Island, du raubst mir den Atem

Game of Island

Ich schaue gerade Game of Thrones. Ich hinke ziemlich hinterher, habe gerade erst die vierte Staffel hinter mich gebracht. Immer schön die Hände vor den Augen. Tatsächlich kann ich bei vielen der Kampfszenen nicht hinsehen und selbst bei abgewandtem Blick stockt mir beim Geräusch der Klingen, wie sie sich durch Bäuche arbeiten oder an den Hälsen entlang schleifen, der Atem und die Bauchdecke verkrampft sich für einen kurzen aber intensiven Augenblick.

Ich will aber eigentlich gar nicht darüber schreiben, ob oder warum Game of Thrones die beste Serie aller Zeiten ist. Vielmehr möchte ich über einen der Schauplätze erzählen. Immer dann, wenn zu sehen ist, wie Arya Stark mit dem Bluthund durch die atemberaubende, mit grünen Adern durchzogene endlos weite Hügellandschaft streift, hindert nichts meinen Blick auf den Bildschirm. Island zählt zu einem der Drehorte der Erfolgsserie. Ich war im Jahr 2011 dort. Das war ein Jahre nach dem Ausbruch des Vulkans Eyjafjallajökull und fünf Jahre vor dem Schlachtruf „Hu! Hu! Hu!“, der bei der EM 2016 die Erde zum Beben brachte. Es ist also schon eine ganze Weile her. Und trotzdem fühlt es sich nach wie vor so an, als sei ein Teil von mir immer noch dort. Denn es fällt mir so wahnsinnig leicht, mich zu erinnern. An die Luft, das Licht, das Land, die Leute, an das Einzigartige.

Wie eine Trutzburg, die aus dem Wasser ragt

Schon beim Landeanflug auf die 103.000 Quadratkilometer kleine Insel packt einen das Mystische, das dieser Vulkaninsel nachgesagt wird. Wie eine Trutzburg, die aus dem Nordatlantik ragt, streckt sie ihre schwarzgezackten Felsformationen kraftstrotzend gen Himmel. Die wogenden Wellen des Wassers zerbersten an den steinernen Wächter der Küste, werden zurückgeschleudert und versuchen wieder und wieder, das Eiland zu erobern.

 

Wie Trolle aus Stein - Küstenabschnitt Reynisfjara

Wie Trolle aus Stein – Küstenabschnitt Reynisfjara

Ich war sofort gefesselt und am Boden wird dieses Gefühl noch verstärkt. Wenn du Island betrittst, bist du anders geerdet. Die Luft, die du atmest, hat nichts zu tun mit der Luft, die du kennst. Licht ist hier sicht-, ja sogar spürbar. Die Natur heißt dich willkommen, umklammert dich sanft und lässt dich doch nicht mehr los. Die Fesseln der Menschen erscheinen etwas kräftiger, der Blick in den Augen hingegen ist weicher. Die Isländer strahlen eine ehrliche, bodenständige Herzlichkeit aus, wie ich es so noch nirgends sonst erlebt habe. Kurz:

Ich landete und liebte dieses Land.

Geh in die Natur

Reykjavík, die nördlichste Hauptstadt der Erde, ist süß. Eine Metropole ist Reykjavík nicht. Zwar leben zwei Drittel der Landbevölkerung in und um Reykjavík, es gibt ja aber nur 332.000 Isländer. Ich war etwa einen halben Tag und eine Nacht in der Stadt und wer keine Museumsbesuche plant oder Konzerttickets hat – denn eine Kunst- und Musikszene gibt es durchaus – kann sich in ein paar Stunden einen Eindruck des Städtchens verschaffen.

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Reykjavík, die nördlichste Hauptstadt der Erde, ist sicher auch eine der kleinsten Hauptstädte.

Das sollte man auch tun, es gibt gemütliche Cafés und hier sind sie auch, die freundlichen in Pullover mit Schneemustern aus 100 Prozent isländischer Schafwolle gehüllten Menschen. Und die können einem auch am besten erzählen, was es sonst noch so gibt auf dieser Insel, auf der sogar das Zeitgefühl ein anderes ist, eines das langsamer geht. Auf Island denkt man, man hat mehr Zeit. Was kann es besseres geben?

Gulfoss der zweistufige Wasserfall

Gulfoss, der zweistufige Wasserfall

Die Natur ist so atemberaubend, dass es schier unmöglich ist, das Beeindruckendste zu benennen. Ich stand an der 2,5 Kilometer langen und 70 Meter tiefen Schlucht des zweistufigen Wasserfalls Gulfoss und habe zugesehen, wie die Wassermassen des Gletscherflusses Hvítá ihren Sprung in die Tiefe antraten.

