Interview mit Berni Mayer

„Ein bisschen Grusel, ein bisschen Liebe – so ist das Leben“

Sein Roman Rosalie gehört zu den Büchern, die einen noch lange nach dem Lesen  verfolgen und im Kopf herumspuken (das ist wörtlich zu nehmen!). Weil das so ist, wollte ich ein paar meiner Kopfgespenster loswerden und habe mich mit Berni Mayer über das Schreiben, seine eigene Jugend in Niederbayern und den Sinn oder Unsinn von der Unterscheidung zwischen Stadt- und Dorfmensch unterhalten.

Lieber Berni, ich habe Deinen Roman Rosalie vor ein paar Wochen gelesen – restlos begeistert, wie man meiner Rezension entnehmen kann – und bin bei den Autoreninformationen über ein Paradoxon gestolpert. Da steht nämlich folgendes: „2012 bis 2014 erschien seine dreibändige Krimireihe um den arbeitslosen Musikjournalisten und Detektei-Erben Max Mandel. „Rosalie“ ist sein literarisches Debüt.“ Ja, was denn nun? Sind Krimis keine Literatur?

Erstmal tausend Dank für die sensitive Rezension.

Die Frage müsste man meinem Verlag stellen. Vermutlich wollte man da eine dem Marketing dienliche Zäsur setzen. Wenn man die Mandel-Krimis liest, stellt man aber hoffentlich fest, dass sie sich über das Hintertürchen Krimi ganz arg und listig in die Geschichte einer Freundschaft hineinstehlen, die ich persönlich nicht unliterarisch finde. Aber Kopfzerbrechen bereitet mir das Paradoxon nicht, so Eitelkeiten muss man an jeder Verlagstür abgeben, sonst kann man als unlektorierter und unvermarkteter Selbstpublizierer sein unillustres Dasein fristen.

Ein bisschen Krimi findet sich ja auch in Rosalie. Überhaupt spielt der Roman mit Schubladen: ein bisschen Grusel, ein bisschen Liebe, ein bisschen Coming-of-Age und ein bisschen Heimat. War das Absicht oder ist Dir das so passiert? Würdest Du Dein Buch in eine dieser Schubladen stecken wollen? In welche am ehesten?

Ich fand den Übergang vom Mandel zur Rosalie genau deshalb ganz sanft.

Ansonsten ist doch genau so das Leben: „Ein bisschen Grusel, ein bisschen Liebe.“

Überhaupt eine Etikettierung, die ich gerne annehme. Und eine eigene Schublade hab ich für mich selbst ganz am Anfang der Schreibarbeit schon geöffnet, indem ich dem Buch den Arbeitstitel Bavarian Gothic gab. Was jetzt auch irgendwie ganz schön angeberisch klingt.

Du bist ja in Niederbayern geboren und aufgewachsen. Ich behaupte mal, dass Du einiges von dem, was Du da schreibst, auch so kennst: Den „Kadaver-Gehorsam“ gegenüber der Kirche, die latente Gewalt, das Engstirnige, das Unter-den-Teppich-Kehren. Welches Hühnchen wolltest Du mit Deiner Heimat denn rupfen?

Gar keins. Im Gegenteil. Der Schrecken verdeutlicht ja meist auch das Schöne, die Kontraste. Hühnchen hab ich – wenn überhaupt – damit gerupft, dass ich irgendwann weggegangen bin und wahrscheinlich nicht mehr wiederkomme. Aber als Anhänger buddhistischer Philosophien versuche ich mich sowieso von jeder Art revanchistischem Gedankenmaterial frei zu machen.

Kann man ein Buch wie Rosalie – so einen Anti-Heimatroman – nur schreiben, wenn man diesem Ort, der mal Zuhause war, entkommen ist?

Nein, glaub ich nicht. Kann man auch wenn man aufgerieben und abgeliebt noch mitten drin sitzt. Dann ist der Sound halt anders. Jeder arbeitet den Heimatkomplex anders weg. Wahrscheinlich gibt’s eine Menge Weggezogene, die verarbeiten gar nix. Hauen sich als Student um die Häuser, kriegen Kinder, gehen wieder heim in die Provinz und ihnen ist relativ wenig Allegorisches in der Zeit zwischen Weggang und Wiederkehr aufgefallen.

Heimat – was ist das für Dich? Eher Sehnsuchts- oder eher Schreckensort?

Beides. Wobei ich statt Schrecken eher Abschrecken sagen würde. Ich drifte aus Alterssentimentalität aber gefährlich nahe in einen Sehnsuchtsüberhang. Da hilft dann nur ein Besuch vor Ort, um wieder zu Verstand zu kommen.

Ich wohne in Freising, also nicht allzu weit entfernt vom Setting in Rosalie. Mein Wohnort taucht am Rande des Romans sogar hin und wieder auf. Der Landmaschinen-Hersteller im Buch mag zwar anders heißen, aber den gab’s in Freising tatsächlich. Wie viel von diesen strukturellen Säulen des Buchs ist Dichtung, wie viel ist Wahrheit?

Das ist ja immer ein Buffet aus Lebenserfahrung, Google Maps, echter Recherche, Halbwahrheiten und ganz unverschämten Lügen. Da bediene ich mich ganz frei und situativ, meist nach der Maxime, was besser zur Handlung passt, aber oft auch nur aus ganz oberflächlichen ästhetischen Gründen. Zum Beispiel, welcher Ortsname mir besser taugt.

