Interview mit Belinda McKeon

„Ich bin am glücklichsten, wenn ich lesen und schreiben kann“

Ich freue mich so! Belinda McKeon, deren Debütroman Zärtlich ich vor zwei Wochen hier fleißig gelobhudelt habe, war so nett, sich mit mir über den großen Teich hinweg in ein paar E-Mails über ihren Roman, Irland, die Liebe zur Literatur und Leseempfehlungen zu unterhalten.

„Ich bewege mich in einer Zwischenwelt.“

Liebe Belinda, es gibt wohl kaum ein Land, das – obwohl es nicht besonders groß ist – so viele berühmte Autorinnen und Autoren hervorgebracht hat wie Irland. Wie ist Dein Verhältnis zu Deiner Heimat und wie beeinflusst es Dein eigenes Schreiben?

Ich habe Irland vor 11 Jahren verlassen, um in New York zu leben und ich glaube, das hilft mir zu verstehen, was nun typisch Irisch an mir ist und aus welchem sozialen und kulturellen Hintergrund ich komme. Ich denke, ein Emigrant zu sein bringt das ganz automatisch mit sich: Es ist, als ob vier Deiner Sinne ausgeschaltet werden – zumindest in Bezug auf Dein Heimatland – wodurch der fünfte Sinn geschärft wird und eine größere Bedeutung bekommt. Von Menschen, die keine Iren sind und auch komplett unirisch erzogen wurden, umgeben zu sein, macht mir viel bewusster, was „irisch sein“ eigentlich bedeutet. Ich bewege mich sozusagen in einer Zwischenwelt – ich bin immer noch Irin, aber gucke ständig darauf, was es eigentlich heißt, irisch zu sein, dass dies eine bestimmte Art zu leben ist und trage es quasi nicht nur unbewusst mit mir herum. Natürlich übertreibe ich das Ausmaß meiner Selbst-Einschätzung komplett und wahrscheinlich belüge ich mich oder schmeichle ich mir selbst, wenn ich behaupte, dass ich mehr weiß oder mir mehr darüber bewusst bin als andere – aber das ist wahrscheinlich auch wieder etwas typisch Irisches! Aber so empfinde ich es nun mal.
Wie das mein Schreiben beeinflusst hat? Nun, diese Zwischenwelt ist jetzt meine Art, die Welt zu sehen. Und das Irisch-Sein ist sozusagen mein Fundament. Immer, wenn ich mich also hinsetze, um zu schreiben, formen diese zwei Aspekte mein Denken, meine Worte und den Tonfall, in dem sie auf der Seite landen. Ich interessiere mich sehr für Subtexte, Halb-Ausgesprochenes und Verborgenes. Ich denke, das sind sehr irische Interessen oder es sagt zumindest viel über das irische Wesen aus. Mir gefällt es mittlerweile auch sehr, mit dem Motiv der Ausschweifung zu spielen. Das ist vermutlich meine Reaktion gegen das Irisch-Sein, mit dem ich aufgewachsen bin. Ich schreibe kaum über Amerika, obwohl ich das in Zukunft mehr tun will. Meine Geschichten sind immer noch hauptsächlich irische Geschichten. Aber ich fühle, dass sich da etwas verändert. Vielleicht war der letzte Teil von Zärtlich, der in New York spielt, ja ein Signal an mich selbst?

„Irland wird langsam offener.“

In Zärtlich geht es ja auch darum, was es heißt „anders“ zu sein. Anders – in Form von Homosexualität, Religion usw. Wie steht man heute in Irland zum Anderssein? Gibt es da Unterschiede zwischen Stadt und Land?

Der Fernsehmoderator (und heutzutage auch Romancier) Graham Norton, der schwul ist und der seit langem offen mit seiner Sexualität umgeht, hat einmal erzählt, dass er in seiner irischen Heimatstadt mit anhörte, wie dort eine Frau einer anderen erstaunt zuflüsterte: „Wusstest du, dass er auch noch Protestant ist?“ Es ist also eine Sache, als ortsansässiger Ire schwul zu sein, aber dann auch noch ein Protestant – in einem Ort, wo die überwältigende Mehrheit katholisch ist (und heterosexuell) – war wohl eine Portion Fremdartigkeit zu viel. Es ist eine witzige Anekdote, und natürlich ist sie schon wieder eine Weile her, aber sie zeigt hervorragend, wie man in Irland über das Anderssein denkt. Langsam verändern sich die Einstellungen, Irland wird zunehmend offener, aber es gibt noch viel zu tun – sowohl in den Städten wie auf dem Land. Letztes Jahr gab es ein Ehe-Referendum, das zeigte, dass die Kluft zwischen Stadt und Land gar nicht so groß ist, wie man immer dachte. Ein weiteres Referendum zur Abtreibungsfrage, sollte es denn kommen, wird ein weiterer Test für Irland, um zu zeigen, wie offen es Veränderungen und Gleichberechtigung gegenüber ist. Denn momentan sind Frauen, und besonders schwangere Frauen, rechtlich gesehen Bürger zweiter Klasse. Ihnen wird nicht nur die körperliche Selbstbestimmung verweigert, sondern auch eine sichere medizinische Versorgung in Bezug auf Verhütung und Schwangerschaft. Man sollte das wirklich nicht unter dem Begriff des „Andersseins“ diskutieren müssen, aber zu unserer Schande muss man das.

