Interview mit Feridun Zaimoglu

„Ich kann nur schreiben, wofür ich brenne“

Wir schreiben das Jahr 2008, es ist Sommer in Berlin. Ich – zu der Zeit mittendrin im Literaturwissenschaftsstudium – besuche mit einer Freundin die Hauptstadt und wühle in meinem Kopf gerade fieberhaft nach einem Thema für meine Magisterarbeit. Wir schlendern durch Mitte und plötzlich bleibe ich wie angewurzelt stehen. Ich habe jemanden gesehen. Dort, ein paar Meter entfernt, sitzt Feridun Zaimoglu in einem Straßencafé. Lesend. Ich habe mich nicht getraut, ihn anzusprechen. Umso schöner, dass ich nun – fast zehn Jahre später und mehr Literaturliebende denn je – mit ihm sprechen kann, und zwar über seinen aktuellen Roman Evangelio, der gerade bei Kiepenheuer und Witsch erschienen ist.

Lieber Herr Zaimoglu, ich starte gleich mal mit der Gretchenfrage: Wie halten Sie’s mit der Religion? Würden Sie sich als gläubigen Menschen bezeichnen?

Ja, ich glaube an einen Gott.

Ich glaube, dass all jene, die Gottes Tod ausgerufen haben, selber tot sind.

Und natürlich ist es sehr einfach, darauf hinzuweisen, dass das nichts anderes ist als die sublimierte Angst vor dem Tod. Natürlich gibt es viele verschiedene Ansätze; ich kenne sie, weiß aber auch, dass man dem Ganzen nicht mit Worten beikommen kann.

Ich glaube an Gott, ich glaube an Gut und Böse, ich glaube, dass das Seelenlicht nach dem Tod nicht verlischt. Es gibt einen Fortbestand, ja, daran glaube ich. Aber Religion ist meine Sache nicht.

Verstehe ich Sie richtig: Sie glauben an eine höhere Kraft, etwas Magisches, möchten sich aber keiner speziellen Religion zuordnen?

Nein, ich würde mich als Moslem bezeichnen, ich würde schon von dem einen Gott sprechen, von dem einen schönen Gott. Aber ich habe meine Probleme mit den Hohepriestern, mit den Priestern in allen Religionen, ob monotheistisch oder polytheistisch, auch mit den Religionsführern. Damit möchte ich nicht in Verbindung kommen, das gefällt mir nicht.

Ja, das verstehe ich gut. Um jetzt den Sprung zu Ihrem Roman Evangelio zu nehmen: Warum ein Buch über Luther? Was hat Sie an Luther interessiert?

Ganz einfach: Sprache und Glaube. Er wird verharmlosend als Reformator bezeichnet. Das klingt wie einer, der einen Schnitt gemacht hat und der sich in Unterschied gesetzt hat, abgekoppelt hat von dem Gebräuchlichen; aber er hat natürlich viel mehr geleistet. Ich mag diese brausenden, glühenden Worte. Ich bin immer der Meinung gewesen, dass das Deutsche viel mehr hermacht als das, was wir da und dort lesen. Ich bin nämlich ein normaler Leser, ein Vielleser sogar und ich liebe Grimmelshausen, ich liebe Luther als einen Sprachgewaltigen, einen Wortgewaltigen.

Ich mag ihn auch, weil er einer von den Gelehrten ist, die mit ihrem Latein am Ende waren und hinausgegangen sind aus der Gelehrtenkammer.

Mit dem Latein am Ende sein – das trifft die Luther-Thematik sehr gut, gerade in Bezug auf seine Bibel-Übersetzung. Überhaupt kommt ja ihr Luther sehr gewaltig daher: sehr wortgewaltig, aber auch sehr wüst. Er ist keine Figur, die man sofort ins Herz schließt, er ist nicht der klassische Sympathieträger. Wie haben Sie sich denn diesem Charakter genähert, wie haben Sie sich ihn erschlossen?

Ich bin bekannt als ein Schriftsteller der harten Recherche. Natürlich habe ich die Quellen, die zugänglich sind, studiert. Ich habe mich in die Materie vertieft. Ich habe die Bibel in seiner Übersetzung oft gelesen, ich habe seine Sendbriefe und viele Bücher, die erhalten sind, von ihm gelesen. So stieß ich auf einen, der – wie es ja viele Leute heute annehmen – nicht aus zwei Anteilen besteht, der nicht das Widerwärtige und das Prächtige in sich vereinigt.