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Geysir Stokkur in voller Pracht

Man ist nur wenige Meter entfernt, wenn sich der Geysir Stokkur im südlichen Haukadalur beinahe im Minutentakt entlädt und explosionsartig Wasserfontänen bis zu 25 Meter in die Höhe spuckt. Mit Spikes an den Füßen und einem Eispickel in der Hand hörte ich mir die Geschichten rund um die Vulkane der Insel direkt auf der Gletscherzunge Sólheimajökull an. Ganz in der Nähe ist Hekla, der größte noch brodelnde Vulkan der Insel, die vielerorts einer Mondlandschaft gleicht, oder dem, wie wir uns eine Mondlandschaft vorstellen können. Hekla heißt soviel wie Haube. Der Name rührt daher, dass die Spitze des Vulkans oft von weißen Wolken verdeckt wird. Haube klingt recht niedlich. Ein anderer Name, den der Vulkan trägt, eher nicht:

Tor zur Hölle!

So wird der brodelnde Riese auch genannt. Dass die Dinge hier sowol etwas Niedliches und Harmloses haben und gleichzeitig mystisch, riesig und gewaltig wirken, ist typisch für diese Insel. Nichts ist gewöhnlich oder herkömmlich wie auch die mehrkantigen Basaltsäulen am schwarzen Küstenabschnitt Reynisfjara wieder beweisen. Ob es auch Isländer gibt, die hier zu irgendeiner Jahreszeit im Meer schwimmen gehen können, will ich wissen. „Nur die Verrückten. Und die nur in Neopren“, lautet die Antwort.

  • Geysir Stokkur vor der Entladung

Wasser ist mein Element und nur weil mich der Nordatlantik mit seinem eisigen Blau verhöhnt, muss ich nicht auf ein warmes Bad verzichten. Die Isländer pflegen eine sympathische Badekultur. Beinahe jedes Haus und jede Unterkunft verfügt über kleine, runde, mit Wasser gefüllte Bassins, die sog. Hot Pots, die mit Hilfe von Erdwärme zum wohligen Wärmespender werden. Wer im September oder Oktober da ist, hat gute Chancen die Nordlichter am Himmel tanzen zu sehen. Vom Hot Pot aus ist das natürlich am stilvollsten. Und wer es eine Nummer größer mag, der fährt in die Blaue Lagune, das südlich von Reykjavík gelegene berühmte Geothermalbad.

Heiß, heißer, Blaue Lagune. Im Geothermalbad ist das Wasser kuschlige 39 Grad warm.

Heiß, heißer, Blaue Lagune. Im Geothermalbad ist das Wasser kuschlige 39 Grad warm.

39 Grad ist das Wasser hier warm. Über dem Kopf die Sterne, an den Füßen seidiger Sand und im Herzen, da wohnt das Glück – zumindest für die Zeit des Aufenthaltes in der Blauen Lagune. Ich schwör!

Glaub doch was du willst!

Die Menschen aus Island glauben an Trolle, Feen und Hausgeister. Vielleicht nicht alle, aber auch auf keinen Fall die Minderheit. Die Brille, die man nicht mehr finden kann, hat man nicht selbst verlegt, das war der Haustroll. Die Trolle bekommen oft sogar kleine Plätze in den Fensterbänken der Häuser und Wohnungen eingeräumt und wenn mit der Energie im Haus etwas nicht stimmt, dann kommt jemand vorbei, der sich mit Feen auskennt und versucht das Problem zu beheben. Warum auch nicht? Bei uns hängen Kreuze über dem Küchentisch, auf Island glaubt man an die Macht des Mystischen. Wer also einmal etwas komplett Neues sehen, erleben und erfahren möchte, der sollte nach Island kommen.

Viel Lärm um viel Schönes

Die EM 2016 hat einen regelrechten Reiseboom auf die Insel losgetreten. „Hu! Hu! Hu!“ An den eben benannten Top-Ausflugsadressen des Südens und des Westens stehen heute wohl mehr als ein, zwei Busse auf den mit nur wenigen Parkmöglichkeiten ausgestatteten Parkplätzen. Der Wirtschaft des vor ein paar Jahren tief getroffenen kleinen Landes tut das sicher gut. Der Natur weniger. Und trotzdem kann ich nur sagen, wer die Möglichkeit hat, eine Reise nach Island anzutreten, der sollte das auch tun, und dabei aber darauf achten, nicht so dolle zuzutreten.

Infos und Buchungsmöglichkeiten:

Katla Travel

One thought on “Island, du raubst mir den Atem

  1. Eva

    Toller Bericht und noch tollere Superbilder! Da bekommt man gleich Reisefieber.
    Auch wir lieben den Norden, wenn wir auch noch nicht ganz so weit oben waren! LEIDER!!!

    Liebe Grüße Eva

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