Interview mit Felix Lobrecht

Labern mit Lobrecht

Felix Lobrecht, Comedian und Buchautor von Sonne und Beton, ist gut beschäftigt auf der Leipziger Buchmesse 2017. Es braucht im Vorfeld mehrere Anläufe, bis das mit dem Interview-Termin klappt. Wir haben uns dann in der Lobby des Marriott-Hotels in Bahnhofsnähe getroffen. Ein bisschen Marmor, Gepäckwagen im Goldgewand, Menschen in feinstem Zwirn und wir beide in den cappuccinofarbenen Lederlounge-Sesseln der Lobby. Ich freue mich sehr, dass dieser Termin zustande gekommen ist, denn Sonne und Beton ist ein in vielerlei Hinsicht grandioses Buch. Worum es in diesem Buch geht und warum es so gut ist, erfahrt ihr hier: Sonne und Beton

Felix, der 16-jährige Protagonist deines Romans Lukas, lebt, wie du einst in der Gropiusstadt im Berliner Stadtteil Neukölln. Die meiste Zeit über hängt er mit seinen Freunden rum. Wieviel Lukas steckt in Felix und wieviel Felix steckt in Lukas?

Felix: Also das ist kein autobiografisches Buch, obwohl es natürlich autobiografische Züge hat. Aber ich bin nicht Lukas und Lukas ist nicht Felix. Es gibt viele Sachen, die wir gemeinsam haben, aber mindestens genau so viele Sachen, die uns unterscheiden.

Wie ist das mit den anderen Figuren. Gibt es da reale Vorbilder?

Felix: Es gibt zum Beispiel Prototypen. Die Araber, die im Park Drogen verchecken, sind Prototypen, da gibt`s jetzt keine konkrete Person aus dem wahren Leben, die sich hinter denen verbirgt. Das Buch kreist ja hauptsächlich um Lukas, Gino, Julius und Sanchez. In jedem der vier steckt schon auch immer was von mir. Aber eben nicht nur. In Sanchez ist viel von zwei unterschiedlichen Freunden von mir. Und in Julius steckt viel von einem Typen, den ich von früher her kannte und den ich echt nicht mochte. Ich mag aber Julius.

Julius scheint aber nicht der Hellste der Truppe zu sein, was ja sogar ab und an gefährlich wird, oder siehst du das anders?

Felix: Ja, nee… Julius ist zwar ein kopfloser Typ, ein Trottel, ein Idiot. Aber er ist trotzdem lieb und empathisch. Julius ist echt ein guter Kerl, er kümmert sich zum Beispiel sehr um Gino (Anm. d. Red.: Gino wird regelmäßig von seinem Alkoholiker-Vater verdroschen). Wie gesagt, ich mag ihn. Julius is in Ordnung.

Wie ist das mit dem Vater von Lukas und seinem Bruder Marco? Will er nicht sehen, was bei seinen Söhnen so passiert oder sieht er es einfach nicht, vielleicht weil er älter ist? Es geht ja ordentlich zur Sache auf der Straße, in der Schule, eigentlich überall.

Felix: Es ist vielleicht beides irgendwie. Das Nicht-Verstehen und das Nicht-Sehen-Wollen. Aber ich würde das mit dem Vater nicht überbewerten, nicht mehr draus machen, als es ist. Das ist ein ganz normaler Vater-Sohn-Konflikt, wie es ihn in jeder Generation gibt. Die Themen dieser Konflikte variieren zwar je nachdem wo man lebt und aufwächst, aber Stress zwischen Vätern und Söhnen gibt es, denke ich, überall.

Für mich mit das Bemerkenswerteste an ,Sonne und Beton’ ist die Konsequenz mit der du diese Sprache durchziehst. Wie nennt man die? Die Sprache einer Subkultur? Ghetto-Sprache?

Felix: Slang. Das is Slang.

Ah, so einfach?!

Felix: Ja klar. Slang.

Ok. Slang. Dieser Slang ist sowas von politisch unkorrekt. War es schwer, die Sprache in dieser Intensität beim Verlag durchzubringen?

Felix: Nie. Zu keinem Zeitpunkt. Nein.

Ich kann ja auch kein Buch über Jugendliche in der Gropiusstadt schreiben, ohne deren Sprache zu benutzen. Mein Vater meinte auch, ich soll das nicht so krass formulieren. Aber ey, so haben wir geredet früher.“

Was soll ich machen. Ich würde sogar jedem, der mal ein Buch schreibt, das in dieser Gegend oder in dem Milieu spielt, ans Herz legen, die Sprache beizubehalten. Nur so isses echt.

Und das mit der politischen Unkorrektheit?

