Joachim Meyerhoff: Die Zweisamkeit der Einzelgänger

Muntere Menage-À-Viel-Zu-Viele

Kein Buch habe ich diese Lesesaison dringlicher herbei gesehnt als das neue Werk von Joachim Meyerhoff. Ich wusste, dass er kommt, der vierte Band seiner fiktionalisierten Biographie. Ich wusste auch, dass es Herbst werden würde. Und jetzt ist er endlich da, der Roman Die Zweisamkeit der Einzelgänger, dessen Titel ein wenig an Die Einsamkeit der Primzahlen von Paolo Giordano erinnert.

Was bisher geschah

„Mein Vater ist vor zwei Jahren gestorben. Krebs. Mein mittlerer Bruder bei einem Autounfall. Meine Großeltern letztes Jahr kurz nacheinander“, so Protagonist Joachim in Die Zweisamkeit der Einzelgänger zu einem Mädchen, das er gerade erst kennenlernt. Komprimierter könnte man die Inhalte der drei vorangegangenen Bücher – die zusammen unter dem Projekt-Titel Alle Toten fliegen hoch veröffentlicht wurden – nicht formulieren. In Amerika geht Joachim als Austauschschüler für ein Jahr an eine High-School. Nach außen kommuniziert er, er sei dort als Basketball-Stipendiat. Das ist gelogen. Seine Großeltern finanzieren diese Erfahrung. Joachim kommt zwar tatsächlich ins Basketball-Team, stinkt gegen die Amis aber ganz schön ab. Die Auslandserfahrung endet, als er vom Tod seines mittleren Bruders erfährt. In Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war nimmt uns der Autor mit in seine Kindheit. Joachim wächst auf dem Gelände einer riesigen Nervenheilanstalt auf, deren Direktor sein Vater ist. Die nächtlichen Schreie der Patienten sind sein Gute-Nacht-Lied. Joachim wird erst ein- und dann gleich wieder ausgeschult. Er ist noch nicht soweit. In Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke lebt Joachim in München bei seinen Großeltern, in deren Villa in einem rosa Zimmer. Wenn er nicht in der Schauspielschule ist, ist er dort. Er trinkt nicht auf ausgelassenen Studentenpartys, sondern bei Oma und Opa, die dem Alkohol als Zeitmesser sehr zugewandt sind. Das Scheitern ist von Beginn an ein treuer Begleiter dieses Jungen und jungen Mannes. Joachim ist sympathisch, liebenswert und wahnsinnig erfolglos. Und so präsentiert sich auch der Joachim aus Die Zweisamkeit der Einzelgänger. Zumindest zunächst, bis sich der Lauf der Dinge zu ändern beginnt.

Ein Mann und drei Frauen

Joachim ist Schauspieler am Theater in Bielefeld. Er spielt klitzekleine bis kleine Rollen und schafft es genau so lange, sich seine Leistung schön zu reden, bis sie von einem anderen kommentiert und zerpflückt wird. Wann immer Kritik geäußert, fällt sein ohnehin zweifelhaftes Selbstbewusstsein in sich zusammen. In Bielefeld ist es Hanna, die ihm sagt, dass das nichts war auf der Bühne.

Hanna – nervig und klug

Hanna darf ihm alles sagen, denn schon am Tag des Kennenlernens verliebt sich der Jungschauspieler in das anstrengende Mädchen. Hanna ist eine eifrige, extrem wissbegierige Studentin. Sie überspielt ihre eigene Unsicherheit, indem sie immer spricht, alles um sich herum aufsaugt. Jede Begegnung mit anderen scheint für sie ein Spiel zu sein, deren Regeln alleine sie bestimmt. Hanna ist fordernd, wenig nachsichtig und unberechenbar.
„Welche Farbe hat die Wiese?“ „Grün.“ „Ja, findest du?“ „Nein, stimmt, du hast recht, eigentlich ist sie noch schwarz.“ „Warum hast du grün gesagt?“ „Ich weiß auch nicht.“ „Aber ich weiß es. Weil du von einer Wiese nun mal erwartest, dass sie grün ist. Egal, ob am Tag oder in der Nacht. Was für ein Schwarz? Ist die Wiese tiefschwarz oder glänzend schwarz, samtschwarz oder kohlpechrabenschwarz?“
Es ist, als müsste man erst eine gewisse Anzahl Gespräche dieser Anstrengung führen, um eines zu bekommen, in dem die Dinge leichter sind, in dem nicht jede Frage mit einer Gegenfrage, nicht jeder geäußerte Gedanke mit seinem Gegenteil konterkariert wird. Joachim lässt sich fesseln von Hannas Geist und ihrem extremen Wesen. Das nimmt bisweilen skurrile Formen an:

Wenn Hanna las, geriet sie in Lebensgefahr. Ich erinnere mich, wie sie ein Buch in einem einzigen autistischen Rutsch vom ersten bis zum letzten Buchstaben verschlang.“

Hanna kann das Buch nicht weglegen, beim Zähneputzen nicht und auch nicht auf dem Weg in die Uni. Und was macht Joachim? Er begleitet seine Freundin zur Uni. Er ist ihr Auge. Er ist der, der sich kümmert.
 Immer. Auch als Joachim das Theater wechselt und nach Dortmund geht, bleibt Hanna seine Freundin. Denn langweilig wird es mit diesem sprunghaften Wesen nie. Die Tänzerin Franka allerdings, die er am Theater in Dortmund kennenlernt, sorgt ebenfalls dafür, dass es Joachim nicht langweilig wird.

