Interview mit Franz Blumstock

Als ich Mitte der 1990er den Film Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa gesehen habe, dachte ich die ganze Zeit über: „Verdammt nochmal, wer ist dieser Junge?“ Dieser Junge war der damals 19-jährige Leonardo DiCaprio, der so grandios ist in diesem Film, dass ich noch Tage später völlig gebannt von ihm war. So eine, an ein Talent geknüpfte, plötzlich einsetzende Überbegeisterung kommt ja nicht allzu oft vor. Als ich mich das letzte Mal pausenlos gefragt habe „Wer ist dieser Junge?“, saß ich in Leipzig im Stadtbad, bei der vom Schauspiel Leipzig aufgeführten Inszenierung von Tschick. Und der Junge, der den Maik Klingenberg so nachhaltig beeindruckend gespielt hat, das war der 1999 in Leipzig geborene Franz Blumstock und den stellen wir euch jetzt vor. BAM!

Wie kamst du an die Rolle des Maik Klingenberg aus Wolfang Herrndorfs Tschick?
Ich habe mit Yves Hinrichs für unsere vorherige Jugendclub-Produktion Einige Nachrichten an das All von Wolfram Lotz geprobt, als er mich fragte, ob ich Lust hätte, bei Tschick mitzuspielen. Und da ich in den letzten drei Produktionen schon unglaublich viel Spaß hatte, habe ich gerne zugesagt.

Was bedeutet es dir, diese Rolle zu spielen?
Es ist eine ungeheuer tolle Erfahrung. Tschick ist eine extrem schöne Geschichte und es macht großen Spaß, die Lebensfreude und die Melancholie, die in dem Buch stecken, auf die Bühne zu transportieren.

Das Stück wird laut und schnell inszeniert. Maik – also du – ist beinahe immer in Bewegung, hat extrem viel Text, da er dem Zuschauer vieles erklärt und Wesentliches zusammenfasst. Emotional muss er im Wechselspiel von Unsicherheit, Angst, Gewalt bis hin zu Euphorie, Liebe und Unbeschwertheit einiges aushalten. Wie anstrengend ist es für dich, immer wieder dieser Maik zu sein?
Die Anstrengung ist in dem Moment total nebensächlich, weil ich unfassbar viel Freude beim Theaterspielen habe und auch immer wieder Impulse von meinen Mitspielern bekomme, auf die ich dann reagieren kann. Die wahre Anstrengung beginnt erst nach dem Auftritt, wenn ich am nächsten Tag verschlafen im Unterricht sitze.

Musstest du alles erfinden, oder gibt es auch Parallelen oder Ähnlichkeiten zwischen der Figur Maik Klingenberg und dem Schauspieler Franz Viktor Blumstock?
Maik ist eine sehr vielseitige Rolle. Er ist ein Außenseiter in der Schule, hat Schwierigkeiten mit seinen Eltern und ist unglücklich verliebt. Ich denke, dass sich jeder schon mal in so einer Situation wiedergefunden hat und daher Maiks Wunsch, mit einem Auto abgeholt zu werden und einfach abzuhauen, gut nachfühlen kann. 
Gleichzeitig ist Maik aber auch empathisch, originell und voller Sehnsucht nach Veränderung. 
Ich glaube, dass er ein Charakter ist, mit dem sich jeder auf irgendeine Art und Weise identifizieren kann. Außerdem hat Maik meiner Meinung nach einen exzellenten Musikgeschmack.

Welche Szene ist deiner Meinung nach die stärkste des Stückes?
Das Bild, wenn Tschick mit dem Lada angefahren kommt, ist für mich der stärkste Moment des Abends. Aleks (also der Tschick-Darsteller) macht seinen Auftritt mit einer irren Energie und spätestens, wenn alle Spieler in die Instrumente hauen und zu White-Stripes-Musik auf dem Auto ausrasten und dann auch noch die Nebel- und Windmaschine losdröhnt, ist man den ganzen Abend über mit Euphorie gefüllt.

Inhaltlich finde ich die Szene am stärksten, in der Tschick Maik davon überzeugen will, auf Tatjanas Party zu gehen. Obwohl Maik Tschick noch nicht so gut kennt, offenbart er ihm seine Gefühle. Man spürt eine gewisse Art Galgenkomik zwischen den beiden Jungs und merkt aber zeitgleich, dass das der Anfang einer unglaublich schönen Freundschaft sein kann.