Felix: Das ist das Gleiche. Mir ist natürlich vollkommen klar, dass das Buch politisch unkorrekt ist. Die Sprache ist mal sexistisch, mal schwulenfeindlich, sie ist rassistisch und eben politisch nicht korrekt. Aber auch da gilt: Was soll ich machen, die Leute da reden so. Und perfektes Hochdeutsch gibt’s in Gegenden mit viel Migrationshintergrund eben auch nicht. Ich wollte über etwas schreiben, bei dem ich mich auskenne, in das ich mich hineinversetzen kann. Deswegen spielen auch Frauen oder Mädchen kaum eine Rolle. Außer halt in so Fick-Kommentaren. Ich hatte halt keinen Bock, mich in ein 15-jähriges Mädchen hineinzuversetzen. Damit kenn ich mich nicht aus. Und ich wollte ja auch keine Liebesgeschichte schreiben. Ich lass das weg, wo ich mich nicht auskenne, aber ich erfinde dafür ja auch nichts dazu. Es gibt ja keine Knarren oder sowas im Buch.

Aber Security an der Schule. Ist das auch echt?

Felix: Ja, das ist echt. Das war damals eine Folge dessen, was an der Rütli-Schule war. Bei allen Schulen im Bezirk unter Gymnasium gab`s dann Security.

Nicht am Gymnasium?

Felix: Nein. Nicht am Gymnasium.

Das ist auch schon diskriminierend.

Felix: (lächelt und nickt)

Was das Buch neben dem Slang so authentisch macht, ist die Tatsache, dass du „nur“ erzählst und weder den Zeigefinger erhebst und anmahnst noch Lösungsvorschläge referierst. Hoffst du trotzdem, dass dein Buch etwas ändert?

Felix: Ich will mit diesem Buch weder die Welt retten noch will ich den Erklärbären spielen.

Ich hasse diese Erklärbären! Und ich glaube an den mündigen Leser.“

Und ich habe auch nicht das Gefühl, dass ich jemandem etwas schuldig bin mit diesem Buch. ,Sonne und Beton’ ist ein Stück meines Lebens. Es ist verfremdet und bearbeitet. Es zu schreiben war geil. Leute, die es lesen, die sich mit dem Milieu nicht auskennen, können erfahren was es so alles gibt. Gedanken können sie sich dann aber selber machen.

Wie wichtig ist es dir, dass auch Leute dein Buch lesen, die maximal weit von diesem Setting entfernt sind, denen von Geburt an die Sonne aus dem Arsch scheint?

Felix: Wer`s liest, ist mir eigentlich egal. Das Buch behandelt aber viele Themen und ich glaube da ist für alle Schichten was dabei. Aber ich mach mir nichts vor. Der typische Felix Lobrecht-Fan ist zwischen 18 und 30, weiß, deutsch, männlich, Mittelstand (Anm. d. Red.: wir glauben die Fan-Base wird sich mit diesem Buch merklich vergrößern. Außerdem hat der Autor hier die Girls vergessen). Und was die Leute, denen, wie du sagst, die Sonne aus dem Arsch scheint, angeht, kann ich nur sagen, ich fänd`s gut, wenn man sich seiner eigenen Privilegiertheit wenigstens bewusst ist.

Ich will, dass keiner Sorgen hat, jeder soll sein Ding machen. Aber ich mag keine Leute, die sich etwas auf Sachen einbilden, für die sie einfach nichts können, weil die halt einfach da sind.“

Ich bin ja als Biodeutscher auch in gewisser Weise privilegiert. Ich habe absolute Vorteile gegenüber den anderen Nicht-Biodeutschen. Das weiß ich, aber da bild ich mir natürlich nichts drauf ein.

Ist es dir wirklich egal, wer dein Buch liest? ,Sonne und Beton‘ als Schullektüre würde doch Sinn machen. Ich fände das sogar an bayerischen Gymnasien ganz geil.

Felix: Ja klar, das stimmt. Das Buch als deutschlandweite Schullektüre wäre schon geil. Dann aber nicht in der Oberstufe, Klasse zwölf und so, sondern in den achten, neunten Klassen. Eben da, wo’s Sinn macht. Aber mal ganz ehrlich, da müssen schon noch mindestens zwei Generationen an Lehrern wegsterben, bevor das passiert (Anm. d. Red.: glaub ich nicht!, kommt bestimmt schneller).

Von der Schullektüre zum Film. Wenn das Buch verfilmt würde, könntest du dann Lukas’ großen Bruder Marco spielen? Den alle bewundern und der`s irgendwie geschafft hat?

Felix: (grinst breiiiiiit) Voll gern! Ich würd voll gern den Marco spielen. Marco is geil. Der ist einfach nur geil. Das wäre auch die einzige Figur, die vom Alter her funktionieren würde, das Buch spielt ja so vor zehn/zwölf Jahren. Aber ja, den Marco würde ich gern spielen. Ich fänd´s auch geil, wenn das Buch in andere Sprachen übersetzt würde. Aber das ist mit dem Slang glaub ich schwer zu machen. Weiss nicht, wie das funktionieren sollte.

