. Jonathan Cape, 2016. 14,95 Euro.
Ian McEwan, Nussschale. Diogenes, 2016. 22 Euro.

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