Praam ist z.B. ein schöner Name, Hintergraßlfing ein viel zu albernes Kompositum, wenn auch real.

Dein Roman spielt vorwiegend 1986 – 30 Jahre sind vergangen. Wie hat sich das fiktive Praam an der Schwarzen Laaber seitdem wohl verändert? Deinen Protagonisten Konstantin packt ja nach all der Zeit trotzdem noch die Wut. Dich auch? Vergeht die Zeit in der Provinz einfach langsamer?

Es gibt dort jetzt Internet. Und Smartphones. Und Smoothies.

Mich packt gar keine Wut. Und wenn es eine gegeben hätte, dann hab ich die dem Konstantin zugeschrieben. Aber noch nicht einmal da bin ich sicher. Ich fühle mich eigentlich ziemlich im Reinen mit meiner Heimat und Vergangenheit. Blödsinn macht jeder und ich persönlich war nie in einem so gravierenden moralischen Zwiespalt, wie die Leut, die Nazi-Verbrechen verdrängt haben. Ich möchte zwar annehmen, ich hätte mich stets rechtschaffen und aufrichtig verhalten, aber das bleibt wohl für immer eine Hypothese.

Die Zeit vergeht genau so schnell wie woanders auch – die Leute werden alt und sterben und wundern sich, wie die Zeit so schnell vergangen ist. Nur wir Hybris-anfälligen weggezogenen Großstädter unterstellen wie im Reflex sofort Stillstand, wenn mal ein Bauer seinen Bulldog auch nach 30 Jahren noch aufs selbe Feld fährt.

Du lebst heute in Berlin. Kennst also die Stadt und das Land. War es nun Segen oder Fluch, in einem niederbayerischen Dorf aufgewachsen zu sein? Was unterscheidet den Stadtmenschen vom Dorfmenschen?

Segen, sonst wär ich ja nicht ich beziehungsweise gar nicht vorhanden. Und ich bin gerne vorhanden, zumindest die meiste Zeit. Ob auch alle anderen da zustimmen würden, wage ich zu bezweifeln. Ich bin ja mit einer Stadtmenschin verheiratet, aber ich merke da nicht so viel Unterschied wie ich immer gedacht habe.

Vielleicht ist der Stadtmensch an sich nicht so von Kirche und Katholizismus verhärmt, aber dann wiederum werden die Leute auch in Städten von pädagogisch Ungeschickten eingepeitscht, da will ich mich also gar nicht festlegen, was Gewissensformung und Moralzwang angeht.

Zudem halte ich nichts von solchen Pauschalurteilen, weil sie in einer Zeit Fronten verschärfen, in der Fronten aufgeweicht gehören. Distinktionsgewinn und der Vergleich überhaupt sind eine Ursünde.

Kann nur einer wie Konstantin auf dem Dorf nicht glücklich werden oder kann keiner auf dem Dorf glücklich werden?

Jeder kann auf dem Dorf glücklich werden und wiederum auch keiner. Das hängt eher von der Fähigkeit an sich ab, glücklich zu werden. Die nicht viele Leute besitzen. Und auch nicht müssen.

Den ein oder anderen schönen Moment in der Woche haben, ist doch eh schon ein Traum.

Was den Konstantin betrifft: da soll sich jeder selbst ein Bild machen. Ich als sein Mäzen glaube, er hat’s an sich nicht so mit der Zufriedenheit. Aber ich kann natürlich auch nicht in ihn hineinschauen. Kleiner Scherz, sorry.

Welche Rolle spielt das Schreiben und das Lesen in Deinem Leben? Auf was könntest Du eher verzichten?

Auf das Lesen, wenn ich müsste. Aber da könnte man mich ja auch fragen, ob ich auf Essen oder Trinken verzichten möchte.

Gibt’s für Dich „DAS eine Buch“, das Dein Leben besonders geprägt oder verändert hat?

Nein, da gibt’s mehrere. Und ich trenne auch nicht zwischen Buch, Film, Comic, Serie, Theaterstück oder einer Geschichte, die mir jemand mündlich erzählt, wie zum Beispiel in einem Stand-Up oder von einem Kabarettisten. Was mich packt, packt mich. Aber ich weiß schon, was ihr wissen wollt – was ich für Bücher leiwand finde. 
Ein paar aus dem Kopf:

Great Expectations von Charles Dickens
Krabat von Ottfried Preußler
Auslöschung von Thomas Bernhard
Geschichte eines Deutschen von Sebastian Haffner

Mehr fällt mir grade auch nicht ein, zumal ich hauptsächlich Sachbücher lese.

Danke für die Buchtipps! Eine tolle Auswahl. Gibt’s einen Autor, den Du für unterschätzt hältst oder dem Du mehr Leser wünschst?

Also, mehr Leser wünsch ich mir selbst und unterschätzt finde ich mich auch.

Ansonsten empfehle ich, mehr Sebastian Haffner zu lesen und wenn’s nur ist, damit wir merken, was wir in jedem Jahrhundert und Jahrzehnt für selbstsüchtige Arschgeigen sind, die dauerhaft am Abgrund der Dummheit entlang stolpern.

Dazu sage ich: ja und ja. Ein wahres Schlusswort! Vielen Dank für das wunderbare Gespräch, lieber Berni.

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