Interview mit Katharina Hagena

Vom Wunder des Schreibens

Ich kann mich noch ganz genau erinnern, warum ich mir direkt nach Erscheinen „Der Geschmack von Apfelkernen“ gekauft habe. Wegen dem wunderschönen Cover und dem Titel, der so herrlich vielversprechend klang. Eigentlich sollte das Buch ein Geschenk sein. Ja, und dann habe ich es selbst behalten. Und verschlungen. Und geliebt.
Als ihr Fan der ersten Stunde bin ich überglücklich, dass Katharina Hagena sich auf der Frankfurter Buchmesse fast eine ganze Stunde lang Zeit für mich genommen hat. Ich habe mit ihr über ihr neues Buch Das Geräusch des Lichts, über das Schreiben und die Kraft des Erzählens gesprochen.

Frau Hagena, mir ist aufgefallen, dass sich mehrere bestimmte Motive durch Ihre Bücher ziehen. Ein besonders prägnantes ist für mich das Mystische.

Ja, das ist richtig. Allerdings würde ich es nicht als Mystik bezeichnen. Eher als das Fantastische.

Nennen wir es das Fantastische. Sie schreiben grundsätzlich realistisch und trotzdem ist da immer dieses Quäntchen Surrealität in ihren Büchern. Seien es die sich verfärbenden Beeren in „Der Geschmack von Apfelkernen“, die Frau, die sich in „Vom Schlafen und Verschwinden“ in einen Graureiher verwandelt oder die alte Frau in Ihrem aktuellen Roman „Das Geräusch des Lichts“, die so lange auf einer Gartenbank sitzt, bis das Moos an ihr hochwächst. Was bezwecken Sie mit diesem Stilmittel?

Ich glaube einfach an die Fiktion. Auch in unserem Leben. Dieses fantastische Moment in meinen Büchern verdichtet die Realität meiner Geschichte. Und im Wort „Verdichtung“ steckt ja schon „Dichtung“. Ich würde sagen, dass ich „wahre“ Geschichten schreibe. Wenn ich mit Lesern über meine Bücher rede, höre ich oft, dass sie die fantastischen Elemente meiner Werke als Symbole sehen. Das meine ich nicht unbedingt so. Wenn sich die Frau in einen Graureiher verwandelt, dann ist das nicht mein Symbol für „sie ging ins Wasser“, nein, sie verwandelt sich in einen Graureiher.

Kinder glauben ja an das Fantastische, an diese Erweiterung der Realität. Irgendwann legen wir auf unserem Weg zum Erwachsenwerden das ab. Warum? Ich finde, wir sollten uns das bewahren.

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Katharina Hagena spricht mit Ulla auf der Frankfurter Buchmesse.

Diese Verdichtung, der fantastische Moment steht eigentlich immer im direkten Zusammenhang mit der Natur – mit Pflanzen, Tieren oder auch Naturphänomenen wie in Ihrem aktuellen Roman. Wie kommt’s?

Die Natur ist für mich die perfekte Projektionsfläche. Und Schreiben ist ja immer eine Übersetzung von dem, was ist. Die Natur steht für etwas, das in den Menschen steckt. Schließlich sind sie ja ein Teil von ihr. Und für die, die intensiv schauen, hält sie Zeichen bereit.

Darum also auch „Das Geräusch des Lichts“ als Titel? Quasi als ein Zeichen der Natur?

Ja. Ich habe dazu viel gelesen. Es gibt unzählige Aufzeichnungen von indigenen Völkern über die Geräusche, die das Nordlicht – oder auch das Südlicht – macht. Viele nehmen es als Knallen wahr, wie Elmsfeuer. Angeblich kann man es hören, wenn es ganz still ist. Gleichzeitig steht es für all das, was da ist, auch wenn es nicht jeder sieht oder wahrnimmt. Was ja nicht bedeutet, dass es nicht existiert.

Da stimme ich voll und ganz zu. Wissen Sie, was mein Lieblingskapitel ist? Jenes, das aus der Sicht des Jungen, der einen Weg zum Planeten Tschu sucht, geschildert wird. Es ist eigentlich so traurig und doch musste ich mehrmals lachen, weil da so viele gute Ideen drinstecken.

Das freut mich! Es ist ja auch das längste Kapitel des Buches und vielleicht am zugänglichsten. Natürlich braucht es aber die Kapitel, die davor und danach kommen. Die umrahmenden Erzählungen machen es mit aus.