Wir leben heute in einer Zeit, in der vieles nivelliert wird, einer Zeit, in der man Größe geradezu nicht duldet. Ich habe in ihm beim Studieren, aber auch bei der Lektüre seiner Schriften wirklich einen großen Deutschen entdeckt, der nicht aufgehört hat, zu kämpfen. Es ist richtig, wenn man darauf hinweist, dass er Feinde markierte, um sie wüst zu beschimpfen. Aber er ist ein rabiater und ruppiger Mann gewesen. Wir harmonisieren heute, man versucht heute, ein Psychogramm zu erstellen, um einer Person nahe zu kommen. Was ist damit gemeint? Ich weiß es nicht.

Ich wollte ihn nicht im Sinne eines mittelalterlichen Marktspektakels darstellen, sondern ihn hineinsetzen in die brutale, gewaltige Welt, in die er gesetzt wurde.

Natürlich hat man damals wüst geschimpft und natürlich hat man Gewalt angedroht und natürlich war man aufbrausend und natürlich gab es Tod und Teufel und Pestilenz.

Also, wenn wir schon sagen, so einer stieß auf den Erlösungsgedanken, dann müssen wir es uns auch nicht leichtmachen und sagen, er hat sich da auf der Wartburg gelangweilt und kam dann auf die Idee, die Bibel zu übersetzen. Mir geht es in dem Buch um seine inneren Kämpfe – ich will da nichts vereinfachen – er ist kein Harmoniehäschen. Er würde mir – einem Moslem – auf’s Haupt speien. (lacht laut) Wollen Sie Kekse? Bedienen Sie sich!

(Ich lache). Nein, vielen Dank. Sie wollen den Menschen Luther als Ganzes sehen. Das fällt mir auch im Buch immer wieder auf, dass uns da keine Ikone auf dem Sockel begegnet, sondern ein Mensch mit Fehlern, der aber Großes geleistet hat. Ein Mensch wie du und ich sozusagen.

Fleisch und Blut – das ist es.

Ja, genau.

Im Glauben spricht man von Fleisch und Blut. Er spricht von der Fleischwerdung des Worts. Man kann in diesem Sinne auch sagen: Er setzte sich aus, er wurde von der Welt verätzt, er wurde von dem Glauben verätzt und hat erst versehrt und verstört, erst nach Kämpfen zum Wort gefunden. Das Wort war in einem verätzten Fleisch.

Es ist sehr einfach, Geschichten zu schreiben mit Anfang, mit Ende, mit Höhepunkt. Natürlich war er keine Lichtgestalt und auch keiner, bei dem man alle Schlechtigkeiten der Welt ablädt. Das geht nicht. Ja, ich wollte ihn in seiner Gänze darstellen, aber auch das: Das Wort schneidet ein ins Fleisch. Diese Geschichte wollte ich aufschreiben.

Auf das Wort zielt auch meine nächste Frage ab. Evangelio ist in einer ganz bestimmten Sprache geschrieben. Kaum einer schreibt ja, wie er redet. Wie haben Sie sich die gesprochene Sprache des Romans erarbeitet?

Auch für mich gilt: Schreiben ist keine Fleißarbeit, ich muss mich aussetzen. Es ist für mich – nicht nur in den Monaten der Recherche – eine große körperliche Anstrengung.

Ich nehme ab, ich träume schlecht, ich schlafe schlecht. Ich mache keine Spaziergänge, ich mache Gewaltmärsche. Ich wache manche Nächte.

Es ist ja von Teufelsvisionen die Rede in diesem Buch. Ich bin da einer, der diese Bilder nicht zum Verlöschen bringen kann. Also, muss man sich da einen Schreiber vorstellen, einen halb irren Schreiber, der das, worüber er schreibt, nicht von sich scheiden möchte – zumindest in dieser ersten Zeit der Recherche. Und dann nach vielen, vielen Monaten, eingestimmt auf den Tod nach dieser ersten Anstrengung, klappt es meist, sich nüchtern hinzusetzen und jeden Tag so und so viele Seiten zu schreiben und dabei kalten Blutes und kalten Sinnes zu sein. Erst kommt die Überhitzung, die Erschöpfung, der Krampf bis an die Grenzen meiner Belastbarkeit und nur über mein beanspruchtes Fleisch kann ich zum Wort finden.

