Katharina Hagena: Das Geräusch des Lichts

Der Welt den Spiegel

Ein Buch ist ein Buch ist ein Buch. Eine Geschichte ist eine Geschichte ist eine Geschichte. Ein Mensch ist ein Mensch ist ein Mensch.

Nein, meine Tastatur hat keinen Hänger und mein Hirn hoffentlich auch nicht. So lässt sich kurz und knapp Katharina Hagenas gerade erschienener Roman Das Geräusch des Lichts zusammenfassen. Um was es geht? Das wiederum lässt sich so genau nicht sagen. Um alles und nichts. Um Leben und Tod. Wahrheit und Fiktion. Mensch und Natur. Erinnern und Vergessen. Um die Liebe. Und um die Macht der Worte.

Das Geräusch des Lichts ist Katharina Hagenas dritter Roman. Ihr Debüt Der Geschmack von Apfelkernen gehört zu dem Besten, was die deutsche Gegenwartsliteratur hervorgebracht hat. Es schafft das, was nur ganz wenigen deutschen Büchern gelingt: Schweres leicht machen, große Themen verhandeln und dabei nie vergessen, zu unterhalten. Ihr zweites Werk Vom Schlafen und Verschwinden ist düsterer, verworrener, tiefgreifender und eröffnet gegenüber dem Erstling eine ganz neue Welt. So auch Das Geräusch des Lichts, das sich noch deutlicher von seinen Vorgängern absetzt.

Erzählen gegen das Vergessen

Wer bin ich – und wenn ja wie viele? Selten war diese Frage so berechtigt wie hier. Eine Frau sitzt in einem Wartezimmer, so viel ist sicher. Wo und warum und mit wem genau, da wird’s dann schon wieder etwas fragwürdig. Ein Mann mit seinem Sohn, eine junge Frau und eine ältere Frau befinden sich mit ihr in diesem Raum. Nacheinander erzählt sie uns ihre Geschichte. Also, ihre Geschichte ihrer Geschichten. Sie kennt diese Menschen nicht und dichtet ihnen Biographien an. Warum? Vielleicht, um über ihre eigene nicht nachdenken zu müssen.

Seit drei Wochen zieht sich meine Gegenwart quälend in die Länge, während sie mir rückblickend vorkommt wie nie dagewesen. Ich trage keine Uhr und suche verstohlen die Handgelenke der Frau zu meiner Linken ab. (…) Mein Blick fällt auf ihren Fuß, der, kaum merklich, auf und ab wippt. An der Schuhsohle klebt eine winzige hellgraue Feder. „Im Auto“ hat mein Vater gesagt, sie seien „im Auto“ gewesen. Doch ich verbiete mir, weiter darüber nachzudenken. Ich sehe auf die Feder und schweife ab.

Puh, das klingt kompliziert! Mag sein, liest sich aber nicht so. Man schwebt geradezu durch die Kapitel, getragen von Hagenas wunderbaren Worten und der Faszination ihrer Charaktere.

5 Seiten einer Geschichte

Wir treffen auf die sensible Moos-Forscherin Daphne Holt, die in Kanada ihre verschollene Freundin sucht und vielleicht ja die Liebe findet. Einen Musiker, der seine Frau bei einem Unfall verloren hat und ihr letztes Projekt, die Geräusche des Nordlichts aufzunehmen, vollenden will. Den Jungen Richard, der unter dem Asperger-Syndrom leidet und nach dem Tod seiner Liebsten lernen muss, mit dem Leben zurechtzukommen und in Kanadas Northwest Territories reist, um einen Weg zum Planeten Tschu zu finden, auf dem er seine Mutter und seine Schwester vermutet:

Dass meine Schwester vom Planeten Tschu stammt, kann jeder sehen, der ihre Hände genau untersucht. Legt sie ihre Zeigefinger so nebeneinander, dass sich die langen, unteren Abschnitte ihrer dünnen, weißen Finger berühren, so streben die beiden oberen Fingerglieder wie ein V auseinander. (…) Meine Mutter hat die gleichen Finger wie meine Schwester, nur viel größer, und ist daher auch eine Tschu. Inzwischen sind die beiden wieder zurück auf ihrem Planeten.

Und eine alte Frau, deren Kopf nur noch Bruchstücke ihres Lebens zusammensetzen kann. Gedankenfragmente, die sich aneinander reihen. Wo Fakt und Fiktion nicht zu unterscheiden sind.

