Karl Ove Knausgård: STERBEN

Dieses Leben ist sechs Bücher dick

Auf mehreren tausend Seiten hat der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausgård sein Leben literarisiert und in einem Zyklus von sechs Romanen der Weltöffentlichkeit zugänglich gemacht. Nach der Veröffentlichung des letzten Bandes mit dem Titel Kämpfen, gab der Autor jüngst bekannt, jetzt sei Schluss damit. Er werde aufhören, weiterhin so schonungslos, unmittelbar und greifbar das eigene und das Leben anderer zu beschreiben. Mein Kampf heißt das Werk im Original, in dem die Bände durchnummeriert sind. Im Deutschen lauten die Titel der Bücher Sterben, Lieben, Spielen, Leben, Träumen, Kämpfen.

Gegen alle Widerstände

Ich habe den Hype um den in diesem Jahr erschienenen Abschlussband Kämpfen zum Anlass genommen, das erste Buch Sterben zu lesen. Dieses Buch sowie das ganze Werk, hat bei mehreren Personen für Unmut gesorgt. Ein Onkel, der in Sterben sehr gut wegkommt, wollte juristisch gegen den Verlag vorgehen. Daraufhin mussten Personen aus dem Text genommen werden. Manches wurde geändert, reale Namen durch falsche, erfundene ersetzt. Nach dem Lesen des ersten Bandes kann ich sagen, dass ich sehr froh bin, dass das Werk veröffentlicht wurde und dass ich es sehr gut verstehe, dass es Menschen gibt, welche die Veröffentlichung verhindern wollten.

Vater und Sohn

Sterben erzählt im ersten von zwei Teilen von Karl Ove Knausgårds Kindheit und Jugend in Norwegen und dem Verhältnis zu seinem Vater. Im Mittelpunkt des zweiten Teils stehen der Tod und die Beerdigung des Vaters Jahre später. Das Kind Karl Ove Knausgård spürt immer sofort, wenn sein Vater in der Nähe ist, denn immer dann fühlt sich der Junge unwohl, verunsichert und ängstlich. Der Vater, der als Lehrer arbeitete, war kein herzlicher Vater. Er lobte seinen Sohn nie, wenn der etwas gut gemacht hatte oder selbst stolz auf sich war und mit kindlicher Freude davon berichtete. Umgekehrt ließ er seinen Sohn aber immer umgehend wissen, wenn er enttäuscht von ihm war. Bei einer Schultheateraufführung versagt der Junge, weil er den Vater im Publikum weiß. Nie habe der sich mehr geschämt, wird sich das Kind später anhören müssen. Als ihn der Vater von einem Fußballspiel abholt, dass noch nicht zu Ende ist, vergibt der Sohn eine todsichere Torchance. Auch dieses Versagen wird vom Vater direkt auf der Heimfahrt angesprochen:
„,Du hast aus deiner Chance kein Tor gemacht, sagte er. Das war eine Riesenchance. Ich hätte nicht gedacht, dass du sie vergibst.’ ,Nein’, sagte ich. ,Jedenfalls haben wir gewonnen.’ ,Und wie? Sagte er.’ ,Zwei eins`, antwortete ich und sah ihn kurz an, denn ich wollte, dass er mich fragte, wer die beiden Tore erzielt hatte. Was er zum Glück auch tat. ,Und, hast du ein Tor geschossen?`, frage er. ,Ja’, sagte ich. ,Beide.’“

Was der Vater ihm verwehrt – Liebe, Zuneigung und Aufmerksamkeit – bekommt er von seiner Mutter. Doch die ist nicht da. Die Ehe scheint schon lange, bevor sie geschieden wird, vorbei zu sein. Die Eltern wohnen an verschiedenen Orten, nur manchmal kommt die Mutter wie eine Besucherin nach Hause. Als Teenager wohnt auch Karl Ove nicht mehr im gleichen Haus wie sein Vater und der Bruder Yngve ist längst zum Studieren weggegangen. Der Vater scheint sich nicht bewusst darüber zu sein, wie prägend, schmerzhaft und verletztend sein Auftreten in der Kindheit und Jugend seiner Söhne war. Als sie älter sind, kommt einem der Umgang sehr neutral, distanziert aber freundlich vor. Doch selbst diese Freundlichkeit scheint verletztend gewesen zu sein, weil sie im Kern nichts bedeutet, der Vater hätte seine erwachsenen Söhne auch ignorieren können, das wäre das Gleiche gewesen. Denn der Vater scheint, wenn überhaupt, nur oberflächlich am Leben der Brüder interessiert zu sein. Er ist viel mit sich beschäftigt. Nach dem Ende der Ehe hat er schnell eine neue Frau und wird geselliger, was die Söhne irritiert. Und dann stirbt der Vater. Und Ove und Yngve treten aus ihren eigenen Erwachsenenleben heraus, kommen für ein paar Tage zurück an den Ort ihrer Kindheit, in das Haus ihrer Großmutter, bei der der Vater zuletzt gelebt hat, und kümmern sich dort um die Beerdigung.