Franka – nervig und heiß

Frankas Außenwirkung ist atemberaubend. Alle wollen sie. Joachim bekommt sie. Die beiden enden in einer Beziehung, die weitestgehend in den Nächten stattfindet. Sie feiern, sie tanzen, sie haben Sex, feiern wieder, tanzen weiter, haben noch mehr Sex, so laut und so hemmungslos, dass der Vermieter sich genötigt sieht, darauf zu bestehen, dass währenddessen die Fenster geschlossen bleiben. Was in seiner Studentenzeit in München keinerlei Raum fand, ist bei seinem Engagement in Dortmund äußerst raumeinnehmend.
„Mir war es immer schwergefallen, mich der Dynamik durchfeierter Nächte hinzugeben, mich durch dieses Nadelöhr zwischen zwei und drei Uhr zu zwängen, hinter dem die Stunden biegsam werden und einen der Morgen unerwartet vor der Bar umfängt. Mit Franka war all das kein Problem.“
Naja, nicht ganz, Joachim greift zum Medikament HALLOO WACH, um mit der heißen Tänzerin Schritt zu halten. Und für diesen Einsatz wird er immer und immer wieder entlohnt.

Wenn wir morgens zu mir nach Hause kamen, waren wir betrunken, hungrig, verrückt vor Begierde und beide hellwach.“

Joachim pendelt zwischen Bielefeld und Dortmund, zwischen Hanna und Franka, zwischen einem außergewöhnlichem Geist und außergewöhnlich gutem Sex hin und her und hin und her. Dazwischen wird geprobt, sich ausprobiert, über sich und das Theater als solches philosophiert. Der sympathische, liebenswerte, erfolglose Joachim gerät an seine organisatorischen Grenzen. Und obwohl er der Betrüger ist, hat man Mitgefühl, zum Teil sogar Mitleid mit ihm. Hanna ist oft nicht zum aushalten, Franka taucht auf und ab, wie es ihr passt, parallel breiten sich Joachims berufliche Unsicherheit und seine Unzufriedenheit über das Theater, wie er es kennt, weiter aus. Und als ob das alles nicht genug wäre, tritt eine dritte Frau in das Leben des Leidenden und die ist von einem ganz anderen Kaliber.

Ilse – nervig und echt

Auf dem Weg zum Theater kommt Joachim jeden morgen an einer Bäckerei vorbei, die ihre goldenen Zeiten längst hinter sich hat. Der Backshop gegenüber boomt. Joachim aber ist fasziniert von der in ihre Kleidung hineingequetschten Bäckersfrau. Ilse ist die Inhaberin des Familienbetriebs von einst. Sie ist derbe, sie ist krass, sie ist mehr Ruhrpott, als man sich vorstellen kann.
„Machen Sie alles selbst?“, fragte ich sie. Da war sie für einen Augenblick beleidigt. „Was denkst du denn? Glaubst du, ich bestell das in der Fabrik? Glaubst du, so ein Brot wie hier gibt es in der Fabrik? Willst du mich verarschen?“
So laufen die ersten Gespräche der beiden ab und doch zieht es Joachim regelmäßig zu Ilse. Und auch hier kommt es zu amourösen Ausfallerscheinungen. Nicht zuletzt Ilse macht deutlich, dass hier einer keine Ahnung hat, was er will, wo er steht, wo er hin will, was er braucht, was er nicht braucht. Joachim lässt sich treiben, lässt sich von Hanna anmaulen, von Frankas Gleichgültigkeit verunsichern, von Ilse verwöhnen.

Alle Toten fliegen hoch

Irgendwann klappt das nicht mehr allzu gut mit dieser Ménage-À-Viel-Zu-Viele. Die Dinge verkomplizieren sich und doch sind es die Frauen, die Joachim etwas wegziehen von seinen Toten, wie er sie nennt. Er denkt an sie, an seinen Vater, an seinen mittleren Bruder und an die Großeltern, aber sie rücken ein Stück weit in den Hintergrund. Sonst immer geschah ganz viel in seinem Kopf und jetzt gerade passiert ganz viel in seinem Leben. Am Ende fliegen tatsächlich alle Toten hoch und doch ist sich der Leser sicher, ganz lässt er sie nicht gehen. Und auch in Die Zweisamkeit der Einzelgänger gesellen sich neue Tote hinzu.

Die Magie des Meyerhoff

Wer wissen will, wer die neuen Toten sind, der muss dieses Buch lesen. Und wer wissen will, wie die neuen und die alten Toten den weiteren Lebensweg des Schauspielers mitbestimmen, der müsste wahrscheinlich einen nächsten Band lesen. Mein erster Gedanke beim Lesen des letzten Satzes von Die Zweisamkeit der Einzelgänger war, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Das kann, das darf, das wird nicht das letzte Buch von Alle Toten fliegen hoch gewesen sein. Ich will Meyerhoff weiter lesen und zwar genau mit dieser seiner Geschichte. Die Sprache, die da in die Welt hinausgeschickt wird, ist zart und messerscharf zugleich. Die Figuren, und zwar jede einzelne, scheinen zum Greifen nah. Sie steigen förmlich vor einem aus dem Buch, während sie beschrieben werden. Der Protagonist ist ein einsamer Tropf, ein wahrer und echter Einzelgänger, dem man nur zu gerne Gesellschaft leisten möchte, den man an der Hand nehmen will, zu dem man auch mal sagen möchte: Tu das nicht! Am meisten möchte man ihm aber hinterherrufen: Mach weiter!

Joachim Meyerhoff: Die Zweisamkeit der Einzelgänger, 416 Seiten, 24 Euro. Kiepenheuer & Witsch, 2017.

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