Josef Hader: Wilde Maus

Falling Down Vienna Version

Wilde Maus, von und mit dem österreichischen Kabarettisten Josef Hader, ist ein absolut empfehlenswerter Film. Die Geschichte ist super, die Schauspieler sind super, die Erzählweise ist super, der Humor ist super. Punkt. Da gibt`s wirklich nichts Schlechtes zu sagen.

Das Alter bekommt im Alltag einen Arschtritt

Josef Hader spielt Georg, einen etwas grummeligen, und nicht zuletzt deswegen sehr liebenswerten 50-jährigen Musikkritiker. Er selbst hält sich für eine Institution, eine Koryphäe. Das ist er wohl auch, immerhin macht er den Job bei einer Wiener Zeitung schon seit zwanzig Jahren und er macht ihn gut. Doch der Medienbetrieb macht sich heute kaum mehr etwas aus Institutionen. Georg muss bei seinem Chef Waller (Jörg Hartmann) antanzen und dort erfährt er, dass er entlassen ist. Quasi einfach so. Aus die Maus. Doch man sieht sich bekanntlich ja immer zwei Mal im Leben. Waller – oder die deutsche Sau, wie Georg ihn fortan nennt – wird ab diesem Gespräch zum Feindbild Nummer eins des schock-frustrierten Georg, bei dem es nach und nach alle Sicherungen raushaut. Das kann passieren, wenn man jemandem jede Sicherheit nimmt.

Alles geht aus dem Leim

Eigentlich hat Georg bereits genug Stress in seinem Privatleben. Seine nicht mehr ganz so junge, aber dann doch sieben Jahre jüngere Frau Johanna (Pia Hierzegger) und er versuchen nun schon seit drei Jahren, ein Kind zu bekommen. Weil ihr, wie er sie anpampt, mit 40 einfällt, dass sie nun doch ein Kind will, wo sie doch zwanzig Jahre lang keins gebraucht hat und das doch auch schön war. Bei den beiden knallt es gehörig. Die Tatsache, dass Georg seiner Frau nichts von seiner Kündigung erzählt, befeuert die Situation der beiden zusätzlich.
Johanna ist Psychotherapeutin, doch statt sich von seiner Frau oder sonst wem therapieren zu lassen, verlässt Georg jeden Morgen wie gewohnt das Haus; die Ledertasche geschultert, die runde Redakteursbrille auf der Nase, das immer gleiche zerknautschte Leinensakko am mittlerweile ebenso knittrigen Leib. Er verbringt die Tage am Prater, zusammen mit seinem ehemaligen Schulkollegen Erich (Georg Friedrich). Erich ist ein sehr verhangener, grundsympathischer Verlierer. Er hat die Wilde Maus – eins der Fahrgeschäfte – gepachtet und hofft auf eine gute Saison. Kauf dir eine Achterbahn und schon geht`s wieder rund im ach so eingefahrenen Leben. Die beiden verbringen sehr viel Zeit miteinander, sie trinken Dosenbier, gehen zum All-you-can-eat-Sushi und überlegen sich, wie sie Georgs Chef terrorisieren können. Parallel scheint sich seine Frau zu überlegen, wie sie ohne die Mithilfe ihres Mannes an ein Baby kommen kann.

Vom Glück verlassen oder vom Glück geküsst

Wilde Maus erzählt vom Älterwerden, wenn man schon älter ist. Georg verliert fünfzigjährig seinen Job. Autsch! Einen Job, den er liebt. Autschautsch! Ansonsten scheint er nicht viel zu lieben, außer seine Frau, aber mit der läuft`s grad nicht so gut. Autschautschautsch! Aufs berufliche Abstellgleis gestellt, umgeben von jungen, hippen Kollegen, die unterbezahlt arbeiten – was in der Medienbranche leider längst kein Aufregen mehr ist bzw. noch nie einer war – weiß der Musikredakteur nichts mit sich anzufangen. Männlicher Stolz mischt sich mit menschlicher Wut und Verzweiflung. Georg sucht ein Ventil, um sich Luft zu machen. Und er macht sich Luft. Stufe eins: Vandalismus. Stufe zwei: Gewalt. Die Opfer sind zunächst das Cabrio vom Ex-Chef (Stichwort Vandalismus) und dann der Ex-Chef – Pardon, die deutsche Sau – persönlich (Stichwort Gewalt). Diese Entwicklung wird mit sehr viel Charme und Witz erzählt. Mit dem Kauf des Kinotickets erhält man gleichzeitig eine Lachgarantie. Versprochen. Und was das Schönste dabei ist: Diese Komödie ist lustig aber nicht albern. Dem Ernst des Lebens ringt sie witzig inszenierte Ironie und Sarkasmus ab. Daneben bekommen gleich auch all die Großstadtneurotiker mit ihrer veganen Ernährung und ihrer Ignoranz den aktuellen Nachrichten gegenüber kontinuierlich ihr Fett weg. Die etwas traurige und gedämpfte Stimmung, die das Setting und z.T. auch die klassische Musik – Georg ist ein ernstzunehmender Musikkritiker gewesen – hervorrufen, tun dem Witz des Films keinen Abbruch und unterstreichen die Leiden der Charaktere. Was ist deprimierender als der Wiener Prater bei Tag? Ich weiß es nicht! Die Ernsthaftigkeit und der Funke Traurigkeit, den alle Charaktere umgeben, schmälern den Humor des Films zu keinem Zeitpunkt, was für mich das Besondere dieser sinnhaften Komödie ausmacht. Alles wirkt so wunderbar real. Der Zuschauer hat Mitleid mit jedem, dem neuen Arbeitslosen, der Frau ohne Baby, dem Loser vom Prater. Je später das Leben vom Glück ins Unglück umschwenkt, desto schwerer scheint es, da wieder raus zu kommen bzw. desto deprimierter scheinen die Menschen zu werden, denen das Unglück widerfährt. Liegt das daran, dass man fürchtet, man hätte nicht mehr so viel Zeit, um alles wieder ins Lot zu bekommen? Oder daran, dass man denkt, man habe doch Jahrzehnte lang konsequent daran gearbeitet, dass es einem ab spätestens 40 oder 50 so richtig gut geht? Un nu? Man kann eben als einzelne Person nie alles um sich herum so beeinflussen, dass es für einen selber immer perfekt passt. Leben heißt miteinander leben. Und sein heißt, zumindest in den meisten Fällen, nicht alleine sein. Man hat eben nicht die alleinige Macht. Und trotzdem ist man alles andere als machtlos.
Denn neben all den Sorgen, die die Charaktere umtreibt, sprudelt der Film teilweise über vor Glück. Georg und Erich – das ist eine echte Freundschaft. Georg und Johanna – das ist eine echte Liebe. Das Ende des Films lässt Raum für Interpretationen. Meine lautet: Alles ist gut!

Kinostart:
Seit 09. März 2017 im Kino

Majestic Filmverleih GmbH

Fotos: Großes Bild: Ioan Gavril / Majestic; Filmplakat: Majestic

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