Der Tod ist nur für den Toten das Ende

Der Vater, der einst als Lehrer gearbeitet hat, ist besoffen in seinem Kot und seiner Kotze gestorben. Er hat das Haus seiner Mutter verwüstet und zu einer Müllhalde verkommen lassen. Am Ende hat er nicht mehr gelebt, sondern nur noch gehaust. Er war Alkoholiker und ist an dieser Sucht gestorben. Als die Söhne das Ausmaß der Verwahrlosung des Hauses sehen, erahnen sie die Verwahrlosung des Vater, den sie zuletzt nicht mehr all zu oft gesehen haben. Beim Durchwaten des Flaschenmeeres tauchen die Brüder immer tiefer in ihre Vergangenheit ein. Sie müssen die Leiche des Vater sehen, um zu glauben, dass er auch wirklich tot ist. Karl Ove sieht sich den Toten sogar ein zweites Mal an, weil das Wesen des Vaters, das schlechte Gefühl, das seine Anwesenheit stets bei ihm hervorgerufen hat, nicht so leicht verschwinden will.

,Es graut mir davor, ihn zu sehen’, sagte Yngve. […] ,Dir auch?’ ,Ja, aber es muss sein. Wenn ich ihn nicht sehe, werde ich nie verstehen, dass er tatsächlich tot ist.’“

Der Vater hat die Persönlichkeit von Karl Ove Knausgård geprägt, genau wie das Leben auf dem Land. Als die Brüder in den Tagen des Hausputzes, die schier endlos erscheinen, an einem Abend mit ihrer Oma zusammen trinken, stellt Karl Ove unbedacht eine Wodkaflasche ins beleuchtete Fenster, worauf ihn seine Großmutter sofort hinweist.

„In diesem Haus, in dem man stets darauf bedacht gewesen war, anderen Einblicke zu verwehren, immer sorgsam darauf geachtet hatte, in allem Sichtbaren untadelig zu sein, von der Kleidung bis zum Garten, von der Hausfassade bis zum Auto und dem Benehmen der Kinder, kam man damit, eine Flasche Schnaps ins Fenster zu stellen, in ein hell erleuchtetes Fenster, dem völlig Undenkbaren so nahe, wie es nur ging. Deshalb mussten die beiden, und dann auch ich, so lachen.“

Diese akribisch gepflegte Saubermannfassade eines Mannes, einer Familie, ja vielleicht sogar eines ganzen Ortes oder Landes legt Karl Ove Knausgård schon mit dem ersten Band seines sechsteiligen Zyklus in Schutt und Asche.

Schonungslos erzählt

Sterben ist 575 Seiten lang. In ihm wird monologisiert, es werden Gespräche wiedergegeben, Ereignisse in Gedankenprotokollen abgespielt. Der Autor bewegt sich in der Zeit hin und her. Der Jugendliche erinnert sich an seine Kindheit, der Mann an seine Jugend. Die Sprache in der dies geschieht, und ich habe – wie immer – die deutsche Übersetzung gelesen, liest sich wunderbar. Dieser Schriftsteller, der an väterlichem Liebesentzug litt, legt sehr viel Liebe in seine Erzählsprache. Es geschieht nicht viel auf diesen 575 Seiten und doch ist das Buch zu keinem Zeitpunkt langweilig. Sterben ist eines der Bücher, die man am Ende zuklappt und bedauert, dass es zu Ende ist. In diesem Fall ist das nicht ganz so schlimm, denn es gibt ja noch fünf Bände in denen Karl Ove Knausgård sein Leben erzählt.

Für das Herz ist das Leben einfach: Es schlägt, solange es kann.

In diesem ersten Satz des Zyklus wird nicht suggeriert, dass das Leben einfach sei. Vielmehr sagt er, dass das Leben gar nicht so viel sei. „Und der Tod, den ich stets als die wichtigste Größe im Leben betrachtet hatte, dunkel, anziehend, war nicht mehr als ein Rohr, das platzt, ein Ast, der im Wind bricht, eine Jacke, die von einem Kleiderbügel rutscht und zu Boden fällt“, heißt es am Ende. Dass das Leben so viel mehr ist als das, beweist die Tatsache, dass sich hier einer in unzähligen Seiten von der Seele schreibt, was ein anderes Leben in seinem verpfuscht hat. Solange das eigene Herz schlägt, solange spürt man auch das Gewicht des Lebens. Die Antwort auf die Frage, wie es sich anfühlt, wenn das eigene Leben zu schwer wiegt, steht in den sechs autobiographischen Romanen von Karl Ove Knausgård.

Karl Ove Knausgård: Sterben, 575 S., 10,99 Euro. btb Verlag, als Taschenbuch erschienen 2013.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.