Und gerade hier habe ich auch Eckpfeiler Ihrer eigenen Biographie entdeckt. Karlsruhe und an anderen Stellen immer wieder auch Hamburg …

Ich kenne die Orte, von denen ich schreibe, gerne. Schließlich sollen auch meine Figuren sich dort gut auskennen. Und so transportiere ich das am einfachsten. Mir gefällt es, diese Plätze dann mit fiktiven Menschen zu bevölkern.

Besonders charmant fand ich die Verbindung vom Muster der Gullydeckel zum Aufbau des Karlsruher Schlossparks.

Ich arbeite gerne mit naturwissenschaftlichen Elementen, die ich dann so verdichte, bis sie ins Absurde geführt werden. In „Das Geräusch des Lichts“ gibt es eine Szene, in der eine Wissenschaftlerin durch ihr Mikroskop auf ein Moosstück blickt und darauf ihre geschrumpfte Freundin wiederfindet. So etwas gefällt mir.

Ihr aktuelles Buch setzt sich aus den Geschichten verschiedener Menschen zusammen. Erzählt werden sie uns von einer Frau, die wiederum diese „Leben“ für sie erfindet. Wir lesen also Geschichten in einer Geschichte. Würden Sie unterschreiben, dass das Erzählen von Geschichten therapeutischen Charakter hat?

Nicht unbedingt therapeutischen, nein. Aber Geschichten zu erzählen ist lebensnotwendig! Im Grunde ein Anreden gegen den Tod.

Solange ich erzähle, lebe ich.

Darum ist ja auch die Fiktion, das Erzählen so wunderbar: dank ihr kann man sich mehrere Leben anmaßen. Mit jedem Buch lebt man ein anderes Leben. In der griechischen Mythologie gibt es ja das einprägsame Bild von Perseus, der der Medusa nicht direkt in die Augen sehen darf. Ihr Blick würde ihn zu Stein erstarren lassen. Also blickt er sie durch einen Spiegel an. Für uns Menschen ist die Literatur wie ein Spiegel. Ich schreibe davon auch in meinem neuen Buch:

Vor allem brauche ich jetzt schnellstens eine neue Geschichte, irgendeine Art von Spiegel, mit dem man den Ungeheuerlichkeiten ins Auge blicken kann, ohne auf der Stelle zu versteinern. (Das Geräusch des Lichts, S.84)

Ein tolles Bild. Man weiß ja heute auch, dass Erinnern eigentlich nichts anderes als Erzählen ist. Mit jeder Erinnerung, die man teilt, dichtet man ein Stück Fiktion hinzu.

Ja, genau. Ich bin auch besessen vom Konzept des Vergessens. Ich glaube immer weniger an die Erinnerung per se. Schreiben ist für mich nichts anderes, als sich an Dinge zu erinnern, die nicht passiert sind.

Vielleicht wie das Erinnern eines Traums? Viele lesen auch, um in Fantasiewelten zu tauchen. Könnten Sie sich vorstellen, die fantastischen Momente Ihrer Bücher so weiterzuentwickeln, dass irgendwann ein Fantasy-Roman von Ihnen zu lesen ist?

Nein, das kann ich ausschließen. Diese Verdichtung der Realität ist einfach meine Art, die Welt zu sehen. Fantasy-Romane interessieren mich überhaupt nicht. Ich sehe mich als Autorin dieser Welt, eindeutig als realistische Schriftstellerin. Überhaupt sind für mich Familiengeschichten die einzig interessanten Geschichten.

Familie hat viel mit Fiktion zu tun.

Sie ist sozusagen die Quelle der Fiktion – schauen Sie sich Ovids Metamorphosen an. Auch für Familien selbst ist die eigene Geschichte enorm wichtig. Sie erzählen sie sich immer und immer wieder und verändern sie dabei kontinuierlich. So entsteht Fiktion. Ahnenforschung ist im Grunde nichts anderes als das Schreiben am familiären Roman.
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Apropos Schreiben: Wie gehen Sie da vor? Denken Sie vor und während des Schreibens eingehend nach oder passiert das eher intuitiv?

Ich denke vorher über das meiste nach. Aber ich würde das Denken und Fühlen gar nicht voneinander trennen wollen, die Übergänge sind für mich sehr fließend. Ich habe die Erfahrung gemacht:

Je mehr man nachdenkt, umso größer sind die Wunder, die beim Schreiben passieren.