Das Buch und auch das Stück vermitteln den Eindruck, dass es nicht leicht ist, jung zu sein – egal wie arm oder wie reich man geboren ist. Parallel feiert es die Jugend und ihre Spontaneität. Was ist für dich das Beste und das Schlechteste daran, genau jetzt jung zu sein?
Ich denke, es gibt für Jugendliche viele Dinge, die eine sehr hohe Wertigkeit haben, aber für Erwachsene anscheinend einfacher wegzustecken sind. Zum Beispiel, ob man nun auf diese Party eingeladen wird oder ob das Mädchen, in das man verschossen ist, einen mag. Das kann einen fertig machen.
 Gleichzeitig ist das Gute, dass man sich in der Jugend die Zeit nehmen kann, um mit solchen einschneidenden Erfahrungen fertig zu werden und sie zu verarbeiten. Außerdem hat man die Chance, Vieles auszuprobieren und zu riskieren, obwohl es vielleicht nicht logisch erscheint. Im schlimmsten Fall macht man dabei eine Erfahrung, die man nicht wiederholen möchte, und hat danach wenigstens eine gute Geschichte zu erzählen.

Was sagst du zum Stadtbad als Aufführungsort für Tschick?
Ich finde es sehr interessant, an einem Ort wie dem Stadtbad zu spielen, da es kein klassischer Theaterraum ist, sondern ein Ort mit einer eigenen Geschichte, der ganz spezielle Herausforderungen und Vorteile mit sich bringt. Anfangs hatten wir große Probleme mit der Akustik, da sich die Stimmen in der riesigen Halle schnell verlieren. Wir haben dann besonders an unserer Artikulation und den Sprechtempi gearbeitet.
Ein Vorteil des Raumes ist, dass wir durch die Größe die Chance haben, mit einem echten Lada zu arbeiten. Und es gefällt mir sehr, dass wir für die Szene mit Fricke die Empore nutzen können – und so die Bühne um eine zusätzliche Raumebene erweitern. 
Außerdem macht es großen Spaß, vor 200 Leuten zu spielen, das ist immer wieder ein großer Adrenalinschub.

Wie zufrieden bist du mit dem Publikum von Tschick?

Sehr! Es ist schön, die Reaktionen zu sehen. Und ich freue mich, dass das Publikum neben den vielen Schulklassen aus allen Generationen durchmischt ist.

Kanntest du die Romanvorlage bereits und wie erklärst du dir den immensen Erfolg dieses literarischen Stoffes?

Der Roman war mir bekannt und ich mochte ihn sehr. Die Themen, welche dort aufgegriffen werden, wie Lebensfreude, Fernweh und „Außenseiter-Dasein“, sind in ihrer Mischung aus Komik, Ernsthaftigkeit und Melancholie absolut herzerwärmend, auch wenn es blöd klingt.
Man spürt die Sympathie des Autors, Wolfang Herrndorf, für seine Figuren deutlich. Er nimmt sie ernst. Das hat es mir als Leser leicht gemacht, emotional an den Stoff und die Figuren ran zu kommen. Da lässt man sich gerne auf die Reise mitnehmen.

Was kommt als nächstes in Sachen Schauspielerei?
Ich weiß nicht, was noch kommt. Ich bin auf jeden Fall für alles offen, obwohl ich den Jugendclub erstmal ein Jahr ruhen lasse, um mich auf mein Abi zu konzentrieren. Ich freue mich aber auf Alles was in Sachen Schauspiel noch kommt.

Ist die Schauspielerei deine Berufung oder „nur“ eine Leidenschaft oder reines Hobby?
Im Moment ist die Schauspielerei nur meine Leidenschaft. Aber ich kann nicht sagen, wohin es mich noch führen wird.

Hast du künstlerische Vorbilder?
Adriano Celentano, aus dem Grund, weil er so vielseitig ist und schon unzählige Dinge ausprobiert hat, sei es Musik, Schauspielerei oder irgendetwas anderes. Das bewundere ich – sich überall ausprobieren ohne Rücksicht auf Verluste. Meine Familie und ich haben oft seine Musik gehört und seine Filme geschaut und ich finde seine Art sich zu präsentieren großartig: Er nimmt sich nicht zu ernst und man erkennt einfach, wie viel Spaß er am Spielen hat.

Wen oder welche Art Rolle würdest du gerne einmal spielen?

Ich würde gern mal ein richtiges Arschloch spielen. Jemanden fiesen und hinterhältigen, bösartigen und verlogenen. Ich glaube, dass es eine echte Herausforderung ist, überzeugend in eine Rolle zu schlüpfen, mit der man erstmal nicht viel gemeinsam hat bzw. gemeinsam haben will – und dabei dennoch versuchen muss, die Rolle mit etwas Eigenem anzufüllen und das Publikum mitzureißen.

Wir sind ja in erster Linie ein Literatur-Magazin. Hast du einen Literatur-Tipp für uns?
Ich würde von Dea Loher Unschuld empfehlen. Ein echt tolles Theaterstück mit sehr außergewöhnlichen Figuren, die am Ende aufeinandertreffen.

Lieber Franz Viktor Blumstock, 
vielen Dank für dieses Gespräch!
Ich bedanke mich!

Den aktuellen Spielplan vom Schauspiel Leipzig gibts hier:
Schauspiel Leipzig
Und mehr vom Jugendclub Leipzig findet ihr hier:
Sorry, eh!

(Fotocredits: Rolf Arnold)

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