Feridun Zaimoglu bei unserem Interview auf der Leipziger Buchmesse

Also steckt da auch ein Teil von Ihnen in diesem Luther?

Ich glaube, ich überwinde mich, ich überwinde mich bei jedem Buch. Ich möchte meine banale Existenz nicht ins Spiel bringen. Denn ich glaube, dass diese erste Zeit auch der Versuch ist, wegzukommen von mir, von meinen Ansichten und Absichten. Natürlich habe ich das Buch geschrieben, natürlich hat es insofern mit mir zu tun, aber ich habe mich bemüht, nicht von mir zu ihm zu gelangen, sondern nur über Selbstzerstörung. Das klingt dramatisch, ist aber auch so.

Aber Sie können diese Gefühlslage, in der Luther sich auf dieser Burg befindet – wie er mit sich selbst kämpft und leidet und dann dennoch die Bibel-Übersetzung in dieser Geschwindigkeit vollbringt – doch sehr gut nachvollziehen, sozusagen am eigenen Leib?

Sie haben recht. Deshalb habe ich mich auch entschieden, dieses Buch zu schreiben. Es war mir klar: Ich brenne dafür und ich verstehe das. Wenn es heißt, er hat die Vulgata (Anmerkung d. Red.: die seit der Spätantike verbreitete, lateinische Bibelübersetzung) verdolmetscht, dann sind das für mich nicht Worte, sondern in jedem Sinne eine Übersetzung. Vieles verdampft, vieles wird entstellt, aber der Sinn wird erhalten. Ich kann auch viel anfangen mit dem Erlösungsgedanken. Die Erlösung bekommt man nicht zum Spottpreis. Das sieht man an ihm und das ist auch für mich selbstverständlich.

Sie können nichts schreiben, wofür Sie nicht brennen?

Es ist wirklich so. Ich weiß, es sind sehr kitschige Worte, sehr dramatische Worte. Viele geschätzte Kolleginnen und Kollegen, die herrliche Bücher schreiben, setzen sich dem nicht aus, aber nur so kann ich schreiben. Ja, nur so.

In ihrem Buch steckt ja außerdem ein immenses Detailwissen. Haben Sie sich dieses allein durch Lesen erschlossen? Haben Sie die Orte besucht, an denen Luther gelebt hat?

All das, genau. Ich habe versäumt, zu erzählen, dass ich mich seit 38 Jahren mit dem Christentum befasse. Wenn wir also von der Vorbereitung sprechen, dann muss ich diese 38 Jahre auch ins Spiel bringen. Ich wusste bereits um einige Details, kannte die Lehre und das Mittelalter. Aber als ich dann einstieg, habe ich tatsächlich über das Mittelalter, auch Detailwissen, um historische Fehler zu vermeiden, recherchiert: Wie waren die Frauen und Männer angezogen, das war ja von Stand zu Stand verschieden, was hat man gegessen, wie sah die Landschaft aus, wie war das Wetter, was heißt es überhaupt, in einer windumbrausten Feste zu leben? Hat das noch etwas mit Burgromantik zu tun? Natürlich nichts. Wie sah das mit dem Glauben und Aberglauben in Thüringen aus? Das ist ja regional verschieden. Ich habe also monatelange exzessive Studien betrieben. Ich bin dabei fast verrückt geworden. (lacht)

Es ist ja tatsächlich so: Im Roman lauert der Satan hinter jeder Ecke und zwischen jedem Spalt. So entsteht ein sehr düsteres Bild. Glauben Sie, diese Welt war im Alltag eine düsterere Welt als unsere heutige? Eine weniger aufgeklärte und dadurch angsteinflössendere Welt?

Ich bin sehr froh, dass ich heute leben kann. Es war düster, man war ungeschützt. Man war vielen Gewalten ausgesetzt. Es ist sehr leicht, das aus der eigenen Heutigkeit heraus zu verwerfen. Wenn vom Satan als dem „alten Feind“ die Rede ist, dann steckt da ja was darin. Wir sind umzingelt von ihm, der uns versucht, er ist unser Feind.

Aus den Finsternissen wispert es und raunt es, nie sind wir geschützt. Wann fallen wir, wann bricht der Himmel ein? Das Weltende – das war ja der feste Glaube der Menschen.