Womit sich auch das Thema des Buches ziemlich gut beschreiben ließe. Und das Geräusch des Lichts: Fakt oder Fiktion? Existiert es nicht, nur weil man es nicht hören kann? Diese Frage lässt sich unendlich weiterspinnen und erinnert mich an ein ganz anderes Buch. Ja, ganz anders. Nämlich Harry Potter. Und zwar an die Szene, als Harry, zwischen Leben und Tod, auf Professor Dumbledore trifft:

Verraten Sie mir ein Letztes“, sagte Harry. „Ist das hier wirklich oder passiert es in meinem Kopf?“ Dumbledore strahlte ihn an (…). „Natürlich passiert es in deinem Kopf, Harry, aber warum um alles in der Welt sollte das bedeuten, dass es nicht wirklich ist?

Das ist doch das Schönste am Erzählen, und am Lesen: Es eröffnet Dir unendlich viele wunderbare Welten und die Frage, ob real oder nicht, wird plötzlich unfassbar unerheblich.

Ein Gewebe aus Worten

Auch dass wir von der Erzählerin nicht die „echten“ Geschichten ihrer Mitwartenden serviert bekommen, wird schnell klar, spielt beim Lesen aber eigentlich keine Rolle. Da begegnen uns immer wieder dieselben Motive: das Moos, Kanada, der Tod einer Frau und ihrer Tochter, das Nordlicht, der Mann mit Sohn, die weise Glasmalerin, der Mann im Regenmantel. Stets neu zusammengesetzt, stets in neuer Form. Und eigentlich erzählt sie uns auf ihre Weise immer wieder ihre eigene Geschichte.

Es sagt viel über Hagenas Können aus, dass diese Wiederholungen den Roman bereichern statt ihn zu lähmen. Dass dabei fünf so gänzlich unterschiedliche Erzählungen entstehen. Dass die feinen Fäden der Roman-Konstruktion ihr nie aus den Händen gleiten. Und vor allem: Dass eine derart dicht gewebte Geschichte derart poetisch daherkommt!

Poetisch und philosophisch. Von beidem steckt da viel drin: Warum erzählen wir? Weil uns Geschichten am Leben halten, ihm Sinn verleihen, selbst da, wo man vielleicht keinen erkennt. Um gleichzeitig zu erinnern und zu vergessen. Um zu überleben. Als Gegenmittel zur Unwirtlichkeit der Welt:

Vor allem brauche ich jetzt schnellstens eine neue Geschichte, irgendeine Art von Spiegel, mit dem man den Ungeheuerlichkeiten ins Auge blicken kann, ohne auf der Stelle zu versteinern.

Und trotz der Wucht der Themen – ganz unerwartet – ist das witzig. Wortwitzig. Frau Hagena jongliert mit Worten und Namen und lässt dabei nie einen ihrer Bälle fallen.

Das Eis meines Vaters ist anders als die Eise, die man sonst so bekommt. Die Sorten haben Namen wie „Schulfrei“, „Freude“ oder „Schöner Götterfunken“. Aber es gibt auch düstere Sorten wie „Melancola“, „Mathe-Eis“ und „Kummerspeck“. Er hat Eis für jeden Tag in der Woche. Montags gibt es Sauren Apfel, dienstags Zartbitter, mittwochs Grießbreis und donnerstags Rhabarberkucheneis mit Baiser. (…) Sonntags gibt es Mandeleis mit Meersalz in der Konzentration menschlicher Tränen. (…) Allerdings heißt es an den Feiertagen „Kyrieleis“.

Wenn ein Autor gleichzeitig schwer und leicht kann, stringent konstruiert und dabei so schön schreibt, wenn Komik und Ernst sich nicht ausschließen, dann beherrscht er die hohe Kunst. Besser gesagt: Sie beherrscht die hohe Kunst. Erzählen Sie weiter, Frau Hagena!

Katharina Hagena: Das Geräusch des Lichts. Kiepenheuer & Witsch, 20 Euro.

Leseempfehlungen:
Katharina Hagena: Der Geschmack von Apfelkernen. Kiepenheuer & Witsch, 9,99 Euro.
Katharina Hagena: Vom Schlafen und Verschwinden. Kiepenheuer & Witsch, 9,99 Euro.

Filmempfehlung:
Der Geschmack von Apfelkernen. Regie: Vivian Naefe. 2013.

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