Wie entstehen Ihre Romane?

Das Schreiben ist immer die letzte Phase eines Romans. Vorher sammle ich Material, Bilder, Motive, Ideen. Am Ende stehen dann da ganz viele Ordner. Aus all dem versuche ich ein Netz aus Bildern zu spinnen und knüpfe ein schlüssiges Netzwerk. Ich weiß also schon vor dem Schreibprozess genau, wohin ich will. Durch dieses Gerüst versuche ich mir dann während des Schreibens einen Weg zu bahnen. Gegen Ende muss ich mich dann oft dazu zwingen, langsamer zu werden, um wirklich eine Punktlandung hinzulegen.

Wie viel Freiheit gestehen Sie dabei Ihren Figuren zu? Kommt es vor, dass eine von ihnen mit dem Finger schnipst und ihr Schicksal ändern will?

Ja, das kommt vor. Aber mir ist es sehr wichtig, dass meine Figuren den Plan nicht durchkreuzen. Virginia Woolf hat diesen Plan eine stählerne Konstruktion genannt. Auf diese setze ich beim Schreiben dann nur noch Schmetterlingsflügel.

Schön gesagt. Frau Hagena, Sie haben intensiv zu James Joyce – vor allem zum „Ulysses“ – geforscht. Ich finde, das merkt man Ihrem aktuellen Werk an.

Ja! Und Sie sind die Erste, der das auffällt. Der Mann im Mackintosh ist eine Anspielung auf die Beerdigungsszene im „Ulysses“, ist also sozusagen eine Romanfigur in einer Romanfigur.

Wieder eine kluge Konstruktion. Da werden Sie, finde ich, immer wagemutiger. Sie spielen mit etlichen Motiven, die zyklisch wiederkehren, abgewandelt, in neue Zusammenhänge gesetzt werden. Und trotzdem liest sich das so leicht. Wie schaffen Sie das?

Ja, das ist oft das Schwierigste: so schlau und stringent zu konstruieren, dass es der Leser im besten Falle nicht bemerkt. Schließlich soll Lesen keine Arbeit sein.

Den „Ulysses“ zu lesen ist für Sie also keine Arbeit?

(lacht) Jetzt haben Sie mich! Ja, Sie haben recht: Der „Ulysses“ ist wirklich Arbeit. Aber manchmal ist das auch gut so. Nach dem siebten Mal ist es jedoch wirklich ein Genuss, ihn zu lesen.

Sie haben jetzt mehrfach über James Joyce und auch Virginia Woolf gesprochen. Würden Sie sagen, dass Ihre Einflüsse eher in der englischsprachigen Literatur liegen?

Das würde ich sagen, ja. In der angloamerikanischen und englischen Literatur trennt man ja nicht – so wie wir Deutsche – zwischen E und U (Anmerkung: E steht für Ernst, U für Unterhaltung). Und es ist auf jeden Fall ein Ziel von mir, beides zu verbinden.

Ich finde, das ist Ihnen wunderbar gelungen. In „Der Geschmack von Apfelkernen“ geradezu beispielhaft. Sie spielen mit den Lesererwartungen des „Homecoming“-Motivs und führen uns dann auf eine ganz andere Ebene.

Danke, das freut mich! Ich schreibe die Bücher, die ich selbst gerne lesen würde. Ich glaube aber, dass das jeder Autor tut. Anders funktioniert es wahrscheinlich nicht.

Sind Sie sich da sicher?

Gut, vielleicht liegt die Sache bei Genre-Literatur etwas anders. Donna Leon weiß genau, was sie da tut, schließlich ist sie auch Literatur-Professorin. Ihr ist sicherlich bewusst, dass sie leichte Kost produziert und ihre Romane klar daraufhin konstruiert. Aber bestimmt macht ihr das auch Spaß.

Können Sie sich das für sich auch vorstellen, einen Genre-Roman schreiben?

Nein. Dazu ist mir meine Zeit einfach zu kostbar. Meine Kinder sagen manchmal zu mir:

„Schreib’ doch mal einen Schundi!“

Aber ich finde, man sollte seine Lebenszeit vorwiegend mit Dingen füllen, die einen wirklich bewegen.

Wenn man für eine Sache nicht brennt, wird sie auch nicht gelingen.

Was für ein Schlusssatz! Genau so halten wir es auch. Vielen Dank für das wunderbare Gespräch.

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