Das steckt auch im Erzähler des Romans, dem Burkhard. Warum erzählen Sie ihn aus seiner Perspektive? Warum ein Charakter, der charakterlich und religiös so ganz anders ist als Luther?

Man hat Eisenach nicht umsonst als Pfaffennest bezeichnet. Tatsächlich sprach man damals von der lutherischen Sekte, von den Martinern. Es gab sehr viele Katholiken. Auch auf der Wartburg: sowohl der Hauptmann von Berlepsch, der Burgherr im Namen seines Fürsten, als auch die Wächter waren ja noch alten Glaubens. Insofern ist so ein fiktiver Ich-Erzähler nicht unbedingt abwegig. Das erzeugt natürlich Spannung. Er ist auf der einen Seite beauftragt, den Ketzer zu schützen – den er auch tatsächlich als Ketzer ansieht – und andererseits streitet er sich mit ihm, immer und immer wieder. Es gibt keinen Frieden. Im Roman ist das ein Stilmittel, das für Spannung sorgt, aber noch wichtiger ist, dass es sich damals tatsächlich so zugetragen hat: Er war befehdet, er war vogelfrei, er war ja nicht zur Genesung auf der Burg und tatsächlich musste man auf ihn Acht geben. Und ich wollte Luther auch nicht zum Ich-Erzähler, ich wollte das Buch nicht zum dicken Sendbrief machen. Er hätte eine ganz andere Geschichte erzählt.

Sie hätten so die Widersprüchlichkeiten des Charakters gar nicht herausstellen können. Man betrachtet sich selbst immer anders als „die anderen“.

Ganz genau. Und trotzdem kommt ja seine Sicht in den fiktiven Sendbriefen zum Ausdruck: Was ihn angeht, was ihn ausmacht, wofür er kämpft. Hier kann er sich mitteilen.

Auch heute hat Luther ja noch viele „Fans“. Auf seinen Antisemitismus und seine Türken-Beschimpfungen antworten viele: Er war eben ein Produkt seiner Zeit. Würden Sie das auch so sehen? Haben Sie eine Entschuldigung für ihn?

Was die Türken anbetrifft: Man darf nicht vergessen, dass die Osmanen schon auf dem Balkan waren. Es wurden Kriege geführt. Das ist also nicht eine Einbildung von Luther. Er sieht sie als feindliche Macht an. Er hatte wenig Kenntnis vom Islam und man kann ihm schon vorwerfen, dass er ohne Wissen so hart geurteilt hat.

Auch, was die Juden betrifft: Er war ja Katholik. Das war seine Tradition, das Haus, aus dem er kam. Man schimpft darüber und vergisst, dass fast alle diesem Bild, diesem Wahnbild von den Juden und den Türken – und auch von den Frauen – anhingen. Nur die Humanisten, die dem harten Alltag enthoben waren, dachten anders.

Was er gesagt hat, bleibt schlecht. Aber es ist nicht falsch, wenn man sagt: Er war ein Kind seiner Zeit. Das stimmt wohl.

Eine allerletzte Frage, Herr Zaimoglu. Wenn Sie sich eine Scheibe von Luther abschneiden könnten, welche wäre das?

Sehr schwierig, schwierige Frage. Ich muss überlegen. (denkt sehr lange nach) Der frühe Martin Luther. Es ist nicht falsch, zu unterscheiden zwischen dem frühen und dem späten Martin Luther. Was den frühen Luther anbetrifft: Was mir gefällt, ist – und das ist jetzt sehr unzeitgemäß, das zu sagen – seine Frömmigkeit. Die Kämpfe, die er ausficht um den rechten Glauben, um den rechten Zugang zu der, wie er sagt, Majestät Gottes, das würde ich mir aussuchen. Den Ernst, den er an den Tag legt, finde ich beachtlich. Ja.

Mit dieser Antwort hätte ich wirklich nicht gerechnet. Umso besser. Vielen Dank für das wunderbare Gespräch.

Meine Widmung im „Evangelio“

Ihr wollt wissen, ob Evangelio ein Buch für euch wäre? Hier geht’s zu unserer Besprechung.

Leseempfehlung:
Feridun Zaimoglu. Evangelio. Kiepenheuer und Witsch, 2017. 22,00 Euro.

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