Isabel Bogdan: Der Pfau

Schottische Vogeljagd oder: Voll ins Blaue

Vor der Lektüre dieses 250 Seiten schlanken Buches ist es ratsam, einige Vorbereitungen zu treffen, denn das steigert das Lesevergnügen zusätzlich. Versprochen! Also los geht`s: Earl Grey aufbrühen, Scones backen (oder vielleicht Milchbrötchen kaufen) zuletzt Clotted Cream (oder vielleicht Frischkäse) und Erdbeermarmelade bereitstellen. Wer jetzt noch eine Wolldecke in schottischem Karo-Muster parat hat, immer her damit. Cream Tea und Karos also, das klingt schon sehr nach britischen Klischees? Stimmt, aber der Roman Der Pfau von Isabel Bogdan spielt mit eben diesen. Und das auf sehr humorvolle und äußerst liebevolle Weise.

Das sympathische, leicht verschrobene Ehepaar Lord und Lady McIntosh haben ihr Anwesen in den Schottischen Highlands zu mehreren Feriencottages umgebaut. Hier und da platzt der Lack zwar schon etwas ab, und so richtig beheizbar ist es im Winter auch nicht, aber trotzdem kommen immer wieder Gäste zur Lordschaft und ihren Angestellten Ryszard, dem Mann fürs Grobe, und Aileen, dem Mädchen für alles. Das paradiesisch anmutende Nebeneinanderherarbeiten wird vervollständigt von der Präsenz diverser Tiere, wie zwei Hunden, einer Gans oder auch einigen Pfauen. Und genau hier setzt das Problem an, das die Geschichte ins Rollen bringt und das im Laufe des Buches slapstickartige Ausmaße à la Monty Python annehmen soll. „Einer der Pfauen war verrückt geworden“, heißt es gleich zu Beginn. „Vielleicht sah er auch nur schlecht, jedenfalls hielt er mit einem Mal alles, was blau war und glänzte, für Konkurrenz auf dem Heiratsmarkt.“ Dieser eine Pfau stört die friedvolle Idylle immer dann, wenn einer der Gäste in einem blauen Wagen anreist. Der Pfau flippt unvermittelt aus, zerpickt den Lack und dellt die Karosserie ein. Als eine Gruppe Banker aus London anreist, um in der schottischen Abgeschiedenheit ihren Teambuilding-Workshop abzuhalten, wird der Pfau versteckt. Die Chefin der Finanzleute fährt ein Auto in Blaumetallic und der soll heil bleiben. Das geht gehörig schief. Der Pfau büxt aus, demoliert das Auto der Chefin und das Spiel um Vortäuschung, Verwechslung, Geheimniskrämereien, Irrtümer und Schwindel setzt ein, sodass es dem Leser ab und an beinahe etwas schwindlig wird. Plötzlich hat jeder etwas zu verbergen, wie in einem Reigen werden Geheimnisse geteilt, Halbwahrheiten weitergegeben, wodurch neue Geheimnisse entstehen und so weiter und so fort.

Liebevoll werden die Figuren eingeführt und in Beziehung gestellt. So trifft die hochmotivierte junge Mediatorin auf eine ungeliebte, weil etwas herrische, Chefin und ihre männlichen Angestellten, die alle nicht so recht zueinander finden wollen. Mit im Schlepptau ist auch eine eigene Köchin und Mervyn, der Hund der Chefin. Der Pfau stirbt einen unfreiwilligen Tod und setzt das Verwirrspiel, das in ein regelrechtes Versteckspiel mündet, in Gang. Hierbei kommt es zu Annäherungen zwischen den Gruppenmitgliedern. Meinungen werden überdacht. Pläne werden geschmiedet. Aus anfänglicher Ablehnung gegenüber der Chefin und dem Workshop wird Verständnis und Begeisterung für die Sache, v.a. weil es am Ende tatsächlich zu Ergebnissen kommt, die allen nützen. Nur das Geheimnis um das Verschwinden des Pfaus wird nicht für jeden wirklich aufgelöst. Immer im Bild ist Hund Mervyn, der zwischendurch zum Tatverdächtigen avanciert. Die Besonderheit dieses kurzweiligen Buches blitzt v.a. auch immer dann auf, wenn sich der auktoriale Erzähler in das Hirn des Hundes einschleust. „Mervyn gehorchte, verstand aber nicht, warum er vor dem Schlafengehen nichts zu essen bekam und warum er überhaupt jetzt schon schlafen sollte. Nicht, dass er etwas gegen das Schlafen zu allen möglichen Tageszeiten gehabt hätte, aber hier stimmte doch etwas nicht.“ Doch lest selbst, was hier nicht stimmt. Am Ende, so viel sei verraten, ist es wie so oft, es ist alles in bester Ordnung. Und beim Zuklappen des Buches nach der letzten Seite verschwindet auch langsam die Benny Hill-Titelmelodie wieder aus dem Kopf. Auch versprochen.

Isabel Bogdan, Der Pfau, 256 S. 18,99 Euro. Kiepenheuer&Witsch, 2016 erschienen.

 

One thought on “Isabel Bogdan: Der Pfau

  1. Harry

    Sehr schöner Artikel, bin in Hamburg und finde das bayrische Meisterwerk einwandfrei. Gerne mehr.
    VG Harry

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