Imbolo Mbue: Das geträumte Land

Armes Amerika, reiches Amerika

Soll ich lachen oder soll ich weinen? Für alle, die Das geträumte Land lesen, wird diese Frage zum echten Problem werden. Und bei dieser Frage wird es nicht bleiben. Es werden viele andere, noch viel schwierigere dazu kommen. Versprochen!

Warum?

Zum einen, weil die Geschichte so tief in den Alltag und die Gefühle zweier Familien eindringt, dass man manchmal glaubt, sie vor sich zu sehen und nicht anders kann, als mitzufühlen, mitzuleiden und manchmal auch mitzujubeln.

Zum anderen, weil dieser Roman so erschreckend aktuell ist, dass einem vor lauter Brisanz immer wieder der Atem stockt. Ist das jetzt Fiktion oder ist das ein Porträt aus der Tageszeitung? Und ja, damit wären wir schon bei Frage Nummer 2.

Worum geht’s denn eigentlich?

Um den amerikanischen Traum. Ein Traum, den viele träumen, den sich manche erfüllen und der für viele, viele zu einer riesigen, zerplatzten Seifenblase wird. Um Amerika, um Einwanderung, um Politik, um Jobs. Kurz: um Geld.

Zwei Träumer stehen im Zentrum des Buches: das Ehepaar Jende und Neni Jonga. Sie kehren der Armut in Kamerun den Rücken und wollen es in Amerika, in New York, zu etwas bringen. Für sich und für ihre Kinder. Jende ergattert dank seines Cousins Winston, der es bereits zum erfolgreichen Anwalt gebracht hat, einen Job als Chauffeur bei einem führenden Investmentbanker. Neni will Apothekerin werden und investiert all ihre freie Zeit, die ihr neben Haushalt und ihrem Sohn Liomi bleibt, in ihre Ausbildung.

Wir Leser lernen aber nicht nur Freud und Leid der Jongas kennen. Auch das der Familie Edwards. Clark Edwards ist der Investmentbanker, den Jende Tag für Tag durch die Häuserschluchten New Yorks kutschiert. Er ist ein hohes Tier bei Lehman Brothers. Und ja: Wir befinden uns im Jahr 2008. Wir folgen Clark durch die beginnende Wirtschaftskrise, wir lernen seine komplizierte Frau Cindy und ihre zwei Söhne Vince und Mighty kennen, fahren mit ihnen in die Hamptons und blicken hinter die Fassade dieser scheinbar so perfekten Welt.

So wie Neni und Jende immer mehr ein Teil des Lebens der Edwards werden, werden wir es auch. Und stellen uns mit ihnen die Frage: Warum macht Geld nicht glücklich? Warum macht Geld so ängstlich? Und warum macht kein Geld genauso ängstlich?

Geld regiert die Welt

Das Geld regiert die Welt der Jongas und der Edwards. Aber die, die haben, und die, die nicht haben, teilen oft dieselben Ängste und dieselben Freuden. Sie zeigen sich nur anders. Imbolo Mbue lässt uns an beiden Gefühlswelten teilhaben und mit beiden Familien mitfühlen. Auch ein reicher Mensch ist ein Mensch. Mit Verletzungen, Leidenschaften, Schwächen und Stärken. Aber leider auch manchmal mit einem verzerrten Blick auf die Realität und einer großen Portion Zynismus.

„Das hat uns jetzt gerade noch gefehlt, was?“, sagte Cindy. „Kochen, putzen und Wäsche machen, während wir Geld verlieren und schlaflose Nächte haben. Ja geht’s noch?“ Die beiden Frauen lachten. „Aber es ist beängstigend, wie schlimm das Ganze noch werden kann“, sagte Cheri und klang ernster, nachdem ihr Lachen abgeebbt war. „Wenn die Leute schon anfangen, darüber zu reden, dass sie Economy fliegen und ihre Sommerhäuser verkaufen müssen…“

Darum blieb mein Herz auch an den Jongas hängen.

Weil sie einfach echter sind. Weil sie kämpfen und sich abstrampeln für den amerikanischen Traum. Weil sie ihr Leben leben und nicht nur verwalten. Weil sie träumen. Von diesem einen Tag, an dem sie es endlich geschafft haben. Und der sieht so aus:

„Dann lädt er uns in eins der Restaurants im Trump Hotel ein“, sagte Neni lachend, einen Löffel Misosuppe in der Hand. „Er wird Donald Trump höchstpersönlich einladen, uns ein Steak zu braten.“

Puh. Vielleicht klang das 2008 noch verlockend. Spätestens seitdem Trump Präsident ist, träumt wohl kein Einwanderer mehr diesen speziellen Traum. Gerade deshalb ist dieses Buch so wichtig. Und es kommt zum perfekten Zeitpunkt. Man wünscht, die amerikanische Regierung würde es lesen, dabei etwas fühlen, etwas verstehen und die richtigen Schlüsse ziehen. Man wünscht und man hofft. Und die Hoffnung stirbt zuletzt.

Auch bei den Jongas. Ob ihr amerikanischer Traum in Erfüllung geht oder sie zurück nach Kamerun müssen, verrate ich nicht. Findet’s selber raus! Ich wünsche mir, dass dieses Buch Millionen von Lesern erreicht, dass Worte etwas bewegen und manch ein reicher Mensch menschlich etwas reicher wird.

Imbolo Mbue. Das geträumte Land. Kiepenheuer und Witsch, 2017. 22,00 Euro.

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