„Ich habe immer Angst, zu melodramatisch zu werden.“

Zärtlich ist ein Coming-of-Age-Roman, es erzählt vom Erwachsenwerden und von der Liebe. Wie war es für Dich, über Liebe zu schreiben, über große Gefühle und Besessenheit, ohne dabei zu kitschig zu werden? Glaubst Du, es ist eine Frage des Schreibstils und hattest Du jemals Angst, in den Kitsch abzudriften?

Das ist eine großartige Frage! Ja, das ist immer eine meiner Sorgen, und die Szenen von Zärtlich, in denen es in Bezug auf Besessenheit und Besitzgier wirklich zur Sache geht, waren unglaublich schwer zu schreiben. Und zwar genau deshalb: wegen der Gefahr zu melodramatisch zu werden – was, wie ich finde, sehr nah am Kitsch kratzt. Liebe, ob nun glücklich oder unglücklich, ist immer schwierig zu vermitteln, ohne in diese Sphäre abzurutschen – die Sphäre des Zu-Viel, des Erschaudern-Lassens, des Überspitzten. Für mich war es eine Herausforderung, diese natürlich melodramatischen, extremen Momente meiner beiden Charaktere zu porträtieren und  gleichzeitig das Geschriebene an sich, die Romanform und seine Erzählweise nicht vom Melodrama „verpesten“ zu lassen. Ich wollte, dass die Leser aufgrund von Catherines Erlebnissen erschaudern, aber nicht aufgrund meiner Worte. Es war wirklich ein Drahtseilakt. Jetzt muss der Leser entscheiden, ob ich erfolgreich war oder versagt habe. Ich habe beim Schreiben dieses Abschnitts jedenfalls eine Menge über Balance und Mut gelernt!

„Viele irische Autorinnen werden erst jetzt entdeckt.“

Ich habe selbst kurze Zeit in Irland studiert und dabei viele Romane über das Leben als Frau in Irland – etwa von Kate O’Brien und Edna O’Brien – gelesen. Hättest Du ein paar Empfehlungen für mich?

Oh ja, die zwei O’Briens sind tolle Schriftstellerinnen! Ich bin außerdem ein riesengroßer Fan von Elizabeth Bowen und – die ist noch ein Stück älter – Maria Edgeworth. Es gibt noch einige Autorinnen, die ich gerne lese. Leider kommt man nur schwer an ihre Werke, weil die meisten nicht mehr gedruckt werden – wie Mary Lavin oder Maeve Brennan. Früher fiel mir das beim Besuch einer Bibliothek oder Buchhandlung nicht auf. Zum Glück werden Verlage und Redakteure sich dieses „schwarzen Flecks“ in der irischen Literatur mehr und mehr bewusst. Dank der Arbeit von Leuten wie Sinéad Gleeson oder dem Verlag Tramp Press gewinnen die weiblichen literarischen Stimmen der Vergangenheit und der Gegenwart an Aufmerksamkeit. Was zeitgenössische Autorinnen angeht, gehören Claire Kilroy, Anne Enright, Elske Rahill und die neue Autorin Sally Rooney zu meinen Lieblingen.

„Als gäbe ich das Atmen auf“

Welche Rolle spielt das Lesen und Schreiben in Deinem Alltag? Welches von beiden könntest Du eher aufgeben?

Ganz ehrlich – weder das eine noch das andere. Es wäre, als gäbe ich das Atmen auf. Ich lese und schreibe, seit ich ein kleines Kind war. Allerdings schreibe ich nicht jeden Tag (zumindest nicht literarisch), daher ist das Schreiben nicht so sehr Teil meines Alltags wie das Lesen. Dennoch bin ich am glücklichsten, wenn ich in einer täglichen Routine lesen und auch schreiben kann.

„Es macht mich wütend.“

Hat ein Buch jemals Dein Leben „gerettet“ oder zumindest Dein Leben verändert?

Kate Zambrenos Heroines. Es hat mir die Augen geöffnet (und ich war damals schon über 30!), und zwar über die Art und Weise, mit der das Leben von Frauen in der Literatur des 20. Jahrhunderts, und auch danach, totgeschwiegen wird oder komplett fehlt. Für mich ist es ein hervorragendes und mutiges Buch, das aber auch sehr wütend macht.

„Eine brillante Fabel“

Gibt es einen Autor oder eine Autorin – gerne auch unterschätzt oder unbekannt – die Du uns empfehlen möchtest?

Between Dog and Wolf von Elske Rahill, der Debütroman einer irischen Schriftstellerin, die in Paris lebt. Eine provokative und originelle Perspektive auf Jugend, Ungewissheit und Aggression. Außerdem The Devil I Know von Claire Kilroy – eine gewagte und brillante Fabel über den irischen Wirtschafts-Boom und -Niedergang. Abgesehen von irischer Literatur hat mir in letzter Zeit Danielle Duttons Margaret the First am besten gefallen. Ein exzentrischer historischer Roman.

 

Bild: Allen MacWeeney

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.