Ja, aber Englisch müsste doch gehen?

Felix: Weiß nicht.

Und wenn du selber nochmal drüber schaust über die englische Fassung?

Felix: Ja, nee, weiß nicht. Und das ist ja nur Englisch. Schon im französischen Street-Slang kenn ich mich nicht mehr so gut aus. Und die Sprache im Buch folgt ja auch einer ganz bestimmten Logik.

Dieses Deutsch ist krumm und schief, aber eben logisch.“

Kannst du das erklären?

Felix: Der Slang, wie er z.B. in Neukölln gesprochen wird, hat sich ja unter anderem auch aus ausländischen Sprachen entwickelt. Ich hab Erasmus in Istanbul gemacht. Vorher hab ich ein Semester Türkisch belegt. Ich wollte nicht ganz ohne Sprache dahin. Ich hab aber eher nix gelernt, außer Schimpfwörter. Aber im Türkischen gibt`s z.B. keine Artikel. Also sind so Sätze wie „Ich geh Schule“ voll logisch. Und das war jetzt nur ein türkisches Beispiel. Da gibt’s dann noch Einflüsse aus dem Spanischen und so weiter.

Du bist weggezogen aus Neukölln. Warum? Und kommst du zurück?

Felix: Das hatte geografische Gründe. Da war halt nix los und ich hatte Bock auf Bars und Clubs und ich wollte ausziehen. Ganz normal alles. So wie´s bei dir vielleicht ja auch war. Später bin ich zum Studieren nach Marburg. Ich wollt sogar mal wieder zurückkommen nach Neukölln, konnte mir aber die Miete nicht leisten. Voll irre, was das heute teilweise kostet.

Ja, die Hipster erobern so manchen Stadtteil in so mancher Stadt. Ich habe auch gehört, dass es heute gar nicht mehr schlimm sein soll in Neukölln. Viele Hipster und so. Kannst du das bestätigen?

Felix: Ich schreibe ja über die Gropiusstadt. Da geht`s um vier, fünf Straßen. Die werden niemals hip sein.

Und auch die Hermannstraße in Neukölln, die wird auch nie hip sein. Da ändern auch fünf nette Cafés und eine Galerie nichts dran.“

Die Probleme treten hier einfach in einer zu massiven Geballtheit auf. Isso!

Du bringst diese Geballtheit auch als Stand-Up-Comedian in deinem Programm ,kenn ick‘ auf die Bühne. Wie unterscheiden sich deine Lesungen von deinen Comedy-Auftritten?

Felix: Ich trenne das nicht. Comedy ist für mich einfach der Shit. Deshalb ist das bei den Lesungen auch fünfzig Prozent Vorlesen und fünfzig Prozent Comedy.

Aber dein Comedy-Programm ist voll witzig und das Buch ist kein witziges Buch. Oder seh ich das falsch?

Felix: Im Buch geht`s um dasselbe Thema wie in meiner Comedy. Auch die Perspektive, aus der erzählt wird, ist ja dieselbe. Meine. Nur das Erzählinstrument ist was anderes. Und ja, es ist jetzt kein lustiges Buch. Aber es gibt doch sehr viel Wortwitz. Und der ist eben echt witzig.

Wie schaut`s mit einer Fortsetzung des Buches aus? Kann man da hoffen?

Felix: (grinst breiiiiiiiit) Die Fortsetzung ist in meinem Kopf. Also in der Fortsetzung will Lukas…

Ups, die Interviewzeit ist hier leider zu Ende.

Lieber Felix, vielen Dank für das Gespräch!

Mehr zu Felix Lobrecht und seinen Comedy- und Leseterminen gibt`s hier: www.felixlobrecht.de

Buchtipp:
Felix Lobrecht: Sonne und Beton, 224 Seiten, 18 Euro. Ullstein Buchverlag, 2017.

2 thoughts on “Interview mit Felix Lobrecht

  1. Katrin

    Liebe Klappentexter,
    geiles Buch, geile Rezension, geiles Interview!
    Ich hab das Buch in zwei Tagen eingesogen! Mich hat es sehr an Herrendorfers „Tschick“ erinnert (das ja mittlerweile Standartschullektüre ist) und ich werde Sonne und Beton definitv mit SchülerInnen lesen, sobald ich wieder eine 9.Klasse habe. Da ist im Übrigen Jugendsprache im Lehrplan und ich wette, dass sich bald Ausschnitte in Lehrbüchern finden. Felix Lobrecht wird sich noch wundern. 🙂
    Kann man nur hoffen, dass es durchdidaktisiert nicht seinen Charme verliert.
    Katrin, die Deutschlehrerin

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