Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht

Spät, aber nicht zu spät

Wir alle kennen die Geschichte: Boy meets Girl, sie verlieben sich, es gibt Komplikationen, aber am Ende wird alles gut. Das ist das gängige Rezept für Liebesromane. Ob sie nun seicht, kitschig, unterhaltsam, gut oder gar hervorragend sind. Wie schön, dass Kent Haruf keine Lust auf Rezeptschreiben hatte!

Man meets Woman

Sein kleiner, feiner Roman Unsere Seelen bei Nacht bricht nämlich schon beim ersten Punkt mit der Konvention: Boy meets Girl? Nein. Man meets Woman – so geht das bei Haruf. Seine beiden Protagonisten Addie Moore und Louis Waters haben – und das kann man sagen, ohne sie damit zu beleidigen – ihren Zenit schon überschritten. Sie sind beide pensioniert, verwitwet und haben erwachsene Kinder. Und trotzdem fühlen beide: Irgendwie kann es doch das noch nicht ganz gewesen sein. Darum steht eines Tages Addie vor Louis’ Haustür, im Gepäck eine Frage, die ein gar nicht so unmoralisches Angebot impliziert: Willst Du mit mir schlafen?

Was nach wildem Seniorensex klingt, ist eigentlich ganz unschuldig gemeint: Addie sehnt sich einfach nur nach jemandem, der beim Einschlafen neben ihr liegt.

Ja. Also, ich sag es jetzt einfach. Ich höre, antwortete Louis. Ich wollte fragen, ob du dir vorstellen könntest, hin und wieder zu mir zu kommen und bei mir zu schlafen. Was? Wie meinst du das? Ich meine, dass wir beide allein sind. Wir sind schon viel zu lange uns selbst überlassen. Seit Jahren. Ich bin einsam. Ich dachte, du vielleicht auch. Deshalb wollte ich fragen, ob du zu mir kommen und bei mir übernachten würdest. Und mit mir reden.

Nach kurzem Bedenken stimmt Louis zu und sie starten das Experiment: Jeden Abend läuft er den kurzen Weg zu ihrem Haus, sie ziehen sich um, legen sich ins Bett, reden lange und halten Händchen. Das war’s. Vorerst.

Nebenan

Langsam, ganz langsam entspinnt sich aus diesem vertrauten nächtlichen Ritual des Nebeneinanderliegens eine leise Liebe. Das Gerede und Getratsche missgünstiger Bekannter und der Stadtbewohner interessiert die beiden nicht – wären sie Teenager, könnte das anders aussehen, aber davon sind die beiden weit entfernt. Erst als die Kinder der beiden Wind von der „Affäre“ kriegen, kommt es zu Problemen.

Es ist, wie es so oft ist: Alles wäre gut, wenn es „die Anderen“ nicht gäbe. Die Beziehung zu ihnen, die gemeinsame Vergangenheit und unterschiedliche Erwartungen. Aber wahrscheinlich ist es auch genau das, was Kent Hauffs Buch so realistisch macht. Er spürt den Bedürfnissen und Gefühlen seiner Charaktere nach, in all ihrer Widersprüchlichkeit. In unaufgeregten Sätzen und bedächtigen Worten. Man mag Addie und Louis, gerade weil sie kein dauergrinsender Opi und keine Kittelschürzen-Omi sind. Sie haben Fehler gemacht und sie machen immer noch Fehler, mal sind sie beleidigt, mal störrisch und ein anderes Mal kindisch. Das hört niemals auf, wenn man Kent Haruf glauben will, ganz egal, wie alt man ist. Hoffentlich hat er recht.

Ein Herz für die Mutigen

Hoffen kann man auch, dass mehr Menschen tatsächlich so mutig wie Addie und Louis in diesem Buch sind. Dass sie sich ein Herz fassen und auf jemanden zugehen. Dass sie nicht alleine bleiben, weil sie glauben, sie wären zu alt dafür oder sie würden dafür schief angeschaut. Niemand muss alleine bleiben. Ob er nun 18, 30, 57 oder 85 ist. Und niemand sollte sein Leben nach „den anderen“ ausrichten. Wer das tut, verpasst oft das Beste im Leben. Denn das Leben ist kurz, das wissen auch Addie und Louis, die schon lange dabei sind.

Kent Haruf. Unsere Seelen bei Nacht. Diogenes, 2017. 20,00 Euro.

One thought on “Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht

  1. Cora

    Ich lese nur sehr selten Liebesromane, weil ich eben genau dieses Boy meets Girl Ding wenig originell und meistens sehr langweilig finde. Das Buch klingt allerdings nach einer willkommene Ausnahme. Ich werde es mir auf jeden Fall noch einmal genauer anschauen! 🙂

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