Jan Schomburg: Das Licht und die Geräusche

Man muss das Leben nicht verstehen

„Sag doch mal! Ganz ehrlich! Es gibt doch, wenn man wirklich darüber nachdenkt, keinen überzeugenden Grund!“ „Doch“, sage ich, „ich weiß einen Grund.“ „Das Licht und die Geräusche.“

Das Licht und die Geräusche – sie sind der Grund. Wofür? Dafür, am Leben zu bleiben. Zu leben.

Um die großen und die kleinen Themen drehen sich die Gedanken von Ich-Erzählerin Johanna und die Gespräche mit ihrem besten Freund Boris: Um Leben und Sterben, die Liebe und den Tod, das Glück, Richtig und Falsch. Eben das, worüber man nachdenkt, wenn man erwachsen wird und verstehen will, wie Erwachsensein und das Leben eigentlich so funktioniert.

Drei dazwischen

In der Zwischenwelt von Jugend und Erwachsensein befinden sich Johanna und Boris. Die beiden sind unzertrennlich, seitdem Boris neu in ihre Klasse gekommen ist. Boris ist nach vielen Jahren mit seinen Eltern von Portugal nach Deutschland zurückgekehrt. Ja, und dann ist da noch Ana-Clara, Boris’ portugiesische Freundin, die ihn in der neuen alten Heimat besuchen kommt – zu Johannas Leidwesen, denn sie ist verliebt in Boris und weiß so gar nichts mit dieser Freundin anzufangen. Ana-Clara mit den ausdruckslosen Augen, so nennt sie sie.

Wenn ich Ana-Clara lieben kann, wenn ich etwas Liebenswertes an ihr entdecken kann, dann kann ich Boris weiter lieben. Wenn ich nichts finde, was sich lieben lässt, kann ich Boris nicht mehr lieben. So einfach ist das, sage ich mir.

Einerseits, andererseits – so denkt Johanna. Und ich habe diese Ich-Erzählerin von der Stelle weg geliebt. Sie wägt ab, sie denkt intensiv nach und nie in Kategorien oder Vorurteilen. Und vor allem: Sie schont sich niemals selbst. Wie einfach wäre es, die Konkurrentin zu hassen. Dabei ist doch das, was sie tut, viel überlegter, konsequenter und ja, liebevoller.

Wundersame Jahre

Das Licht und die Geräusche ist Jan Schomburgs Debütroman, aber nicht sein Erzähldebüt. Zuvor schrieb der Autor Drehbücher. Umso mehr überrascht es, wie unkonstruiert, relativ dialogarm und bildgewaltig dieses Buch daher kommt. Ungeheuer intensiv fühlt er sich ein in die 17-jährige Johanna, er ist ganz nah an dieser Figur und diesem Alter dran. Er legt ihr Worte in den Mund und Gedanken in den Kopf, die sie sehr, sehr echt machen. Und dann denke ich nach, wie ich so war, als ich 17 war und dann kommt mir viel aus Johannas Leben sehr bekannt vor:

Der Schulalltag, Gruppenzwang, Mobbing, die große Klassenfahrt: Jeder kennt das, viel davon vergisst man über die Jahre, und doch prägt uns diese Zeit fürs Leben. In ihr wird man zum Mensch, steht man vor so vielen Weggabelungen: Unterwerfe ich mich der Gruppe oder gehe ich meinen eigenen Weg, kusche ich vor den anderen, den Eltern, den Lehrern oder begehre ich auf, wen lasse ich gewinnen: Verstand oder Gefühl, bleibe ich bei schwarz-weiß oder lasse ich auch das Grau zu?

Johanna sagt Ja zu Grau und lässt sich von niemandem vereinnahmen. Nicht einmal von Boris, mit dem sie so viel Zeit verbringt und den sie doch nicht versteht. Weil er so unberechenbar sein kann: mal himmelhochjauchzend, mal zu Tode betrübt, mal so stark und dann so schwach, mal ganz nah und dann so weit weg. Aber genau das macht ihn auch so faszinierend.

Leben lässt sich nicht erklären

Warum sind Johanna und Boris eigentlich kein Paar? Wegen Ana-Clara? Ich weiß das nicht, die beiden wissen es nicht – und Jan Schomburg? Vielleicht weiß es nicht mal er. Denn, wie Johanna das immer wieder formuliert: Man muss nicht alles verstehen.

Während wir so gehen, Boris und Ana-Clara Hand in Hand und ich daneben, und die Vögel so irre laut sind und einige Wolken am Himmel schon so rosa leuchten, spüre ich plötzlich, wie Ana-Clara meine Hand nimmt. Sie guckt mich dabei nicht an, und warum sie das jetzt macht, verstehe ich wirklich überhaupt nicht mehr. Aber dann denke ich, dass man vielleicht auch nicht immer alles verstehen muss.

Genau das ist für mich der Zauber dieser Coming of Age-Geschichte. Vielleicht ist ja das Leben manchmal genau deswegen so schön, weil wir es nicht verstehen. Warum nimmt der andere genau jetzt meine Hand, warum singen die Vögel so laut, warum leuchtet der Himmel in diesen Farben, warum bin ich gerade so traurig oder warum bin ich gerade so glücklich?

Auch ich kann es nicht erklären: Warum hat mich Das Licht und die Geräusche so glücklich gemacht? Keine Ahnung. Ist aber auch egal. Vielleicht weil seine Sätze so hell leuchten und so unglaublich nah und echt klingen. Weil es sich lohnt – ganz egal wie alt man ist – über sie und über das Leben nachzudenken. Weil Jan Schomburg ganz neu über diese einschneidenden Jahre schreibt und mir trotzdem alles so unglaublich bekannt vorkommt, ohne dass er auch nur ein einziges Mal pauschalisiert oder vorhersehbar wird. Das ist eine große Kunst. Das ist große Kunst. So wie das Leben.

Jan Schomburg. Das Licht und die Geräusche. dtv, 2017. 20,00 Euro.

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